Umgeben von Papageien

Bananenpflücken gehörte zur Arbeit in der Papageien-Aufzuchtstation. Abends war Kerstin Steinhaus entsprechend „platt“.

KÜNTROP - „Und plötzlich quatschte nachts einer in meinem Zimmer“, erinnert sich Kerstin Steinhaus. „Ich griff zur Taschenlampe, habe alles abgesucht, aber nichts gefunden.“

Doch vom Tagwerk war sie „so platt, dass ich doch wieder eingeschlafen bin“. Von 7.30 bis 18 Uhr hatte Steinhaus in einer Papageien-Aufzuchtstation gearbeitet. Für zweieinhalb Wochen war sie deshalb nach Costa Rica gereist.

Am nächsten Morgen erzählte ihr die Gastmutter Elisabeth Soto, dass ihr Zimmergenosse ein Gecko war. Das kleine Kriechtier versteckte sich mit Vorliebe hinter einem Bild an der Wand, weshalb Steinhaus es auch nicht mit ihrer Taschenlampe finden konnte.

Die Arbeit in der Papageien-Station war hart, aber auch schön: „Umgeben zu sein von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, fand ich besonders faszinierend“, sagt Steinhaus. Rund 200 Vögel leben dort, große grüne Soldaten-Aras und rote Scarlets. Beide leben in freier Wildbahn nur noch in Costa Rica. In der Station werden sie gezüchtet und nach anderthalb Jahren ausgewildert.

Ostern 2012 machte Steinhaus eine Rundreise durch Costa Rica. „Dabei habe ich mich in das Land verliebt.“ Besonders gefallen hätten ihr „die Massen unberührter Natur mit Vulkanen und Regenwäldern“.

Im Herbst 2012 surfte sie im Internet und fand die Agentur First Hand, die Volontäre für die Aufzuchtstation vermittelte. „Da ich selbst zwei Papageien habe und Grundkenntnisse Spanisch ausreichen, interessierte ich mich dafür“, erklärte Steinhaus.

„Warum hast Du das bloß gemacht?“

Nach reiflicher Überlegung bewarb sie sich im Dezember 2012. Innerhalb von wenigen Tagen erhielt sie die Zusage. „Noch vor Weihnachten hatte ich den Flug gebucht.“ Doch sie gibt zu: „Je näher der Hinflug am 21. Juli rückte, umso mehr habe ich mich gefragt: ‘Warum hast Du das bloß gemacht?’.“

Acht Stunden Zeitunterschied herrschen in Costa Rica zum Sauerland. So brauchte Kerstin Steinhaus einen Tag zur Eingewöhnung. „Doch am zweiten Tag vor Ort waren meine Zweifel weg – und ich war froh dort zu sein“, berichtet die 44-Jährige.

„Besonders schön war es, nicht in der Station, sondern in einer Familie – 100 Meter von der Aufzuchtstation entfernt – zu leben.“ Gastmutter Soto habe „jeden Tag toll gekocht – eben auch für mich ungewohnte einheimische Küche“. Grundlage der Speisen waren Reis, Bohnen und Früchte.

Drei weitere Volontäre lebten in der Familie. Diese kamen aus Kanada, der Schweiz und den USA. Die Stationsleiterin selbst stammt aus Neuseeland. „Die Gastmutter hat mich jetzt eingeladen, sie wieder einmal zu besuchen. Die Einladung werde ich sicher annehmen“, verrät Steinhaus.

Die Volontäre lebten gemeinsam in einer Wohnküche. Soto und ihre Familie – samt zwei erwachsener Kinder und einem Enkelkind – lebten in einem separaten Bereich des Hauses. 26 Dollar kostete die Unterkunft mit Vollpension pro Tag. Geld für ihre Arbeit in der Station bekam Kerstin Steinhaus nicht.

Baumfrüchte mit der Machete geerntet

Dabei hatte es ihr Tagesablauf in sich: „Morgens haben wir erst einmal die Nahrung für die Papageien zubereitet.“ Danach wurden die Großgehege und die Wege gereinigt, vom Kot der 200 Tiere befreit. „Dann haben wir die Früchte für den nächsten Tag gesammelt – im Garten, der eine Fläche hatte im fünfstelligen Quadratmeter-Bereich“, erläutert Steinhaus.

Dazu mussten sie und die anderen Volontäre auch auf Bäume klettern, bewaffnet mit Bambusstäben und Macheten. Mangos, Bananen, Guaven, Limonen, Sternfrüchte, Ananas und Papayas stehen für die Papageien auf dem Speiseplan. Nach einer dreistündigen Mittagspause ging es weiter. Am Nachmittag wurden die Spielbereiche für die Vögel neu gestaltet.

Dazu wurden große Äste gesammelt und Löcher, Tunnel gegraben. „Außerdem mussten wir immer wieder Ameisenhaufen versetzen“, sagt Steinhaus. Die bis zu vier Zentimeter großen Ameisen Costa Ricas beißen. Ihr Gift führe sowohl bei Papageien als auch Menschen zu Lähmungen.

Zum Feierabend wurden die Fütternäpfe aus den Gehegen entfernt, „damit nachts nicht die Ratten daran gehen“. Um 18 Uhr war dann Feierabend. „Da wurde es urplötzlich stockdunkel, als hätte einer einen Schalter umgelegt.“ Nach dem Abendessen sei Steinhaus also körperlich total geschafft gewesen. „Ich hatte diverse Blasen und Schwielen an den Händen“, gesteht sie.

Ihre Gastmutter habe sie zwar mal zum Tanzen eingeladen, doch Steinhaus lehnte ab. „Ich habe allenfalls abends noch in mein Tagebuch geschrieben“, berichtet die gebürtige Werdohlerin, die seit nunmehr 13 Jahren in Küntrop lebt.

Einen Papagei auf dem Kopf oder der Schulter habe sie in den zweieinhalb Wochen übrigens nie gehabt: „In der Station herrschte der Grundsatz: Nichts anfassen. Schließlich sollen die Tiere ausgewildert und nicht an den Menschen gewöhnt werden“, erklärt die Neuenraderin.

Von Michael Koll

www.thearaproject.org

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