1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Neuenrade

Totschlagprozess: Gutachter widerlegt Aussagen des Angeklagten

Erstellt:

Von: Thomas Krumm

Kommentare

Der 22-jährige Angeklagte soll seine Ex-Partnerin in deren Wohnung umgebracht haben.
Der 22-jährige Angeklagte soll seine Ex-Partnerin in deren Wohnung umgebracht haben. © Krumm, Thomas

Mit einem umfangreichen psychologischen Gutachten ist am Freitag der Prozess gegen den 22-jährigen Angeklagten aus Nigeria fortgesetzt worden, der seine Ex-Partnerin am 19. März in Neuenrade getötet und die gemeinsamen Kinder zu Halbwaisen gemacht hat.

Der psychiatrische Sachverständige Dr. Brian Blackwell hatte sich stattliche 18 Stunden für die Gespräche mit dem Angeklagten genommen, der im Gerichtssaal bisher geschwiegen hat. Der Gutachter machte deutlich, dass den biografischen Angaben des 22-Jährigen nicht ohne Weiteres getraut werden kann. Nach einem Lastwagen-Unfall, bei dem sein Vater ums Leben gekommen sei, habe er mehrere Monate im Koma gelegen, erklärte er dem Sachverständigen. Die hirnorganische Untersuchung ergab aber keinerlei Auffälligkeiten. Auch seine Angaben über Drogen- und Schmerzmittelmissbrauch konnte die Blutuntersuchung nicht bestätigen: Die angeblich eingenommenen Substanzen konnten nicht nachgewiesen werden. Den behaupteten Genuss von drei bis vier Flaschen 53-prozentigen Wodkas täglich hätte er vermutlich nicht überlebt. „Das kann nicht sein“, stellte der Gutachter fest.

Schon als Kind schwer misshandelt worden

Zahlreiche Narben am Körper des 22-Jährigen scheinen aber zu bestätigen, dass er schon als Kind schwer misshandelt wurde. Die Flucht durch Westafrika und die libysche Wüste könnte weitere Traumata hinterlassen haben. Der Gutachter ging davon aus, dass der 22-Jährige an den Folgen quälender Lebenserfahrungen und Katastrophen leidet. Im Fachjargon bezeichnet man diese Erkrankung als „posttraumatische Belastungsstörung“. In der depressiven Gefühlswelt des Angeklagten haben diese Beschädigungen zu dem geführt, was der Gutachter als eine „massive Affektstarre“ oder auch „affektive Stumpfheit“ bezeichnete. Selbst bei der Schilderung der Ereignisse rund um die Tötung der 24-Jährigen habe der 22-Jährige kaum eine Regung gezeigt.

Der Fall

Ein 22-jähriger Nigerianer soll seine Ex-Partnerin (24) am 19. März in deren Wohnung an der Bahnhofstraße erwürgt haben. Zuvor hatte es wohl einen Streit gegeben, in dem es um die beiden gemeinsamen Kinder ging. Bei diesem Streit mit einem Messer wurde auch der Angeklagte verletzt. Im Hagener Landgericht muss er sich derzeit wegen Totschlags verantworten. Das Urteil soll Ende November fallen.

Bei der Frage, wie es zu der Bluttat kommen konnte, spielt der genaue Verlauf der Auseinandersetzung eine große Rolle. Der Gutachter zitierte die Angaben des Angeklagten: „Beide hätten heftig gestritten. Dann sei ihm alles zu viel geworden.“ Sie habe ihm auf die Wange geschlagen und ihn mit einem Messer bedroht. Als sie versucht habe, ihm in die Brust zu stechen, habe er sich weggedreht. Dadurch sei der Stich „nur“ in den Oberarm gegangen. Hat die kurz darauf Getötete den Angeklagten tatsächlich mit einem Messer angegriffen? Hat es ein Gerangel um dieses Messer gegeben, in dessen Verlauf der Angeklagte einen Stich in den Oberarm erlitt? Oder hat er sich die Verletzung selber zugefügt, um sich als das erste Opfer der Auseinandersetzung darstellen zu können? Der Gutachter machte deutlich, dass der 22-Jährige seine heruntergekühlte Gefühlswelt scheinbar ganz gut im Griff habe.

Angeklagter der einzige lebende Zeuge

Sollte er tatsächlich mit dem Messer angegriffen worden sein, könnte seine Verletzlichkeit als traumatisierter Mensch und die Empfindung einer existenziellen Bedrohung zu der brutalen Antwort beigetragen haben. All dies ist hypothetisch – als lebenden Zeugen gibt es nur noch den 22-Jährigen. Und der hat das Tötungsgeschehen aus seiner Schilderung ausgespart. Der Gutachter zitierte: „Beim Kampf um das Messer habe er die Kontrolle verloren, und er wisse nicht mehr, was passiert ist.“

Der Prozess wird am 25. November ab 11 Uhr fortgesetzt.

Auch interessant

Kommentare