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Vielseitiger Erfinder: Drahtbüschelsieb, Schützenmarsch und Pornokalender

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Von: Carla Witt

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Der Neuenrader Bernd Buntenbach hat sich auf die Spuren des Erfinders Erich Stamm begeben. Stamm hat nicht nur das Reon-Tüllensieb erfunden, sondern auch den Neuenrader Schützenmarsch geschrieben.
Der Neuenrader Bernd Buntenbach hat sich auf die Spuren des Erfinders Erich Stamm begeben. Stamm hat nicht nur das Reon-Tüllensieb erfunden, sondern auch den Neuenrader Schützenmarsch geschrieben. © Carla Witt

Wenn der Neuenrader Bernd Buntenbach den kleinen, besenförmigen Gegenstand aus Draht betrachtet, werden Kindheitserinnerungen wach: Er kannte den Erfinder des „Drahtbüschelsiebs für Kannentüllen“, hat ihn sogar mit Kartons beliefert, damit die Erfindung von Neuenrade aus weltweit verschickt werden konnte.

Neuenrade ‒ Durch Zufall ist Buntenbach wieder an Erich Stamm und die Geschichte des 1936 patentierten Reon-Tüllensiebs erinnert worden. Das veranlasste ihn Nachforschungen anzustellen und sich auf die Suche nach der Patenturkunde zu begeben. Er wurde fündig – und davon soll jetzt auch das Stadtmuseum profitieren.

Warum ausgerechnet ein Neuenrader ein Teesieb erfunden hat, kann Buntenbach nicht erklären. „Eigentlich trinkt man hier doch lieber Bier als Tee“, stellt er schmunzelnd fest. Und ob Erich Stamm vielleicht ein ausgesprochener Liebhaber dieses Aufgussgetränks war, weiß der Neuenrader nicht. Dass der Erfinder einst in einer Garage an der Bahnhofstraße – hinter der ehemaligen Post – vor sich hin tüftelte, hatte aus dem Blickwinkel der Kinder sicher auch etwas Geheimnisvolles. Zumal auch das Haus, zu dem diese Garage gehörte, nach einem geheimnisumwitterten Seefahrer benannt war: „Im Volksmund hieß es nur das ,Haus von Columbus’“, sagt Buntenbach.

Bei seinen Nachforschungen ist er auf einen weiteren Zeitzeugen gestoßen, der den Tüllensieb-Erfinder kannte: „,Atze’ Bürger erinnert sich auch noch gut an Erich Stamm. Nach seiner Erinnerung hatte dieser seine Wurzeln in Russland“, erzählt Buntenbach. Genaueres lasse sich nicht mehr herausfinden; außer, dass der Neuenrader Nachwuchs den Tüftler damals mit einem wenig schmeichelhaften Namen bedachte: „Er wurde aufgrund seiner Kopfform Gurkenkopf genannt.“

Das Reon-Tüllensieb ist Teesieb und Tropfenfänger in einem: Es wird in die Tülle einer Teekanne gesteckt und hält dort die Teeblätter zurück. Außerdem ist es so geformt, dass sich der Tropfen am Drahtgriff bilden kann und beim Aufrichten der Kanne wieder zurück in die Tülle fließt.
Das Reon-Tüllensieb ist Teesieb und Tropfenfänger in einem: Es wird in die Tülle einer Teekanne gesteckt und hält dort die Teeblätter zurück. Außerdem ist es so geformt, dass sich der Tropfen am Drahtgriff bilden kann und beim Aufrichten der Kanne wieder zurück in die Tülle fließt. © Carla Witt

Berührungsängste hätten die Kinder aber dennoch nicht gehabt: „In den 50er-Jahren wurden Arzneimittel durch den Großhandel zum Teil noch im Post- oder Bahnversand gut verpackt in Holzwolle in Pappkartons an die Apotheke ausgeliefert“, erzählt Buntenbach, dessen Vater Karl die Neuenrader seinerzeit in der Gertruden-Apotheke bei Bedarf mit Medikamenten versorgte. „Wir Kinder haben die leeren Kartons dann zu Herrn Stamm gebracht, der darin weltweit seine Tüllensiebe verschickte.“

In seinen letzten Lebensjahren habe der Erfinder unter dem Dach der heutigen Volksbank gewohnt, weiß Buntenbach. Seine Schaffenskraft war offenbar ungebrochen. „Er schrieb den Neuenrader Schützenmarsch, der nach den Erinnerungen von Koco Kohlhage wohl aber nicht unbedingt den Geschmack aller Schützen traf“, berichtet Bernd Buntenbach. Doch nicht nur musikalisch sicherte sich Erich Stamm eine Vorreiterrolle in der Hönnestadt: „Er skizzierte den ersten Neuenrader Pornokalender“, sagt Bernd Buntenbach.

Nach dem Tod des Erfinders wurden die „Teebesen“ zunächst weiterhin von der Hönnestadt aus vertrieben, erzählt Buntenbach: „Der Neuenrader Klaus Kircher, der Erich Stamm schon wirtschaftlich beraten hatte, setzte den Vertrieb fort.“

Inzwischen ist auch Kircher verstorben – und die Tüllensiebe werden nun von Breckerfeld aus versandt: „Heute stellt Rolf Kollosch im Ein-Mann-Betrieb den ,Ostfriesischen Teebesen’ her. Er besitzt auch die Orginal-Patentschriften“, hat Bernd Buntenbach herausgefunden. Der größte Teil der Ware werde in Ostfriesland und in England verkauft.

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