Interview mit Dr. Rafaela Wingen

Weihnachten in Zeiten der Corona-Pandemie: Das rät eine Psychologin

Dr. Rafaela Wingen
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Dr. Rafaela Wingen

Für viele Menschen beginnt am Heiligen Abend eine ganze besondere Zeit. Sie haben Gelegenheit, den üblichen Alltag hinter sich zu lassen, innezuhalten – und sich während der Feiertage ihrer Familie zu widmen.

Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Seit März durchleben ein Großteil der Familien durch die Einschränkungen im öffentlichen Leben ohnehin eine Zeit der Entschleunigung. Viele Eltern haben während der Pandemie deutlich mehr Gelegenheit, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Führt diese Entwicklung dazu, dass es dem diesjährigen Weihnachtsfest an Exklusivität fehlt?

Dr. Rafaela Wingen, die in Neuenrade eine Praxis für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie und Verhaltenstherapie betreibt, wirft im Gespräch mit Redakteurin Carla Witt einen Blick auf Besonderheiten und Möglichkeiten des Weihnachtsfestes 2020.

Was macht das Weihnachtsfest in diesem Jahr besonders?
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich das Jahr in Bezug auf die Entwicklung in den Familien anschauen. Kinder und Eltern sahen sich in den vergangenen Monaten besonderen Herausforderungen gegenüber gestellt. Der Lockdown führte zu einem Verlust der Tagesstruktur, zu belasteten Eltern, die Homeoffice und Betreuung der Kinder aufeinander abstimmen mussten, zu Einsamkeit, zu ökonomischen Existenzbedrohungen und zu einem Rückgang von sozialen Kontakten. Die Belastung des vergangenen Jahres war somit über das normale Maß vorhanden.
Also müssen die üblichen Feiertags-Erwartungen heruntergeschraubt werden?
Weihnachten könnte in diesem Jahr ebenso besinnlich und schön wie in den vergangenen Jahren werden. Trotz der pandemischen Stressbelastung des Jahres kann ein friedvolles Weihnachtsfest im Kreise der Liebsten den Wunsch nach Sicherheit und Traditionen erfüllen.
Viele Familien treffen sich traditionell an den Feiertagen, um im großen Kreis zu feiern. Das ist coronabedingt nicht möglich. Wie wirkt sich die Kontaktreduzierung aus?
Vielleicht wird der eine oder andere sogar erleichtert aufatmen, da in diesem Jahr rituelle Verwandtenbesuche ausfallen sollten. Dennoch überwiegt bei vielen der Wunsch, dieses besondere Fest gemeinsam mit Menschen zu verbringen, die einem nahe stehen. In diesem Jahr wird es das Fest der Kernfamilie. Videotelefonie und Gottesdienstübertragungen werden das Fest 2020 prägen. Weihnachtsmärkte als Einstimmung und der für einige Familien traditionelle Urlaub an den Feiertagen sind ersatzlos gestrichen. Das ist hart, aber macht vielleicht die Besinnlichkeit und Stille vor und während des Festes erstmals wirklich spürbar.
Gerade an den Feiertagen, wenn Familien Zeit füreinander haben, kommt es manchmal zu Streitigkeiten. Besteht diese Gefahr auch in diesem Jahr?
Das Zusammenleben auf engem Raum ohne viele Ausweichmöglichkeiten ist nun seit März geübt worden. Da wird es an Weihnachten in dieser Hinsicht keine bösen Überraschungen geben.
Ein Fest der Kernfamilie: Große Familienfeiern zu Weihnachten soll es 2020 nicht geben. Vielleicht wird durch diesen Umstand die Besinnlichkeit und Stille des Festes spürbar, meint Dr. Rafaela Wingen.
Manche Senioren werden in diesem Jahr alleine feiern müssen, weil Kinder und Enkelkinder sie vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus schützen wollen – und deshalb auf Besuche verzichten.....
Von der potenziell letalen Bedrohung einer Covid-19 Infektion sind insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen betroffen. Hier gilt es Alternativen zur drohenden Vereinsamung an Weihnachten zu schaffen. Videobotschaften, Weihnachtsbriefe, ausgiebige Telefonate oder Transparente vor Pflegeheimen können Isolationen im Rahmen eines höheren Alters oder einer Erkrankung vorbeugen.
Die Weihnachtsfeiertage sind normalerweise eine Zeit, in der die Menschen die Sorgen des Alltags zumindest kurzfristig vergessen können. Auch in diesem Jahr?
Ein Punkt, der das Weihnachtsfest 2020 prägen wird, ist die Befürchtungsdynamik. Die Sorge vor Ansteckung und den gesundheitlichen Konsequenzen wird in unterschiedlichem Ausmaß in den Familien zu Veränderungen führen. Ängste entstehen, die an Tagen des absoluten Stillstandes ihren Höhepunkt finden können. Die Umstände und Andersartigkeit des diesjährigen Weihnachtsfestes lässt einen die Ungewissheit und Sorgen nicht vergessen. Das Miteinander und eine empathische Fürsorge bekommen in dieser Hinsicht eine enorme Bedeutung.
Und wie wirkt sich das „Verzichten-Müssen“, das seit Monaten ein Thema ist, auf die Stimmung der Menschen aus?
Leider gibt es keine objektive Verteilung des Verzichts. Jugendlichen und Singles fällt der Verzicht zum Wohle der Gesellschaft schwerer als Menschen, die für gewöhnlich sehr viel Zeit zu Hause ohne soziale Kontakte verbringen. Jeder empfindet die zusätzlichen sozialen Einschränkungen unterschiedlich.
Gibt es eine Möglichkeit, diejenigen zu unterstützen, die besonders darunter leiden, dass sie momentan verzichten müssen?
Vielleicht könnte man die Weihnachtszeit dazu nutzen, um den Verzicht auf soziale Kontakte als menschliches Füreinander und Miteinander zu zelebrieren. Diejenigen zu stärken, die mehr Verzicht üben müssen. Sozusagen als großes Weihnachtsgeschenk, an dem jeder mitarbeitet. Es ist eine Leistung für die man keine unmittelbare Entschädigung oder Gegenleistung bekommt. Sozusagen ein Akt der Nächstenliebe im Sinne der ursprünglichen Bedeutung von Weihnachten.

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