Finanzielle Schieflage

Traditionsverein steht nach 117 Jahren vor dem Aus

Im vergangenen Sommer und Herbst konnte der MGV Liedertafel letztmalig proben. Dann kam die zweite Corona-Welle und jetzt wohl das Ende des Vereins.
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Im vergangenen Sommer und Herbst konnte der MGV Liedertafel letztmalig proben. Dann kam die zweite Corona-Welle und jetzt wohl das Ende des Vereins.

Der Schritt scheint unausweichlich: Ein Neuenrader Traditionsverein steht vor der Auflösung, denn seit zwei Jahren fehlt ihm seine Haupteinnahmequelle. Die Kosten laufen aber währenddessen weiter.

Neuenrade ‒ Die Stadt Neuenrade verliert einen Traditionsverein. Der Männergesangverein Liedertafel, bereits 1904 gegründet, steht kurz vor der Auflösung. Endgültig beschlossen werden soll diese Ende Mai im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Saal des Hotels Kaisergarten. Das Aus des Vereins nach mehr als 115 Jahren naht, weil der MGV durch die Corona-Pandemie in finanzielle Schieflage geraten ist.

„Uns als Vorstand fällt dieser Schritt unglaublich schwer und wir haben auch Tränen in den Augen, aber es geht einfach nicht anders“, sagt Vorsitzender Dieter Lötters.

Gang zum Insolvenzgericht droht

Im Rahmen der außerordentlichen Mitgliederversammlung will Lötters den Antrag auf Vereinsauflösung stellen. Dann hofft der Vorsitzende, dass eine Mehrheit der noch verbliebenen 26 aktiven und einigen weiteren passiven Mitgliedern dem Antrag zustimmt. „Andernfalls würden wir in die Insolvenz schlittern“, warnt Lötters vor dramatischen Konsequenzen.

Denn seit mittlerweile zwei Jahren fehlen dem MGV Liedertafel praktisch jegliche Einnahmen. Dabei geht es gar nicht so sehr um die ausgefallenen Auftritte (Lötters: „Wir sind meist kostenfrei in Neuenrade aufgetreten, weil wir es einfach gerne gemacht haben.“), sondern um die Bewirtung der vielen Gäste mit Kuchen, Kaffee und weiteren Getränken beim Gertrüdchen. Weil das Volksfest coronabedingt 2020 und auch in diesem Jahr nicht stattfinden konnte, gab es natürlich auch keine Bewirtung im Vereinsheim an der Alten Straße auf der Altstadtseite. „Damit fehlt unsere Haupteinnahmequelle“, sagt Lötters.

Beiträge allein reichen nicht

Viele Kosten, wie beispielsweise die Miete für das Vereinsheim oder die Bezahlung des Dirigenten Eugen Momot müsste der Verein im Falle des Fortbestandes aber auch zukünftig tragen. „Nur aus den Beiträgen der wenigen verbliebenen Mitglieder ist das nicht zu stemmen“, sagt Lötters.

Bereits im vergangenen Jahr war der MGV durch den Gertrüdchen-Ausfall in finanzielle Schieflage geraten und eine Auflösung hatte im Raum gestanden. Eine Spende im fünfstelligen Bereich von Friedrich-Wilhelm „KoCo“ Kohlhage, dessen Großvater Wilhelm zu den Vereinsgründern gehörte, hatte damals dem Verein das finanzielle Überleben gesichert. Wie sich nun herausstellt, allerdings nur für ein Jahr.

Glanzzeiten sind lange vorbei

Noch einmal auf eine Spende hoffen und sich so ins nächste Jahr retten, wenn das Gertrüdchen wahrscheinlich wieder stattfinden dürfte, wollen Lötters und seine Vorstandskollegen nicht. „Unser Verein ist ohnehin überaltert, es fehlt der Nachwuchs und wir werden immer weniger Mitglieder“, sagt Lötters, dass die Vereinszukunft auch ohne Corona nicht gerade rosig ausgesehen hätte. Glanzzeiten mit bis zu 70 aktiven Sängern liegen mittlerweile viele Jahre zurück.

Sollten die anwesenden Mitglieder der Vereinsauflösung am 25. Mai zustimmen, soll im Anschluss schnellstmöglich alles dafür Erforderliche geregelt und der Mietvertrag für das Vereinsheim aufgelöst werden. „Uns tut es schrecklich leid, aber wir müssen diesen Schnitt jetzt machen“, sagt Lötters.

Gertrüdchen ohne Liedertafel

Den meisten Neuenradern dürfte der MGV Liedertafel nicht nur durch die Bewirtung beim Gertrüdchen, sondern durch viele Auftritte in der Hönnestadt und der Region bekannt sein. Der Männergesangverein begleitete seit vielen Jahren den traditionellen Peitschenknall zur Eröffnung des Gertrüdchen-Volksfestes. Darauf werden die Kirmesbesucher künftig wohl verzichten müssen.

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