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Unternehmer aus Neuenrade findet klare Worte: „Regulierungswahn nimmt kein Ende“

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Von: Carla Witt

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Auf den Dächern der Echterhage-Unternehmensgruppe sollen mehrere Photovoltaikanlagen installiert werden. Etwa 700 000 Euro will Geschäftsführer Jürgen Echterhage investieren.
Auf den Dächern der Echterhage-Unternehmensgruppe sollen mehrere Photovoltaikanlagen installiert werden. Etwa 700 000 Euro will Geschäftsführer Jürgen Echterhage investieren. © Witt, Carla

Der Neuenrader Unternehmer Jürgen Echterhage ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. So spricht der Geschäftsführer der Echterhage Holding GmbH & Co. KG Klartext über „Regulierungswahn“ und „hausgemachte Knüppel, die den Unternehmen zwischen die Beine geschmissen werden“.

Im Gespräch mit SV-Redakteurin Carla Witt berichtet Echterhage aber auch von neuen Projekten, die er mit seiner Unternehmensgruppe verwirklichen möchte.

Die gesperrte Autobahnbrücke und viele Dauerbaustellen sind immer wieder ein Thema. Auch für Ihr Unternehmen?

Wir beschäftigen hier mehr als 200 Mitarbeiter. Viele kommen von auswärts, zum Beispiel aus Bochum, Lüdenscheid, Iserlohn und Letmathe. Die wissen gar nicht mehr, wo sie noch herfahren sollen, um zu uns zu kommen. Bekannte Firmeninhaber berichten, dass bereits Mitarbeiter aus diesem Grund gekündigt haben. Und es ist zu befürchten, dass auch wir Kündigungen nicht verhindern können. Die Fahrerei und vor allem die Staus sind nicht mehr zumutbar, die Brückensperrung ist eine komplette Katastrophe für die Region. Natürlich auch besonders für unsere Spediteure. Zur Brückensperrung kommen dann noch die vielen anderen Langzeit-Baustellen, wie die in Neuenrade. Man kann kaum verstehen, warum es dort und an anderen Stellen so langsam weitergeht. Aber das ist unter anderem ein Problem des Vergaberechts: Der billigste Anbieter bekommen den Auftrag. Manche Unternehmen richten gleich mehrere Baustellen auf einmal ein. Denn wenn das passiert ist, können sie erste Rechnung schreiben. Dabei wissen sie genau, dass sie die ganze Arbeit auf absehbare Zeit gar nicht bewältigen können. Dann passiert erst mal ein paar Wochen nichts auf der Baustelle.

Die Strom- und Gaspreise explodieren. Wie sehr trifft Sie das – und wie steuern Sie gegen?

Wir müssen ab Januar den vierfachen Preis für Strom und den dreifachen für Gas bezahlen und hoffen einfach, dass die Preise wieder sinken. Wir investieren etwa 700 000 Euro in Photovoltaikanlagen, die Mitte 2023 fertig sein sollen. Sämtliche Firmendächer werden damit bestückt, weil sich aber nicht alle ohne weiteres dafür eignen, müssen entsprechende Vorarbeiten geleistet werden. Mit dieser Anlage sind wir dann zu einem Drittel unabhängig.

Das ist doch ganz im Sinne der Klimaschutzpolitik...

Das sollte man meinen, denn nur regenerative Energien können die Lösung für unsere Energie-Probleme sein. Deshalb ärgert es mich, dass selbst solche Projekte erschwert werden. Wir haben genug Platz und könnten eine große Anlage bauen, doch ab einer bestimmten Anlagengröße gelten andere Bestimmungen. Die damit verbundenen bürokratischen Hürden wären für unser Unternehmen unüberwindbar. Also haben wir uns für vier kleinere Anlagen entschieden, die von unseren jeweiligen Firmen gekauft werden. Doch jede Firma darf nur den Strom benutzen, der mit der zugehörigen Anlage produziert wird. Es ist nicht möglich, überschüssigen Strom an eine der anderen Firmen im Gebäude nebenan weiterzuleiten, wir müssen diesen ins Netz einspeisen. Ein Riesenaufwand – und der Regulierungswahn in Deutschland nimmt kein Ende, auch wenn es um den Bau von Wohnhäusern geht.

Wo hakt es denn in diesem Bereich?

Unsere VE Holding baut gerade ein voll ökologisches Acht-Familien-Haus in Küntrop – natürlich mit Photovoltaikanlage. Den Strom dürfen wir nicht direkt an die Mieter verkaufen, weil das deren Wahlfreiheit beeinträchtigen würde. Also muss eine Firma dazwischengeschaltet werden, die kauft und wieder verkauft. Das ist aber noch nicht alles. Sehen wir uns das Baurecht – Landesrecht – an. Wir haben alle Badezimmer praktisch und sehr zweckmäßig geplant. Die Planung mussten wir über den Haufen schmeißen und komplett ändern, denn wirklich jede Wohnung – nicht nur zwei oder drei – muss barrierefrei sein. Obwohl wir aus anderen Regionen wissen, dass der Bedarf in diesem Maße nicht da ist. In Nordrhein-Westfalen muss seit kurzem in jedem Hauptbad vor jeder Funktionseinheit (Dusche, Toilette, Waschtisch) ein rollstuhlgerechter Freiraum von 1,20 mal 1,20 Meter sein. Also planen wir die Bäder größer, was natürlich deutlich mehr kostet. So schafft man ganz sicher keinen bezahlbaren Wohnraum.

Jürgen Echterhage ist Geschäftsführer der Echterhage Holding GmbH & Co. KG.
Jürgen Echterhage ist Geschäftsführer der Echterhage Holding GmbH & Co. KG. © von der Beck, Peter

Also ist der „Regulierungswahn“ das Kernproblem?

Nicht nur, die beteiligten Behörden geben manchmal ihr Bestes, um alles noch zu erschweren. Als ich 1975 in den Staatsdienst eingetreten bin, hat man noch gelernt, dass Beamte für den Bürger da sind. Das hat sich nach meinem Gefühl stark gewandelt. Eine große Ausnahme ist nach meiner Erfahrung Neuenraders Bauamtsleiter Marcus Henninger, der für seine unbürokratische und pragmatische Arbeitsweise ein dickes Lob verdient.

Wie geht es der Echterhage Holding in diesen doch sehr schwierigen Zeiten?

Für uns war 2022 ein wirtschaftlich sehr erfreuliches Jahr. Deshalb zahlen wir all unseren Mitarbeitern nach dem Weihnachtsgeld im November zusätzlich noch eine Prämie in Höhe von 1000 Euro, abgabefrei, als Inflationsausgleich im Dezember. Das kostet uns circa 250 000 Euro. Wir machen das, weil wir finanziell dazu in der Lage sind – und weil wir unsere Mitarbeiter in dieser schwierigen Zeit nicht mit der Inflationsproblematik alleine lassen wollen.

Reichen solche finanziellen Anreize auf Dauer aus, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken?

Nein. Da gibt es viele Baustellen und der Staat ist in der Pflicht. Ich will nur ein Beispiel nennen: Es kann nicht sein, dass Empfänger von Bürgergeld mit den dazu erhältlichen Nebenleistungen am Ende das gleiche bekommen, wie diejenigen, die jeden Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen. Damit muss Schluss sein! Und dabei geht es mir keineswegs um die Höhe der Zuwendung. Wer nicht arbeiten kann, der muss angemessen unterstützt werden. Mir geht es um die Zumutbarkeit von Arbeit. Es gibt genügend Tätigkeiten im praktischen Bereich, die wirklich fast jeder ausüben kann – wenn er den Willen dazu hat. Zum Glück gibt es auch andere Beispiele: In einem unserer Häuser ist eine ukrainische Familie untergekommen. Der Mann kommt jeden Morgen freudig und gut gelaunt zur Arbeit – obwohl er nicht müsste und trotzdem fast genau soviel Geld hätte.

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