Von der Turmhügelburg zur Neuenrader Grundschule

Das Foto entstand kurze Zeit nach Fertigstellung des Gebäudes. Geändert hat sich wenig: Die Bäume sind verschwunden, der Platz vor der Schule befestigt. Das Haus rechts im Bild existiert heute noch.

NEUENRADE -  In einer Serie stellt unsere Zeitung die Denkmäler Neuenrades vor. Im vergangenen Jahr wurde das 100-jährige Jubiläum des Burgschulgebäudes gefeiert. Am 19. Oktober 1912 wurde der Bau als Evangelische Volksschule feierlich eingeweiht.

Bereits der heutige Name „Burgschule“ deutet auf die eigentliche Nutzung des Geländes hin. „Hier hat bereits lange vor der Stadtgründung eine Burg gestanden, vermutliche eine Turmhügelburg, wie sie derzeit in Küntrop errichtet wird“, erklärt Stadtarchivar Dr. Rolf Dieter Kohl. Wer der residierende Burgherr gewesen ist, weiß Kohl trotz intensiver Recherche nicht. Der Historiker vermutet aber, dass die Burg bereits vor Stadtgründung ein Beobachtungs- und Befestigungspunkt der Grafen von Altena – der späteren Grafen von Mark – an der Grenze zu den kurkölnischen Gebieten war.

Kohl bedauert, dass vor dem Bau der Schule keine archäologischen Grabungen durchgeführt wurden. Das keine Fotos und Ausgrabungsergebnisse vorliegen – oder zumindest nicht bekannt sind – sei besonders verwunderlich, da sich der zuständige Architekt der Burgschule Max Uhlig sehr für die Denkmalpflege einsetzte. Möglicherweise sollte der Baubeginn nicht verzögert werden, nennt Kohl mögliche Gründe, warum auf Grabungen verzichtet wurde. Heute erinnert noch ein kleines Steinrondell mit Zinnen um die „Einheitseiche“ an den ursprünglichen Charakter des Geländes.

Baubeginn des neuen Schulgebäudes war der 14. Juli 1911. Nach langer Zeit von Provisorien zur Unterbringung der Schüler wurde der Neubau von den Neuenradern begrüßt.

Die Evangelische Volksschule wurde aber nur mit einer „schlichten und einfachen Feier“, so Kohl, am 19. Oktober 1912 eingeweiht. Das, für die damalige Zeit, großzügig bemessene Gebäude bot sieben Klassen Platz. Dazu waren Räume für die „Selekta“, eine Oberklasse zur Vorbereitung auf das Studium, und eine gewerbliche Fortbildungsschule, ähnlich heutiger Berufsschulen, reserviert. Im Keller befand sich neben der Hausmeisterwohnung eine öffentliche Badeanstalt mit Wannen- und Brausebädern. Der Dachboden wurde unter anderem als Jugendherberge genutzt.

Der Architekt Max Uhlig entwarf auch die Pläne für den Neubau des Neuenrader Amtshauses, das 1913/1914 in direkter Nachbarschaft der Burgschule gebaut wurde, und als heutiges Rathaus demnächst Jubiläum feiert. Beide Gebäude des Architekten Uhlig sind der Stilrichtung des Neoklassizismus zuzuordnen. Dieser Baustil ist eine neue Version des Klassizismus (etwa 1770 bis 1840), der sich vor allem römischer und griechischer Bauvorbilder bedient. Im Beispiel des Neuenraders Grundschulgebäudes ließe sich etwa die Dachgaube mit dem Dreiecksgiebel eines Tempels vergleichen.

Von Sebastian Berndt

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