Verdi stimmt nicht zu: Sonntagsöffnung an Gertrüdchen bedroht

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Verkaufsoffener Sonntag an Gertrüdchen: Kein Zweifel, dass Arens & Hilgert ein Frequenzbringer für das Gertrüchen ist – und umgekehrt. 

Neuenrade - Für Guido Funke, Inhaber von Möbel Sauerland, ist es „der wichtigste Sonntag des Jahres“, zumal es der einzige sei. Schon jetzt werde die Radio-MK-Werbung für diesen Tag vorbereitet, schon jetzt werde eine Kochvorführung als Event für den traditionellen Gertrüdchensonntag geplant. Doch der verkaufsoffene Gertrüdchensonntag ist bedroht.

Die Gewerkschaft Verdi verweigert ihre Zustimmung zu einer neuen Verordnung, welche die Stadtverwaltung für die kommenden fünf Jahre absegnen lassen möchte. Die vorgebrachten Sachgründe hält Verdi für nicht ausreichend, um eine Aufhebung des Schutzes der Sonntagsruhe zu rechtfertigen. 

Für das Möbelgeschäft ist der Tag als Umsatz und Frequenzbringer „extrem wichtig“. An diesem Tag würden nicht nur besonders viele Menschen vorbeischauen, sondern auch im Nach-Verkauf bringe der Tag viel. Auch die Mitarbeiter würden an diesem Tag – vier Stunden Arbeitszeit – gerne arbeiten und würden dafür großzügigen Freizeitausgleich bekommen. Für Arens & Hilgert-Geschäftsführer Jens Hilgert ist der Gertrüdchensonntag ein sehr wichtiger Tag. Es ist „der Start in die Frühjahrssaison“, den er quasi gemeinsam mit vielen Neuenradern und auswärtigen Kunden begeht. Denn auch die nutzen ganz traditionell diesen Sonntag, um sich zunächst bei Arens & Hilgert umzusehen und dann eine Runde über das Gertrüchen zu drehen. Für Hilgert ist klar, dass der Neuenrader Einzelhandel vom Gertrüdchen profitiert – aber eben auch umgekehrt das Gertrüdchen vom Einzelhandel. „Das befruchtet sich gegenseitig.“ 

Planungsunsicherheit ein Problem

Zudem habe seine Familie als Neuenrader sowieso einen besonderen Bezug zu Gertrüdchen. Dass die Gewerkschaft Verdi den verkaufsoffenen Sonntag ablehnt, kann Hilgert nicht verstehen. „So ein Fass aufzumachen für den einzigen verkaufsoffenen Sonntag in Neuenrade, das kann ich nicht nachvollziehen“. Vor allem verärgert ihn die dadurch verursachte Planungsunsicherheit. Denn schon jetzt gelte es Vorbereitungen zu treffen. 

Der Einzelhandel hatte es im Verlauf des Jahres ohnehin nicht gerade einfach: Gerade Möbel Sauerland sowie Arens & Hilgert hatten unter der Mammutbaustelle Hüttenweg zu leiden, auch die Sperrung der Bundesstraße gen Plettenberg spielte eine Rolle bei den diffizilen Kundenströmen. 

Besonderheiten interessieren offensichtlich nicht

All die lokalen Besonderheiten und Befindlichkeiten interessieren die Gewerkschafter offenbar nicht: Sie gehen auf das traditionelle Volksfest und die Rahmenbedingungen nicht ein. Sie verweisen auf den Sonntagsschutz und dass vor allem das bloße Umsatzinteresse der Verkaufsstelleninhaber auch unter einer anderen Bezeichnung eine sonn- oder feiertägliche Ladenöffnung nicht rechtfertigen könne. 

Zuvor hatte die Stadt Neuenrade um Stellungnahmen bei IHK, Arbeitgeberverband, Kirchen und Handelsverband gebeten. Denn der Stadtmarketingverein hat einen Antrag für die Ladenöffnung an den entsprechenden Gertrüdchensonntagen der kommenden fünf Jahre gestellt. Hintergrund: Die bisherige Verordnung ist ausgelaufen, eine neue muss her, die der Rat noch absegnen muss. Ziel ist es auch Rechtssicherheit zu schaffen, weil es aktuelle Gerichtsentscheidungen und Verbote zu verkaufsoffenen Sonntagen gibt. 

Verwaltung präsentiert neuen Entwurf

Weil das Ladenöffnungsgesetz nun andere Prüfkriterien erfordert und der „Anlassbezug“ weggefallen ist, muss die Verwaltung mit dem öffentlichen Interesse argumentieren und präsentiert einen neuen Entwurf, den Sabine Rogoli, organisatorisch für das Gertrüdchen in der Pflicht, verfasst hat. Es ist ein umfassendes Dokument, das dezidiert darlegt und dokumentiert, warum der verkaufsoffene Gertrüdchen-Sonntag von öffentlichem Interesse ist. 

Das reicht von Kaufkraftbindung, Stärkung des örtlichen Einzelhandels, Marketing für die Stadt bis hin zu Besucherverlusten für das Traditionsfest bei Wegfall des verkaufsoffenen Sonntags. Auch die organisatorische und inhaltliche Einbindung von Hüttenweg und Bahnhofstraße wird nachvollziehbar dargelegt. Es gehe um Präsenz der Einzelhändler in Innenstadt und dezentraler Lage und „nicht vorrangig um Umsatz und Shopping-Interessen“, sondern um Stärkung des Bewusstseins der Bevölkerung für den örtlichen Einzelhandel, um der Verödung der Innenstadt und dem negativen Strukturwandel entgegenzuwirken. 

Nur die Kirchen äußern sich nicht

Zustimmung für den verkaufsoffenen Sonntag an Gertrüdchen, zum Teil herzlich formuliert, gibt es von allen Beteiligten. Lediglich von den Kirchen kam dazu keine Stellungnahme. Die SIHK bat, die räumliche Abgrenzung am Hüttenweg zu bedenken. Die Industrie- und Handelskammer verwies dabei auf die Rechtslage und empfiehlt jedoch ansonsten die „Vermutungsregel“ hinsichtlich der Verkaufsöffnung im Bereich Bahnhof bis Hüttenweg zu prüfen. Da gab es im Fall der Stadt Solingen ein Urteil: Da lag die sonntägliche Öffnung der Geschäfte im öffentlichen Interesse, weil die Ladenöffnung im Zusammenhang mit örtlichen Festen und ähnlichen Veranstaltungen erfolge.

Mit der neuen Verordnung beschäftigt sich der Stadtrat am 12. Dezember in öffentlicher Sitzung (17 Uhr, Rathaus).

Von Peter von der Beck

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