Vernetzte Welt: Brexit und die lokalen Folgen

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Daniel Wingen hält den Brexit für "totalen Wahnsinn".

Neuenrade - Die Welt ist ein Dorf, jeder kennt jeden, alles ist vernetzt. Da wundert es nicht, dass der geplante Austritt der Engländer aus der Europäischen Gemeinschaft selbstverständlich auch lokale Auswirkungen hat.

 Als fünftgrößter Wirtschaftsmarkt allein für die Unternehmen in Südwestfalen bildet Großbritannien durchaus einen Wirtschaftsfaktor und nicht wenige heimische Unternehmen sind mit den Engländern geschäftlich verbunden. Dazu gehören die Drahtwerke Elisental – ohnehin mit ihrem Joint Venture in Spanien – europaweit unterwegs.

Durchaus wichtiger Markt für Elisental

 Wie Geschäftsführer Daniel Wingen auf Nachfrage erläuterte, sei der Wirtschaftsraum Großbritannien durchaus von Bedeutung für das Unternehmen. „Der Markt ist schon wichtig für uns“, sagte Wingen. Jedoch befürchtet er keine Auswirkungen für die Drahtwerke Elisental. Der Grund: Die Drahtwerke konkurrieren nicht mit lokalen Anbietern. Sprich: Die Briten müssen den Draht sowieso importieren. Und da die Drahtwerke in Euro fakturieren, gibt es vor diesem Hintergrund wohl auch kein Währungsrisiko. Die Briten müssen den Draht in Euro zahlen. Das Risiko liegt also auf der Seite der Briten. Vermutlich werde es eher für jene ein Problem werden, die Waren aus Großbritannien beziehen.

"Totaler Wahnsinn"

Gesamtwirtschaftlich hält Daniel Wingen den Brexit für „totalen Wahnsinn“. „Das kann nicht spurlos an Großbritannien und EU vorübergehen“. Aus Unternehmerkreisen hat er zudem gehört, dass sich der eine oder andere auch schon nach Alternativen umschauen würde. Besonders frustrierend findet Wingen, dass die Briten gemäß neuester Umfragen lieber in der EU bleiben würden. Was die politischen Auswirkungen anbelangt, so sieht Wingen den Druck auf die EU wachsen, außerdem verliere die Gemeinschaft einen starken Partner.

Brexit bei einigen kein Thema

In vielen anderen Unternehmen auf Neuenrader Stadtgebiet ist der Brexit aber gar kein Thema: So sind die geschäftlichen Kontakte zur Insel auf kleine Projekte beschränkt oder liegen bei Null. So gibt es weder bei der Firma Julius Klinke noch bei der WHK GmbH oder bei der Linn-Präzisionstechnik Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien. Bei Kohlhage kann sich Geschäftsführer Sven Lehecka nur an ein einziges Projekt erinnern, das zudem noch über ein österreichisches Unternehmen abgewickelt worden sei.

Echterhage sieht Folgen für UK-Joint Venture

Bei der Echterhage-Gruppe äußerte sich Geschäftsführer Jürgen Echterhage im "E-Mag" des Unternehmens. Die Holding hat demnach ein Joint Venture mit UK Flowtechnik. Nach vollzogenem Brexit erwartet Echterhage Zölle, der Import werde teurer, das Pfund schwächer. Das werde sich ab 2019 sicher auf die Umsätze auswirken, prognostiziert der Unternehmer in seiner Hauspublikation.

Schwierige Kalkulation

Für den Außenwirtschaftsexperten der SIHK, Frank Herrmann, hat Großbritannien allerdings für die Unternehmen im Beritt der SIHK (MK, Ennepe-Ruhr-Kreis, Hagen) erhebliche Bedeutung. So gibt es gemäß den SIHK Statistiken 450 Unternehmen, die nach Großbritannien exportieren und 150 Unternehmen, die importieren. Die Auswirkungen des Brexits seien dabei oft nicht auf den ersten Blick zu sehen. Unsicherheiten gebe es zum Beispiel bei den Maschinenbauern. Die müssten jetzt kalkulieren für Maschinen, die sie in zwei Jahren an den Mann bringen. Wer dabei Teile aus England beziehe, habe es mit der Kalkulation schwer, zumal auch Logistikkosten und dergleichen mit hineinspielen würden. Zudem verwies er darauf, dass besonders die Automotive-Industrie sehr vernetzt sei und da werde es dann kompliziert.

Kostal, Kirchhoff und Irland

Sonderaspekte gebe es dann sicher auch für Unternehmen wie Kostal oder Kirchhof, die zum Beispiel in Irland Zweigwerke hätten. Grundsätzlich rät Herrmann dazu sich auf den Worst-Case – also den schlimmsten Fall – vorzubereiten. Daher sollte sich jeder Unternehmer die Frage stellen, was er denn für Produkte aus Großbritannien bekomme – das werde dann eventuell teurer – und er sollte sich fragen, was er denn nach Großbritannien liefere – dann werde möglicherweise sein Produkt teurer.

Und im Moment schaue es tatsächlich so aus als gebe es „einen harten Brexit aus Versehen“. Denn er könne auf britischer Seite kein Konzept erkennen und offenbar fehle es dort auch an Fachpersonal, sagte der Außenwirtschaftsexperte.

Von Peter von der Beck

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