Mit der Geduld am Ende

Wie ein Bau- und Gartenmarkt unter dem Lockdown leidet

Geschäftsführer Jens Hilgert im Gartencenter-Bereich: Er würde den kompletten Baumarkt lieber heute als morgen öffnen.
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Geschäftsführer Jens Hilgert im Gartencenter-Bereich: Er würde den kompletten Baumarkt lieber heute als morgen öffnen.

Dort, wo sonst freitags nachmittags kaum mehr ein Parkplatz zu bekommen ist, stehen nur zwei Dutzend Autos. Die Zahl der Besucher hält sich sehr in Grenzen. Der Caterer im Eingangsbereich hat nur zum Mittagstisch auf, an der Theke der Bäckerei Grote rührt sich auch nicht viel. Der Neuenrader Hagebaumarkt Arens & Hilgert – noch im vergangenen Jahr laut Politik zu den systemrelevanten Branchen gehörend – hat zwar geöffnet, aber nur Gartencenter und Tierbedarfsbereich dürfen von Kunden besucht werden.

Neuenrade – Es ist Jens Hilgert, Geschäftsführer des Baumarktes, anzumerken: Die Situation zerrt an seinem Nervenkostüm. Der Frühjahrseinkauf, die Verantwortung für die Mitarbeiter, fehlende klare Ansagen der Politik, keine Planungssicherheit – das alles tut einem Unternehmer nicht gut. Noch am Vormittag war er in einer Videokonferenz mit dem niedersächsischen Wirtschaftsminister (Hagebau hat den Hauptsitz in Niedersachsen) und etlichen anderen Hagebau-Mitgliedern – ohne greifbares Ergebnis. Viel Begeisterung für die Konzepte der Baumärkte, Rhetorik und viel Verständnis des Ministers habe es gegeben – aber wem nütze das, fragt Hilgert. Niemand wisse derzeit etwas Genaues. Nicht nur er sei langsam mit der Geduld am Ende. Hilgert verweist darauf, dass in NRW jedenfalls Baumärkte gegen die Schließungen klagten – die Urteile zu Gerichtsverfahren wären dann wohl Präzedenzfälle sagt Hilgert.

Die Kriterien sind nicht klar

Die Politik – die sieht Jens Hilgert zurzeit sehr kritisch. Es sei nicht klar, nach welchen Kriterien eine Öffnung erfolge – nach Inzidenzwert des Landes oder des Landkreises oder gar lokal. Als Zeitpunkt der Öffnung hoffte Hilgert auf den heutigen Montag (1. März) wie in Sachsen-Anhalt und Bayern oder spätestens am 8. März. „Wie soll man da planen?“, fragt Jens Hilgert sicher nicht ganz zu Unrecht. Er musste viel Geld in die Hand nehmen. „Mein ganzer Frühjahrsbezug ist hier“. Er hat sich dabei auch auf Aussage von Jens Spahn verlassen. Hilgert zitiert den Minister, der ja gesagt habe, dass er „mit dem Wissen von heute keinen Einzelhandel mehr schließen“ würde.

„Aus rein wirtschaftlichen Gründen müsste ich den Laden eigentlich abschließen.“

Jens Hilgert, Geschäftsführer des Hagebaumarktes Arens & Hilgert

Viel hat Hilgert in seinem Betrieb getan, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten: Er verfügt über „traumhafte Lüftungszustände“ (Skydach im Gartencenter und hochwertige Be- und Entlüftung von Klimatechnik Lepping). Zudem habe er ein klasse Hygiene-Konzept. Die offiziellen Vorgaben, wie sie derzeit diskutiert werden – „ein Kunde pro 20 Quadratmeter“ – hält er für seinen gut 10 000 Quadratmeter großen Baumarkt für gar nicht machbar. So eine Kundenfrequenz würde er seinen Kunden gar nicht zumuten. Er habe auch nur 200 Parkplätze. Diese Diskrepanz zwischen Vorgabe und Realität zeige auch das Dilemma. Zudem: „Jeder vermisst ein Konzept“, sagt Hilgert.

So wird Sinnvolles unterbunden

Vieles kann er nicht nachvollziehen oder er vermisst Entscheidungskompetenz. So hatte er beim Ordnungsamt angefragt, ob er nicht nach Ladenschluss zehn Leute reinlassen dürfe. Termine, Handynummer, Vorbesprechung, Kontaktdaten alles sei vorbereitet gewesen. Quadratmeterzahl pro Bereich und pro Person ebenfalls. Man habe das gut gefunden aber keine Entscheidung treffen wollen. Dann habe die lokale Behörde höheren Orts nachgefragt und am Ende sei das Ganze dann verboten worden. Das sei ein Beispiel dafür, wie etwas Sinnvolles unterbunden würde. Viele Entscheidungen zur Pandemie könne niemand nachvollziehen. „Jeder Kunde sagt mir hier, dass er es nicht mehr versteht, was da passiert.“ Staatliche Hilfen hat Arens & Hilgert beantragt, aber da gilt es noch viele Details zu klären.

Jens Hilgert wünscht sich jedenfalls eins: Eine Öffnung möglichst bald und wenn es auch nur in geringem Maße ist. „100 Quadratmeter pro Kunde, Maskenpflicht. Ich bin zu allem bereit.“

Online-Geschäft hat Grenzen

Die Frage, ob Online-Geschäfte etwas kompensieren würden, muss Jens Hilgert zum größten Teil verneinen, denn auch der Verkauf über das Internet habe seine Grenzen. Von Null auf 100 zu einem Amazon-ähnlichen Geschäft zu mutieren, sei einfach nicht machbar. Viel passiere dann eben telefonisch. Dann seien die Bestellungen auch innerhalb von zwei Stunden bereitgestellt. Zudem spiegele die Internetseite von Hagebau nur einen kleinen Teil des Arens-&-Hilgert-Sortiments wieder.

Viele Dankesworte von Kunden

Für Hilgert ist klar. Aus „rein wirtschaftlichen Gründen“ müsse er den Laden eigentlich abschließen und alle Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken. Aber: Er lasse das Geschäft auch geöffnet, um für die Kunden ein Zeichen zu setzen. „Wir sind für Euch da.“ Permanent habe er rund 20 Leute vor Ort, die sich kümmerten.

Eine positive Erkenntnis zieht Geschäftsführer Jens Hilgert aus diesem Lockdown dann doch noch. „Es tut doch gut, zu hören, wie extrem uns die Kunden vermissen“. Das Wort Danke habe ich in all der Zeit vorher nicht so oft gehört wie jetzt.“

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