Jede Menge harte Arbeit - aber in ländlicher Idylle

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Ländliche Idylle in Estland

Neuenrade - Wanja Zemke verbringt nach seinem Abitur an der Neuenrader Waldorfschule ein Jahr als freiwilliger Helfer auf einem traditionellen Bauernhof im Süden von Estland.

Dort musste er zunächst feststellen, dass viele Dinge alles andere als selbstverständlich sind. „Ein Jahr in Estland auf einem kleinen, traditionellen Bauernhof“, das klinge ja sehr romantisch, schreibt Wanja Zemke in seinem ersten Bericht aus Estland. „Und so ist es auch irgendwie.“

Abgelegen und nur über Privatwege zu erreichen ist der kleine Hof, auf dem er den größten Teil seiner Zeit verbringt. Kühe, Schafe und Ziegen säumen die Wiesen rund um die Gebäude. Auf einem Gemüseacker gedeihen Kartoffeln, Karotten, Sellerie, Lauch, Rote Beete und vieles mehr. Hinter der Idylle steckt viel Arbeit Schon am ersten Arbeitstag musste Zemke jedoch erfahren, dass hinter der Idylle jede Menge Arbeit steckt.

Wanja Zemke entwickelt eine neue Perspektive in Sachen Landleben.

Mit einer einfachen Handsense muss er jeden Morgen das Gras für den Bullen mähen, für den er verantwortlich ist. Doch das ist noch nicht alles: „Spätestens wenn man mal mit Spaten und per Hand einen Jahresbedarf an Kartoffeln geerntet hat, wird einem bewusst, wie viel Arbeit dahinter steckt.“ Dafür schmecke das Gemüse aber sehr frisch. Das alles ist nur der Teil, der nötig ist, um den Hof selbst zu versorgen. Einnahmen für das Betreiben von Maschinen wie Motorsägen fallen da noch nicht ab. Auch die jeden Abend qualmenden Schornsteine seien nur mit regelmäßigem Bäumefällen, Holzspalten und Sägen möglich. Und selbst der Wald benötige regelmäßige Pflege, bevor man Brennholz schlagen kann.

Damit das alles zu schaffen ist, beginnt der Arbeitstag für die Jugendlichen sowie der Freiwilligen um Wanja Zemke schon um 7 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück und Gebet. Um 16.30 Uhr geht die Arbeit mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken zu Ende. Aber auch am Abend müssen die Tiere versorgt werden. Ein Motiv für die Auswahl der Einsatzstelle sei es gewesen, einen niedrigeren Lebensstandard zu erleben. Tatsächlich gibt es im Haus weder fließendes Wasser noch eine Toilette. Gegessen wird das, was man selbst produziert hat und geheizt mit dem selbst geschlagenem Holz. „Anfangs kam mir der Standard auch sehr niedrig vor“, berichtet Wanja Zemke. So habe er erst dort ein Bewusstsein für Dinge wie fließendes Wasser entwickelt. Im Grunde fehlt es an nichts „Betrachte ich meine Situation jedoch nun näher, dann fällt mir auf, dass ich noch immer im Überfluss lebe. Ich habe sauberes Wasser, kann essen so viel ich will und muss nie Hunger leiden.“ Auch könne er jederzeit heizen, habe ein eigenes Schlafzimmer und eine Waschmaschine. Sogar eine Sauna gibt es auf dem Hof.

 „Kurz gesagt, ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen niedrigeren Lebensstandard habe.“ Ganz anders als erwartet hatte sich bereits der Beginn des Jahres in Estland dargestellt: „Der Vorfreiwillige und Markus von Schwanenflügel, der Leiter des Hofes, haben mich gemeinsam von dem Bus abgeholt“, berichtet Zemke. Gemeinsam fuhren sie zum Viljandi-Folkmusik-Festival, das zu der Zeit in vollem Gange war. Den ersten Abend in Estland verbrachte Zemke dann auf Konzerten, bei denen Bands mit traditioneller estnischer Musik auftraten. „An den Wegen auf dem Festivalgelände spielten Kinder auf Geigen, Flöten und traditionellen Instrumenten, für die ich noch heute keine Namen kenne, manche haben sogar dazu gesungen“, berichtet er.

Schon dieser Abend habe ihm so einen Eindruck von dem Land gegeben. Obwohl auf dem Hof selbst Deutsch gesprochen wird (das Gründer-Ehepaar kommt aus Deutschland), bekommt Wanja Zemke seit einigen Wochen Estnisch-Unterricht. Inzwischen habe er sich gut eingelebt, sagt er. „Vor Kurzem in der Stadt habe ich mich dabei erwischt, wie ich gesagt habe, ,wir gehen jetzt nach Hause’.“

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