Unfallopfer erzählt

Wie Blutspenden das Leben eines Familienvaters gerettet haben

Unfallopfer Nino Arra verdankt sein Leben ärztlicher Kunst und am langen Ende auch den Spendern, die mit ihrem Blut für sein Überleben gesorgt haben.
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Unfallopfer Nino Arra verdankt sein Leben ärztlicher Kunst und am langen Ende auch den Spendern, die mit ihrem Blut für sein Überleben gesorgt haben.

Wie schnell man auf Blutspenden angewiesen sein kann, hat ein Familienvater aus dem Märkischen Kreis am eigenen Leib erfahren. Auf dem Heimweg von der Arbeit wurde er in Lüdenscheid einen schweren Unfall verwickelt, musste anschließend mehrfach operiert werden. Ärztliche Kunst, aber auch Spenderblut retteten sein Leben.

Neuenrade ‒ „Wie aus heiterem Himmel.“ Wenn eine Formulierung auf jemanden zutrifft, dann auf Nino Arra. Es war vor zehn Jahren in Lüdenscheid und der Himmel war tatsächlich heiter. Und Nino Arra, der damals als gelernter Altenpfleger arbeitete, kam „einmal pünktlich“ weg. In der Nähe der großen Autobahnbrücke fuhr er mit seinem Motorrad bei Grün an – und wurde von einem Auto überfahren. Er wurde schwer verletzt. Ärztliche Kunst und auch Spenderblut retteten sein Leben.

Nur noch bruchstückhafte Erinnerungen hat er an die Situation. Den Unfallhergang hat er sich erzählen lassen. Er kann sich an das viele Blut erinnern und dass er dem Ersthelfer die Telefonnummer seiner damaligen Freundin und jetzigen Ehefrau gegeben hatte. In der Klinik gelang es den Ärzten, sein Leben zu retten, in einer zehn- bis zwölfstündigen Operation. Nino Arra erinnert sich, dass ein Arzt ihm später gesagt habe, dass er sicher nicht überlebt hätte, wenn ihm der Unfall ein paar Jahre früher passiert wäre. Die Liste der Verletzungen ist lang: Er erlitt viele Knochenbrüche, innere Verletzungen, einen kollabierten Lungenflügel und eine inkomplette Querschnittslähmung. Seine erste bewusste Erinnerung ist, dass er die Augen öffnete und ein Beatmungsgerät vor dem Mund hatte. Das war nach sechs Tagen auf der Intensivstation.

Vorbereitung auf ein neues Leben

Er kam in eine Fachklinik, ins Bochumer Universitätsklinikum Bergmannsheil. „Das ist eine Top-Klinik“, weiß Arra. Es galt einiges zu korrigieren. „Ich weiß nicht, wie viele Operationen ich danach noch hatte,“ sagt Nino Arra heute. Die letzte OP hatte er jedenfalls 2012. Jede Menge Drähte und lange Schrauben hatte er in sich. Er hat heute noch eine Sammlung der wieder herausoperierten Titanteile.

Es war ein langer Weg: Die seelische Bewältigung des Geschehens, die Akzeptanz der Querschnittslähmung, die Auseinandersetzung mit der gegnerischen Versicherung mit üblen Briefen – all das hätte Nino Arra ohne Verwandte und „Freunde wie Christian“ kaum bewältigen können. Der Umgang mit der dauerhaften Verletzung, damit zu leben lernen, möglichst viel Selbstständigkeit zu bewahren, das habe er auch den Bochumern zu verdanken. Die haben Psychologen oder zeigen einfach, wie man sich als Gehandicapter selbst anziehen kann, wie der Umgang mit dem Katheter und weiteren Beeinträchtigungen zu erfolgen hat. Narra resümiert: „Im Bergmannsheil hat man mich gut auf das neue Leben vorbereitet.“ Es klingt auch die Liebe zu seiner Frau durch, wenn er davon erzählt, dass sie treu zu ihm gestanden und sich um alles und vor allen Dingen um ihn gekümmert habe. Das sei nicht selbstverständlich bei Querschnittsgelähmten, habe er in Bochum bei anderen erlebt.

Die Schrauben und Drähte, die seine gebrochenen Knochen gestützt haben, hat Nino Arra behalten.

Nino Arra führte ein ganz normales Leben. Er war der sportliche Typ. Er ging gern Klettern, machte Kampfsport. Bis zum Unfall. Aber: Heute führt Familie Arra mit zwei Kindern im Kindergartenalter ein offensichtlich lebenswertes Leben. Das Trauma scheint überwunden. Nino Arra lebt mit seinem Handicap, er ist aber auf Physiotherapie angewiesen, weil er unter Muskelkrämpfen leidet. Die Therapie hilft ihm, zumindest zuhause auf den Rollstuhl verzichten zu können und stattdessen den Gehwagen zu nutzen. Seine Kinder wachsen damit auf. „Für die ist das alles kein Problem“, sagt Arra. Und er mag den Begriff Behinderter nicht. „Ich bin kein Behinderter, sondern ich werde behindert.“ Damit spielt er auf all die Hindernisse an, die einem Rollstuhlfahrer überall begegnen und ihn in seiner Selbstständigkeit beeinträchtigen. Das fängt bei fehlenden Auffahrhilfen an und hört bei lebensgefährlich steilen Rampen auf. Hinzu kommt das strategische Vorausplanen zum Beispiel bei Urlauben.

Mehr als zehnstündige Not-Operation

Nino Arra, gelernter Altenpfleger und Case-Manager ist zudem froh, dass er als Inhaber einer Physiotherapiepraxis seine Familie ernähren kann. Ihm gehört Physio Balance im Mühlendorf. Sieben Mitarbeiter beschäftigt er.

Eine mehr als zehnstündige Not-OP, viele Folgeoperationen: Für Nino Arra ist auch klar geworden, dass er das alles nicht ohne einen wichtigen Aspekt überlebt hätte: gespendetes Blut. Deshalb sein Appell: „Viel und häufig spenden.“ Nicht nur bei Unfällen mit hohem Blutverlust sind Blutspenden nötig. Externes Blut wird auch bei anderen Operationen oder Krankheiten nötig. Der Neuenrader Facharzt für Chirurgie Dr. Torsten Schulz kennt das Problem der Blutknappheit schon lange – er war schon einmal Transfusionsbeauftragter und hat zudem Blutspenden betreut: „Blut war immer knapp.“ Jetzt, zu Coronazeiten, gelte das ganz besonders. „Die Leute sollten jetzt spenden. Das ist einewichtige Sache und hat schon viele Leben gerettet.“ Blut werde benötigt bei Blutkrankheiten, Systemerkrankungen oder Krebserkrankungen und eben Unfällen. Auch Blutbestandteile würden benötigt. Schulz erwähnt hier Menschen mit Blutgerinnungsstörungen.

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