Udo Unkels „Auswahl“: Sehenswerte Ausstellung

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Sie sind offenbar von Unkels Werk inspiriert. ▪

NEUENRADE ▪ Das ein oder andere kritische Stirnrunzeln ist unvermeidbar, wenn man das erste Mal Udo Unkels Ausstellung „Auswahl“ auf sich wirken lässt. Bizarre menschliche Formen aus bearbeitetem Edelstahl mit Knochenfragmenten dominieren das Bild: Fragil wirken sie, gequält. Boote sind ein weiterer sich wiederholender Faktor.

Das Ganze ist gepaart mit technischen Installationen; so dass der zunächst etwas befremdliche Eindruck verbunden wird mit Stimmenuntermalung und blinkenden Lämpchen. Wenn der Künstler selbst seine Ausstellung in einem Wort zusammen fassen soll, ist es auch hier mit dem Wort „Auswahl“ geschehen.

Bürgermeister Klaus Peter Sasse sorgte für Verständnis auf den Gesichtern der eingeladenen Gäste. Er hatte Unkel im Vorfeld in seinem „Allerheiligsten“ besucht – seiner Werkstatt. So sei die Ausstellung das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, „der die Zerrissenheit des menschlichen Charakters auf dem Weg durch das Leben“ zeige, so Sasse weiter. Er halte Unkels in Frage stellende Position für überzeugend. Aber auch der Besucher selbst ist in Sasses Augen von wichtigem Belang: „Viele Dinge entstehen erst in individueller Betrachtung. Das Ganze ist mehr als die Addition der Einzelteile – der Inhalt macht es“, so das Stadtoberhaupt weiter. Sasses Lieblingsstück ist ein alter, rostiger Kaugummiautomat, in dem sich statt Süßigkeiten nun Kugeln mit Rosenkränzen, Dosimetern und Schmuck befinden. „Das ist die westliche Zivilisation: Glaube – Luxus – Krieg“, sagt er über die kritische Intention Unkels. „Das ist die interessanteste Ausstellung der letzten Zeit“, freute sich der Bürgermeister abschließend über den gewonnenen Künstler, und gab den Besuchern einen letzten Tipp: „Das Entscheidende ist, was hinter dem Kopf passiert.“

Knorrig, verhungert und mager wirken die Exponate Unkels. Das ist Absicht: Neben der westlichen Zivilisation gibt es auch andere Länder, in denen Menschen verhungern müssen und andere Probleme haben als die Europäer. Für diesen Eindruck hat Udo Unkel, der keinen Künstlernamen trägt, geschweißt, geschmolzen „und ein paar andere Tricks angewandt.“

Er will, dass die Besucher sich über die Werke mit ihrem Inneren auseinandersetzen, indem sie die Besonderheiten der Stücke zum Beispiel auch durch Anfassen erfahren. Sechs Stunden hat der Aufbau gedauert. Die musikalische Untermalung bot Musikschullehrer Herbert Frank am Klavier.

„Edelstahl ist momentan mein Lieblingsmaterial“, verriet der Künstler. Sein Lieblingsstück ist seine erste Stahlarbeit: Ein organisches Schiff mit einem Mensch. Die hat er jedoch nicht mitgebracht, sondern in seiner Heimat Dortmund gelassen. Seit 2000 ist der 45-Jährige freischaffend, seit einem Jahr kann er davon leben. Und: „Ich bin mein eigener Synchronsprecher“, verrät der Rechtshänder, von wem die Stimmen in den Kunstwerken stammen. 29 sind es an der Zahl – und für manche muss man die Augen aufhalten: Eine unscheinbare Büchse am Boden wird – wenn man den Trick heraus hat – ein Liedchen anstimmen.

Für „außergewöhnlich“ hält Josef Brockhagen die Ausstellung, für „ungewöhnlich, aber nicht schlecht“, so der Neuenrader weiter. „Ein toller Mann“, lobte Klaus Peter Sasse später, „und ein tief fühlender Mensch.“ Doch nicht alle sind angetan von den Stücken: „Es gibt Dinge die gefallen mir gut, mit manchen kann ich nichts anfangen“, so Ludger Stracke aus Küntrop. Denn: „Die Kunstwerke hier sind nicht so homogen.“ Bis zum 30. April gastiert die Ausstellung noch in der Stadtgalerie Neuenrade an der Niederheide.

Udo Unkel selbst wünscht sich nur eins: „Ich erhoffe mir, dass die Leute etwas mit nach Hause nehmen.“ Damit meint er jedoch kein Kunstwerk, sondern etwas, dass ihr Inneres verändert. ▪ Annette Kemper

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