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Unternehmer schlägt Alarm: „Extreme Energiepreise zerstören nur“

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Von: Peter von der Beck

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Alcar stellt leistungsfähige Aluminium-Felgen her. Die Produktion ist energie- und rohstoffintensiv. Geschäftsführer Carsten Hellwig (r.) muss angesichts der steigenden Energie- und Materialpreise also reagieren.
Alcar stellt leistungsfähige Aluminium-Felgen her. Die Produktion ist energie- und rohstoffintensiv. Geschäftsführer Carsten Hellwig (r.) muss angesichts der steigenden Energie- und Materialpreise also reagieren. © Peter von der Beck

Mittelständische Betriebe gelten als das ökonomische Fundament Deutschlands. Südwestfalen zählt zu den leistungsstärksten Regionen. Die Rohstoffknappheit und Energieverteuerung bedrohen dieses Fundament. Wie heimische Firmen damit umgehen, haben wir nachgefragt.

Neuenrade – Die Situation für die energieintensiven Betriebe wie Alcar erscheint bedrohlich. Die Anzeichen mehren sich, dass durch die exorbitant steigenden Gas- und Strompreise nicht nur die Liquidität der Firmen massiv belastet wird. Peter von der Beck sprach mit Carsten Hellwig, Geschäftsführer der Alcar Leichtmetallräder-Produktion GmbH.

Was bedeuteten die neuen Rahmenbedingungen für die Alcar Leichtmetallräder-Produktion insbesondere am Standort Neuenrade?

In der Produktion von Aluminiumrädern nutzt Alcar primär Erdgas. Die zweitwichtigste Energiequelle ist Strom. Insbesondere in der Gießerei haben wir folgende Anforderungen: Bei den Schmelzöfen, das betrifft die Blockschmelzöfen, Späne-Öfen und Tiegel-Öfen, nutzen wir Gas. Für den Gießprozess, das umfasst 16 Gießmaschinen, verwenden wir Strom. Aber auch für die Drucklufterzeugung sowie die gesamte weitere Peripherie, nutzen wir Strom als Energiequelle. So verbrauchen wir rund 26 Gigawattstunden (GWh) Gas und rund 16 GWh Strom im Jahr. Eine erhebliche Verteuerung der Energiekosten führt bei uns zu gravierenden Ergebnisverschlechterungen, da wir nicht alle Kosten eins zu eins an den Endkunden weitergeben können.

Ergreifen Sie Maßnahmen?

Die Alcar Leichtmetallräder-Produktion GmbH hat mehrere Maßnahmen bereits umgesetzt oder projektiert. Unsere Energieprojekte 2022/2023:

- Installation einer Flüssiggas-Versorgungsanlage (62 Kubikmeter Flüssiggas-Erdtank) mit einer Gas Mischstation.

- Bau einer Fotovoltaik-Anlage mit 866 Kilowattpeak (kWp), entspricht einer Jahresleistung von 821 000 kWh.

- Nutzen des aus einer gemieteten PV-Anlage erzeugten Stromes eines benachbarten und befreundeten Unternehmens mit circa 780 000 kWh im Jahr.

- Stromerzeugung durch die Nutzung von Abwärme, circa 600 000 kWh.

- Reduzierung des Gasverbrauchs mittels Brenner- Luft-Vorwärmung.

- Umbau der gesamten Bürobeleuchtung, Umstellung auf LED.

- Montage eines „Schnelllauftores“, um Zugluft (speziell im Winter) und eine daraus folgende Abkühlung der Produktionsbereiche zu vermeiden.

- Sukzessiver Austausch der Gas-Stapler-Flotte, hin zu elektrisch betriebenen Fahrzeugen.

- Einstellung eines neuen Gießerei-Ingenieurs, der auch prüft wie man die Schmelz- und Gießtemperaturen senken kann.

- Bereits durchgeführt wurde der Austausch von zehn Gießmaschinen, die durchsechs energieeffizientere Gießmaschinen ersetzt wurden. Auch energieeffizientere Schmelzöfen kommen zum Einsatz.

Können die gestiegenen Kosten auf die Produkte umgelegt werden?

Zum Frühjahr 2022 (mit Gültigkeit ab 1. Februar 2022) hat Alcar die Preise an die stark gestiegene Kostenstruktur angepasst. Neben Materialkosten stehen hierbei die explodierenden Energie- und Logistikkosten im Vordergrund. Alcar Leichtmetallräder haben eine durchschnittliche Preiserhöhung von 15 Prozent erfahren. Gleichzeitig verteuerten sich Stahl-Offroad-Räder um 4,6 Prozent und Stahl-Hybrid-Räder um 6,7 Prozent. Zubehör, Radzierblenden und Logistikpauschalen sind ebenfalls betroffen. Die Auswirkungen für Endverbraucher sind abhängig von den unterschiedlichen Kostenstrukturen der Handelsunternehmen. Dementsprechend werden die Folgen für den Endverbraucher variieren.

Gibt es Konsequenzen für Arbeitsplätze?

Aufgrund der sich täglich verändernden Situation, können wir aktuell keine validen Aussagen treffen. Ziel ist es wie in der Vergangenheit auch, keine Stellen abzubauen.

Erwarten Sie staatliche Hilfe/Eingriffe? Stichworte sind Schutzschirm oder Steuererleichterungen oder Sondertarife für Strom und Gas?

Nachdem sich speziell seit Anfang März dieses Jahres die Ereignisse überschlagen, geht es primär um eine klare Linie bei der Energieversorgung, aber diese wird sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Kurzfristig wären Preisdeckelungen sowie Fördermöglichkeiten bei der CO2-Abgabe auch für den Wirtschaftszweig Gießerei eine Lösung. Hier sollten insbesondere Investitionen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes vom Bund und Land unterstützt und gefördert werden. Mittelfristig geht es um adäquate Hilfen für energieintensive Betriebe wie unsere, denn aktuell gibt es zum Beispiel keine praktikablen Alternativen zu Aluminiumrädern für den automobilen Sektor.

Drohen in der Branche Insolvenzen?

Diese Gefahr besteht insbesondere für kleinere Firmen, da sich die Kosten extrem entwickeln. Diese Kostensteigerung können viele Betriebe mittelfristig nicht tragen. Eine Weitergabe an die Kunden – so sie denn überhaupt möglich ist – bedeutet eine Vorfinanzierung der hohen Energiekosten durch die Betriebe und damit erhebliche Liquiditätsprobleme und Unsicherheit. Auch werden notwendige Investitionen in Energieeffizienz und Klimaschutz, vor diesem Hintergrund nicht zu finanzieren sein.

Im Jahresvergleich 2021 zu 2020 stiegen die Energiepreise bereits für unseren Produktionsstandort bei Strom um 35 Prozent und bei Gas um 41 Prozent. Die aktuelle Entwicklung (Stand Januar 2022 im Vergleich zu 2020) zeigt bei Gas eine Steigerung von 300 Prozent und bei Strom von 100 Prozent. Nach Januar sind die Preise weiter angestiegen. Dazu kommt noch die Gasumlage, die alleine für unser Unternehmen eine Kostenmehrbelastung in Höhe von 750000 Euro bedeutet. Dass das nicht ohne Konsequenzen bleiben wird, müsste uns allen bewusst sein.

Drohen dem Industriestandort Deutschland Konsequenzen?

Viele Betriebe haben keine Ausweichmöglichkeiten auf andere Technologien. Der Glaube, dass extrem hohe Energiepreise für die Transformation nötig sind, sollte dringend überdacht werden. Extreme Preise helfen nicht, sie zerstören die industrielle Basis in Deutschland. Denn diese Preise führen auch nicht zu mehr Effizienz, sondern zu Insolvenzen, Entlassungen und Abwanderungen in Weltregionen, die mit klimaschädlicher Produktion kein Problem haben.

Die beiden vergangenen Jahre mit Corona und dem Krieg in der Ukraine waren von gestörten Lieferketten und Knappheiten geprägt – bis zur aktuellen Energiekrise. Die Krisenjahre haben uns allen die Augen dafür geöffnet, wie sinnvoll Unabhängigkeit bei Grundstoffen und grundlegenden Gütern ist, wie wertvoll eigenes Know How und hinreichende Produktionskapazitäten in Deutschland sind.

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