"Klimakraftwerk" Wald kurz vor dem Aus

Waldsterben in ganz Deutschland: „Wir sind kurz vor der großen Krise“

+
Jörn Hevendehl zeigte anhand einer Karte, wie der Zustand des Bodens deutschlandweit in 1,80 Metern Tiefe ist. Große Flächen sind außergewöhnlich stark von der Dürre betroffen. Das Regenwasser gelangt nicht tief genug in den Boden, um die Wurzeln der Bäume zu erreichen.

„Im Märkischen Kreis haben wir in diesem Jahr eine mittlere bis schwere Dürre – die Lage ist dramatisch“, sagte am Freitag Jörn Hevendehl als Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland. Hevendehl machte auf die unmittelbaren Auswirkungen der Situation für die Gesellschaft aufmerksam.

Gemeinsam mit dem Revierförster Frank Bossong führte er den heimischen CDU-Landtagsabgeordneten Marco Voge durch besonders stark betroffene Waldgebiete in Neuenrade. Dabei ging es aber nicht nur um die Trockenheit, sondern auch um die anhaltende Borkenkäferplage. Beides steht in direktem Zusammenhang, wie Hevendehl bei der Führung erklärte. „Durch den Wassermangel wird das Immunsystem der Bäume geschwächt“, erläuterte Hevendehl.

Jörn Hevendehl erklärte Marco Voge (links) die dramatische Situation in den hiesigen Wäldern.

„Denn ohne Wasser nimmt die Harzproduktion ab, kann sogar gänzlich zum Erliegen kommen.“ Harz sei jedoch die einzige „Waffe“, die der Baum im Kampf gegen den Borkenkäfer zur Verfügung hat. „Eine gesunde Fichte beispielsweise vergießt bei einem Schädlingsbefall Harz, um den Borkenkäfer darin zu ertränken.“

Wasser an der falschen Stelle

Hat die Fichte aber kein oder kaum Harz zur Verfügung, „hat sie keine Chance. Sobald sich der Borkenkäfer unter der Rinde eingenistet hat, muss sie gefällt werden“.

Marco Voge (rechts) ließ sich unter anderem von Revierförster Frank Bossong das Käferholz zeigen. In der abgeschälten Rinde befand sich ein lebender Borkenkäfer.

„Das Problem ist auch in diesem Jahr gar nicht, dass der Niederschlag im Durchschnitt zu gering ist. Vielmehr sind es die extremen Wetterlagen, die uns zu schaffen machen“, erklärte Hevendehl. „Erst ist es wochenlang trocken, dann geht ein kurzer Starkregen nieder, den der Boden so schnell aber gar nicht aufnehmen kann.“ Vielmehr schwimme das Wasser einfach Weg, „zuerst in den nächsten Fluss und dann weiter in die Nordsee“.

Spürbare Auswirkungen

Das Wurzelwerk der Bäume befindet sich in etwa 1,80 Metern Tiefe. Entsprechend gleichmäßig müsse es regnen, damit das Wasser bis in diese Erdschichten sickern kann. Jüngere Baumkulturen – unter anderem auch die Aufforstungen nach Sturm Kyrill im Januar 2007 – sind durch die Situation in ihrer Vitalität bereits geschwächt. „Der Vorteil, den diese Bäume haben, ist das noch nicht voll ausgeprägte Wurzelwerk. Weil die Wurzeln nicht ganz so tief liegen, werden sie etwas besser mit Wasser und Nährstoffen versorgt“, erklärte Hevendehl.

„Die Menschen werden erst dann merken, was sie am Wald haben, beziehungsweise dann hatten, wenn er nicht mehr da ist“, sagte Hevendehl. Dass gerade die älteren Bäume durch die Trockenheit dem Borkenkäfer erliegen, habe enorme und auch spürbare Auswirkungen auf das Klima. „Die alten Bäume können bis zu 18 Tonnen CO2 pro Jahr und pro Hektar binden. Junge Kulturen schaffen dagegen gerade einmal 500 Kilogramm“, erläuterte der Experte.

„Es wird deshalb weniger Feinstaub gefiltert. Das kann man mittlerweile schon im Alltag merken, weil die Luftqualität schlechter wird. Wir stehen ganz kurz vor der großen Krise.“

Viel Arbeit für die Förster

Dass ein Baum vom Borkenkäfer befallen ist, lässt sich schwer auf einen Blick erkennen. „Die Bäume bleiben grün und sehen auch sonst gesund aus“, sagte Frank Bossong, Revierförster in Neuenrade.

Nur anhand des Bohrmehls lässt sich erkennen, dass ein Borkenkäfer sich unter der Rinde eingenistet hat. 

„Einziges Erkennungsmerkmal ist das Sägemehl der Borkenkäferlöcher, das sich am unteren Teil des Stammes auf dem Moos absetzt.“ Deshalb müsse jeder Baum einzeln abgelaufen und kontrolliert werden. „Dafür haben wir aber kaum die Kapazitäten. Wir arbeiten ohnehin schon im Überstundenmodus“, ergänzte Jörn Hevendehl. „Und hinzu kommt, dass die Förster im Großteil der Wälder nur beratend tätig werden. Nur 20 Prozent der Wälder befinden sich in staatlichem Besitz. 80 Prozent sind Privateigentum“, so der CDU-Landtagsabgeordnete Marco Voge. „Das ganze macht schon etwas ratlos.“

„Wir müssen jetzt alle Kapazitäten bündeln“, sagte Hevendehl. „Das Klimakraftwerk Wald ist nicht wiederaufstellbar, wenn es einmal zusammengebrochen ist.“ Voge versicherte: „Wir sind schon dabei, neue Fördermittel bereitzustellen.“ Hevendehl: „Geld ist die eine Wahrheit, die fachlich korrekte Umsetzung später die andere.“ Für Letztere benötige das Forstamt weitere Mitarbeiter: „Damit wir mit der Schnelligkeit des Käfers mithalten können, bräuchten wir fünf neue Arbeiter. Sonst frisst der Käfer weiterhin schneller, als wir schneiden können.“

Auch in Neuenrade sind viele Bäume vom Borkenkäfer befallen. Hier werden 480 Festmeter Containerholz wegen des Befalls abgeholzt.

Das wirke sich auch wirtschaftlich aus, obwohl das Käferholz voll verwertbar ist: „Die riesigen Mengen werden als Container-Holz nach China und Korea verschifft, um schnellstmöglich in den hiesigen Wäldern Platz zu schaffen“, erläuterte Hevendehl – und berichtete von fallenden Holzpreisen: „Für den Festmeter hat man normalerweise zwischen 100 und 115 Euro erhalten. Containerholz bringt gerade einmal 47 Euro pro Festmeter.“

Waldbesitzer verdienten damit zwar auf den ersten Blick immer noch etwas, mittelfristig sei es aber ein Verlustgeschäft. „Der Wald muss ja wieder aufgeforstet werden, deshalb zahlen die Besitzer insgesamt drauf.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare