Über Alternativen zum Entsorgungssystem

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In anderen Städten ist zum Beispiel die Entsorgung von Bioabfall in den „normalen“ Kosten bereits enthalten. Etliche Varianten sind für Neuenrade denkbar. Fair, transparent und preiswert soll es sein.

Neuenrade - Fair aber mit Schwächen in der Praktikabilität – auf diesen Nenner könnte man das derzeit noch angewandte Müllentsorgungssystem der Neuenrader bringen, das nach dem Verursacherprinzip handelt und das Gewicht als Grundlage für die Kosten heranzieht.

Wer viel Müll produziert, zahlt viel. Aber ist es wirklich das beste System, dass alle Faktoren berücksichtigt und nicht nur die ökologischen? Dieser Frage wollen die Neuenrader Sozialdemokraten auf den Grund gehen und hatten deshalb am Mittwochabend zu einer Podiumsdiskussion in den Kulturschuppen geladen.

Ein spannendes Thema, das wurde schon beim Blick in die Runde deutlich. Alle Fraktionen waren erschienen, Bürgermeister Antonius Wiesemann inklusive seines Fachpersonals und natürlich nutzten auch interessierte Bürger die Gelegenheit, sich zu informieren. Mieter wie Besitzer von Mehrfamilienhäusern verfolgten die Diskussion und bekamen ihre Fragen auch beantwortet.

Der SPD war es gelungen, wirklich sachkundige Gäste auf die Bühne zu holen. Roland Schäfer, Bürgermeister der Stadt Bergkamen, berichtete über seine Erfahrungen nach der Abkehr von einem privaten Entsorgungsbetrieb. Andreas Fritz, Technischer Leiter des Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetriebs Lüdenscheid (STL), informierte das Publikum über das in Lüdenscheid praktizierte, volumenabhängige Entsorgungssystem. Somit waren drei interessante Optionen personell vertreten: Volumenbasiert und privat entsorgt, volumenbasiert aber in kommunaler Hand und die dritte Variante, die sich auf das Gewicht bezieht.

In puncto Ökologie dürfte es eigentlich keine Diskussionen geben. Wenn nach Gewicht abgerechnet wird, dann wird getrennt, was irgendwie geht. Das bestätigte ein Familienvater, dessen Kinder mit dem Neuenrader System groß geworden sind und die ein entsprechendes Verhalten automatisiert hätten. Aber es hat halt auch Nachteile.

Mülltourismus, das bewusst falsche Einsortieren und die Notwendigkeit einer Kontrolle, dass keine Fremder seinen Müll in einer Tonne des Nachbarn „preisgünstig“ entsorgt. „Es wird immer schwarze Schafe geben“, meinte Andreas Fritz, schien aber überzeugt, dass die Lüdenscheider Bevölkerung mit ihrem Konzept zufrieden ist.

Aus der Reihe tanzte Roland Schäfer. Seine Stadt Bergkamen geht eigene Wege – im wahrsten Sinne des Wortes. Die 50 000 Seelen zählende Stadt im Kreis Unna stellte alles auf den Prüfstand: Gas, Wasser, Strom, Müllentsorgung, Straßenreinigung, Fernwärme. Und kam nach intensiver Analyse durch externe Berater zu dem Schluss, dass ein eigener Betrieb unter dem Dach der Kommune die beste Lösung sei. Auf die Frage, ob die Bürger bei dieser Entscheidung beteiligt gewesen wären, antwortete Schäfer kurz und knapp: „Nein!“ Weil die wenigsten erwartet hätten, dass „faule“ Stadtbedienstete so etwas effizient und kostengünstig bewerkstelligen können. Bergkamen bewies das Gegenteil, hat einen funktionierendes Entsorgungssystem aufgebaut, das im Gegensatz zu einer vertraglichen Bindung an einen privaten Entsorger mehr Service und schnelle Änderungen erlaube. Und deutlich preiswerter sei das System auch, fügte der Erste Bürger Bergkamens hinzu. Allerdings, so machte Schäfer klar, ist so ein Betrieb mit einem gewissen unternehmerischen Risiko verbunden. Das könne man aber minimieren, wenn kompetente Berater mitwirkten, riet er.

Mit Blick auf den zeitlichen Ablauf klärte dann Gerhard Schumacher, kaufmännischer Vorstand der heimischen Stadtwerke, auf. Die Verwaltung sei in alle Richtungen offen. Bis zum Sommer gehe es darum, sich zu entscheiden, welches System man wolle. Dann bleibe Zeit für eine entsprechende Ausschreibung, die europaweit erfolgen müsse, beziehungsweise die Einrichtung eines eigenen Entsorgungsbetriebs. Der Anschluss an den Zweckverband für Abfallbeseitigung (ZfA) scheint ebenfalls möglich.

Ende 2016 läuft der aktuelle Vertrag aus. Bis dahin müssen die Weichen gestellt sein. Grundsätzlich gilt zwar weiterhin: Weniger Müll ist gut. Aber so einfach ist dieses komplexe Thema doch nicht zu behandeln.

Von Markus Jentzsch

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