Trotz Kritik der Opposition: Rat schickt das MVZ auf die Reise

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In der Praxis von Dr. Michael Beringhoff an der Zweiten Straße wird das neue Medizinische Versorgungszentrum für Neuenrade entstehen

Neuenrade – Jetzt wird das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) für Neuenrade Realität. Mit den Stimmen der SPD und der CDU, aber ohne die Stimmen von FWG, FDP und Bündnisgrünen wurde das MVZ auf den Weg gebracht.

Zuvor gab es noch einen Appell von SPD-Mitfraktionschef Thomas Wette, für das MVZ zu stimmen: „Der Druck steigt, das Ding auf den Weg zu bringen.“ Auch wenn man mit dem Weg, wie ihn die Mehrheitsfraktion CDU und die Verwaltung eingeschlagen hätten, nicht einverstanden sei, gehe es doch um die Neuenrader Bürger. Die SPD hatte sich, wie auch FWG, Bündnisgrüne und FDP im Vorfeld gegen die Art und Weise sowie vorgesetzte Rahmenbedingungen gewehrt. 

Auch die Besetzung des Verwaltungsrates gemäß dem Parteienproporz und die erforderliche, mit der Kommunalaufsicht abgestimmte Satzung, wurden festgelegt. Zuvor hatte es noch mal Diskussionen seitens der Opposition gegeben. Themen waren hier wieder die fehlende Barrierefreiheit und Alternativen zum Standort. FWG-Fraktionschef Bernhard Peters sagte gar, dass aus seiner Sicht die Praxis Beringhoff – „das alte Gemäuer“ sei „unterste Schublade“ – nicht in Frage komme. Grundsätzlich sei er für das MVZ. 

Argumente noch einmal durchgekaut

Noch einmal kauten leicht genervt CDU-Vize-Fraktionschef Daniel Wingen und auch Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) die Argumente durch: Die mangelnde Barrierefreiheit würde durch Hausbesuche ausgeglichen und zudem sicherte man noch einmal zu, bei einer Erweiterung selbstverständlich nur barrierefreie Gebäude zu nehmen. Gar ausdrücklich ins Protokoll genommen werden sollte das. 

Es entstand der Eindruck, dass die Mehrheitsfraktion und auch die Verwaltung gerne ein einstimmiges Ergebnis wollten. Das indes wurde versagt. Wingen, maßgeblich involviert in die Realisierung des MVZ, sagte dann aber auch ganz deutlich. „Wenn es funktioniert, dann dürfen Sie auch nicht die Lorbeeren dafür einstreichen.“ Im Umkehrschluss natürlich auch nicht die Prügel einstecken. 

Diskussion über alternative Standorte

Im Rahmen der Diskussion ins Spiel gebracht wurden wieder das Ärztehaus („dort wäre eine Praxis später verfügbar“) und jenes noch gar nicht existierende Gebäude, das im Mühlendorf gebaut werden soll und laut Planung schon Praxisräume enthält. Heinz Friedriszik (FWG) insistierte noch darauf, im Rahmen der Ratssitzung den „Mietvertrag“ nicht langfristig festzuschreiben, um beim MVZ flexibel zu bleiben. „Nicht, dass wir für zehn Jahre abschließen.“ Darauf ließ sich die CDU-Fraktion nicht ein, das könne ja später im Verwaltungsrat festgezurrt werden, sagte Wingen. Letztlich gelang es auch Bürgermeister Wiesemann nicht, bei der Abstimmung diese Teile der Opposition mit ins Boot zu holen. 

Teil der Unterlagen, welche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, war auch eine Wirtschaftlichkeitsprognose eines Gesundheitsökonomen. Die macht deutlich, dass die Kalkulation beim MVZ solide, aber durchaus knapp ist. Wie bei jeder Unternehmung gibt es auch hier wirtschaftliche Risiken. Im ersten Jahr geht der Fachmann von 475 000 Euro Betriebseinnahmen aus, die Ausgaben beziffert er mit rund 437000 Euro, bleiben unter Strich im ersten Jahr rund 38 000 Euro Gewinn. 

Zuschuss über 50.000 Euro

Allerdings sind in den Betriebseinnahmen auch 50 000 Euro Zuschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe enthalten. Im zweiten Jahr der Prognose muss es schon ohne Zuschuss gehen, der Gewinn wird hier mit knapp 9000 Euro prognostiziert. 

Hauptumsatzbringer sind Kassenpatienten, auch Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten wurden einkalkuliert. Der Großteil der Einnahmen des MVZ geht natürlich für Personalkosten drauf: Zwei Arztstellen plus vier Halbtagsstellen von Medizinischen Fachangestellten. Doch auch Rechtsberatung, Wirtschaftsprüfung, sowie Verwaltung und Abrechnungskosten addieren sich zu einem recht hohen Posten. Von daher scheint es vernünftig, dass nicht sogleich mit gewaltigen Investitionen wie bei einem Minikrankenhaus agiert wird. Bei diesem Modell kann sich die Stadt sozusagen ins gemachte Nest einer etablierten Praxis setzen. 

Moderate Kaltmiete

Die Kaltmiete scheint mit 650 Euro moderat, die Übernahme der funktionierenden Praxiseinrichtung für 15 000 Euro überschaubar. Vor allem, wenn der Gesundheitsökonom von 120 000 bis 150 000 Euro bei einer Neueinrichtung ausgeht. 

Die Zeit vergeht nun schnell: Am 1. Januar soll das Medizinische Versorgungszentrum Neuenrade als Anstalt öffentlichen Rechts offiziell mit zwei Hausarztstellen an den Start gehen. Das Stammkapital beträgt 50 000 Euro. Jetzt gilt es Zulassungsanträge an beteiligte Institutionen zu stellen. Einstweilen müssen Arbeits- und Mietverträge abgeschlossen werden. Die Praxis soll quasi im Schichtbetrieb geführt. Es wird entsprechend ausgeweitete Öffnungszeiten geben.

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