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Und plötzlich in Neuenrade: Familie Parfentieva ist vor dem Krieg geflüchtet

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Von: Peter von der Beck

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Familie Parfentieva: Die Eltern Roman und Nataliia sowie die Kinder Bogdan, Ruslana, Gleb und Boris flohen aus Odessa über Moldawien, Rumänien, Ungarn und Österreich nach Deutschland.
Familie Parfentieva: Die Eltern Roman und Nataliia sowie die Kinder Bogdan, Ruslana, Gleb und Boris flohen aus Odessa über Moldawien, Rumänien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. © von der Beck, Peter

Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Mitte Europas und noch vor einem Augenblick führten sie mit ihren Kindern ein gutbürgerliches Leben in der Schwarzmeermetropole Odessa.

Ein Leben mit Häuschen, respektablen Jobs und all jenem, was nach westlich-bürgerlichen Maßstäben ein gutes Leben ausmacht. Und jetzt sitzen Roman, Nataliia, Bogdan, Ruslana, Gleb und Boris Parfentieva im gut 2 200 Kilometer entfernten Neuenrade in einem Haus für Asylbewerber und können es im Grunde noch nicht fassen.

Der russische Angriffskrieg hat sie aus ihrem alten Leben herauskatapultiert. „Ich denke manchmal ich träume und werde irgendwann aufwachen“, sagt Nataliia. „Wir können es manchmal nicht glauben. Es ist auch so schwierig, all das zu akzeptieren. Unser Leben ist auf den Kopf gestellt. Wir konnten überall hin reisen. Wir waren auf Ärztekongressen. Und jetzt...“, lässt Nataliia den Satz bewusst unvollendet. Roman ergänzt: „Ein Viertel des Landes ist in Ruinen...“

So weit weg und doch so nah

Odessa und der Krieg – all das ist nun so weit weg und doch so nah. Die modernen Kommunikationswege sorgen dafür, dass die Kriegsflüchtlinge den Krieg von Neuenrade aus live miterleben müssen. Nun sind sie in der Hönnestadt, nachdem sie gleich am ersten Kriegstag geflohen waren, und damit in Sicherheit.. Denn wer in der Ukraine zurückblieb, muss mit dem Tod rechnen.

Nataliia erzählt von ihrer Freundin: „Sie war in Kiew und verließ wegen der Bedrohung die Hauptstadt, um in ihr Städtchen zurückzukehren. Die Russen umzingelten die Stadt, bald waren sie ohne Elektrizität und Wasser. Als das Essen aufgebraucht war, versuchten sie mit vielen anderen in einem Auto zu flüchten. Dabei stießen sie auf einen Panzer, dabei geriet das Auto unter Beschuss.“ Es gab drei Tote, eine Frau verlor ihre Hände, ihre Freundin überlebte, aber erlitt innere Verletzungen durch Splitter. „Doch es gab Hilfe, sie konnte in ein funktionierendes Krankenhaus gebracht werden, der Splitter wurde entfernt.“

Rakete schlägt in der Nachbarschaft ein

Ehemann Roman erzählt vom Telefonat mit einem Freund, der im Süden Odessas lebt. Während des Telefonats bekam er mit, wie eine Rakete in der Nachbarschaft einschlug. Die Russen beschossen den Bereich von Schiffen aus. Roman Parfentiev zeigt über Google-View, wo die Familie zuletzt gelebt hat. Die Entscheidung, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen, haben sie schon sehr früh nach Kriegsbeginn getroffen. „Wir haben ein Haus neben einer Kaserne. Uns war klar, dass die Kaserne und damit auch wir ein Bomben-Ziel sind.“ Sie packten das Nötigste und flohen – über Moldawien, Rumänien, Ungarn und Österreich nach Deutschland zu Verwandten in Essen. Dann wurde Familie Parfentieva Neuenrade vom Staat zugewiesen.

Nataliia Parfentieva unterrichtet ihre Studenten aus aller Welt eben von hier aus. Sie zeigt die jungen Leute auf dem Display.
Nataliia Parfentieva unterrichtet ihre Studenten aus aller Welt eben von hier aus. Sie zeigt die jungen Leute auf dem Display. © von der Beck, Peter

Beide Parfentievas sind Chirurgen. Er ist Spezialist für die Operation von Schilddrüsen. Sie arbeitete zuletzt an einer großen Universität in Odessa, unterrichtete Medizinstudenten im letzten Semester im Fach Chirurgie. Das macht sie auch weiterhin. Per Handy – von Neuenrade aus. Viele Studenten aus Indien, Arabien, Israel oder auch Indien studierten in Odessa. Nataliia hält ein Handy hoch, auf dem viele Gesichter aus aller Welt freundlich lächeln und auf den Unterricht warten. Die beiden Parfentievas haben eine hohe Arbeitsethik. Trotz der schwierigen Zeit wollen sie im Job bleiben, Nataliia lässt ihre Studenten nicht im Stich.

Wie soll es mit den Kindern weitergehen?

Ein Kulturschock ist Deutschland für die ukrainische Familie nicht – allerdings schon das Fehlen von Internet in ihrer Unterkunft an der Eichendorffstraße. Es geht ihnen dabei auch um den Unterricht für ihre Kinder. Natürlich machen sie sich Sorgen, wie es mit ihren Kindern weitergeht. Der Älteste stand kurz vor seinen schulischen Abschlussprüfungen, die Tochter macht Akrobatik auf hohem Niveau.

Immer wieder zeigt Nataliia Bilder aus ihrem früheren Leben: Sie präsentiert Ruslana beim Turnen oder ein Foto, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann im OP arbeitet.

Vom alten Leben ist nichts geblieben

Von diesen Leben ist aktuell nichts mehr übrig geblieben. Sie machen sich große Sorgen. Denn es sei schwierig mit der Anerkennung ihrer Berufe in Deutschland. Hinzu kommt die Angst um die in der Ukraine gebliebenen Angehörigen. Und immer wieder ist da die Zukunft ihrer Kinder. Die ihrerseits scheinen frohen Mutes und kommen offenbar mit jugendlicher Unbekümmertheit klar, die Familie ist ja auch zusammen. Die 15-jährige Ruslana möchte Zahnärztin werden; der Älteste will ebenfalls etwas im medizinische Sektor studieren.

„Der Krieg macht alles schwierig. Wenn er morgen vorbei wäre, wären wir übermorgen zuhause“, sagen die Parfentievas. Aber sollte künftig Putin ihre Heimat regieren, würden sie wohl nicht zurückkehren. Immerhin haben sie eine gewisse Beziehung zu Deutschland. Romans Vater war Militärarzt in Potsdam und der kleine Roman hat von 1984 bis 1989 in Potsdam gelebt. Sein Deutsch ist etwas rudimentär, aber verständlich, zudem spricht er Englisch. Auch Nataliia spricht etwas Deutsch und ganz gutes Englisch. Sie haben alle Tatendrang, wollen sich in der neuen Heimat schnell etablieren. Deshalb wollen sie auch so schnell wie möglich noch besser die Sprache lernen. Aber es gebe nur so wenige Deutschkurse.

Kontakt mit anderen Jugendlichen

So hofft die Familie auf eine schnelle Lösung der Situation – und versucht positiv nach vorne zu blicken. Die Kinder haben schon Kontakt zu andere Jugendlichen aufgenommen, die Handys sind in Dauerbetrieb – wie bei jedem anderen Teenager hier.

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