Großteil der heimischen Hausärzte ist über 60 Jahre alt

Hausarzt auf dem Land ist für junge Mediziner nicht unbedingt erstrebenswert. - Symbolfoto.

neuenrade/WERDOHL -  Die Gesundheitsversorgung für Neuenrade und Werdohl befindet sich im Umbruch. Zumindest mittelfristig könnte sich die Zahl der niedergelassenen Hausärzte drastisch reduzieren. Schon jetzt sind vier Sitze mit Kassenzulassungen unbesetzt und ein Großteil der Hausärzte in Werdohl und Neuenrade steht vor dem Pensionsalter. Zudem gelten ländliche Regionen bei fertig ausgebildeten Hausärzten als unattraktiv – es fällt zunehmend schwer, Nachfolger für Hausarztpraxen zu bekommen.

Exakte Zahlen hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe parat für den sogenannten „Mittelbereich Werdohl“, zu dem Neuenrade und eben Werdohl zählen. Da gibt es laut KV-Sprecher Christoph Schneider aktuell eben 18 Hausärzte, plus vier bereits unbesetzte „kassenärztliche Sitze („Stellen“). Von diesen 18 Ärzten sind elf über 60 Jahre alt. Speziell in Neuenrade sind von neun registrierten Hausärzten sieben über 60 Jahre alt. Etwas besser ist demzufolge der Alterdurchschnitt bei den Werdohler Hausärzten. Zum Vergleich: Im gesamten Märkischen Kreis gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung etwa 250 Hausärzte, gut 100 davon sind über 60. In ganz Westfalen-Lippe ist etwas mehr als ein Drittel der Hausärzte über 60 Jahre alt. 4900 Hausärzte insgesamt gibt es in dieser Region. Es gibt natürlich Unterschiede bei der Verteilung. Das wird auf Kreisebene deutlich. „Plettenberg und Iserlohn“ seien bei Ärzten beliebt, dort gebe es wohl eine gesunde Mischung, sagte Schneider. Bleibt noch der Hinweis, dass es kreisweit bereits 30 hausärztliche Sitze gibt, die unbesetzt sind.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung sieht man zudem die Nachfolge-Problematik. Offenbar wollen nur wenige junge Ärzte aufs Land. Da führt KV Sprecher Christoph Schneider ein ganzes Bündel von Ursachen dieser Haltung an. Das beginnt damit, dass es viele Ärztinnen gibt, die nach Möglichkeiten suchen Familie und Beruf in Einklang zu bringen und von daher häufig halbtags arbeiten wollen. Sie würden sich mit anderen zusammentun. Die Konsequenz: Zwei Medizinerinnen teilen sich eine Kassenzulassung, mit entsprechenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt für Mediziner. Zudem hätten junge Ärzte und Ärztinnen häufig mehr Interesse an den Metropolregionen und seinen Speckgürteln. Da gehe es genauso um das kulturelle Angebot, wie ein angeblich besserer Arbeitsmarkt für den Lebenspartner. In den Ballungsräumen sieht KV Sprecher Schneider da keine versorgungsmäßigen Probleme. Schneider berichtet auch von einer gewissen Unattraktivität bestehender Praxen – aus Sicht potenzieller Nachfolgekandidaten. Die jungen Leute wollten im Team arbeiten und hätten nichts über für die Einzelkämpferstellen in Praxen mit einem gewissen rustikalen Charme wo man 110 Prozent bringen müsse bei vergleichsweise geringen Verdienst. Da seien Facharztpraxen auf dem Land wohl viel attraktiver.

Hinzu kämen Dinge wie bürokratische Gängelung, die niedergelassenen Medizinern das Leben nicht erleichtern würden, Angst vor Regress bei Medikamentenverordnung spiele da durchaus eine rolle. Die KV versuche insgesamt die Situation für die Hausarztklientel zu verbessern. So sollte die Hausarztausbildung aufgewertet werden, angehende Mediziner sollte sehr frühzeitig mit den Menschen in Kontakt kommen. Man müsse weg vom Numerus Clausus, denn wer ein Einser-Abitur habe, sei noch lange kein guter Arzt, vielmehr müsse die Eignung die entscheidende Rolle spielen. Und am langen Ende müsse die vertragsärztliche Tätigkeit so einfach wie möglich gestaltet werden. Aber vieles lasse sich auch nur gemeinsam mit den Kassen machen. Das eine oder andere haben man ja schon erreicht, um die Ärzte zu entlasten. So scheine das Notfallsystem in der Hinsicht zu funktionieren. Schneider hofft zudem, dass die Verantwortlichen in den Städten erkennen, dass Ärzte als wichtiger Standortfaktor wahrgenommen werden. Wie dem auch sei: Gesundheitsversorgung ist offenbar bei allen, die betroffen sind, häufig Thema.

Apropos Standortfaktor. In Neuenrade gibt es einen Stadtmarketingverein, der sogar die spezielle Arbeitsgruppe „Gesundheit“ hat. Vorsitzender ist Apotheker Dr. Sven Simons: „Die Thematik ist mir bekannt“. Doch sieht er Schwierigkeiten, auf lokaler Ebene etwas zu bewegen. Seiner Ansicht nach sei „ein großpolitischer Ansatz“ nötig, um die anstehenden Probleme zu lösen. Man blicke da auf die Koalitionsverhandlungen.

Bleibt noch der Blick auf die Fachärztelandschaft. Hier scheint zumindest Werdohl gut aufgestellt, dort ist fast das gesamte Spektrum vertreten. Über den Altersdurchschnitt der Fachärzte wurde indes nichts bekannt. -

Von Peter von der Beck

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