Dolmetscherin übersetzt Chatverlauf

Totschlagprozess: Sprachnachrichten geben intime Einblicke

Im Hagener Landgericht wurde der Totschlagprozess gegen einen 22-Jährigen aus Nigeria fortgesetzt.
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Im Hagener Landgericht wurde der Totschlagprozess gegen einen 22-Jährigen aus Nigeria fortgesetzt.

Das Schwurgericht am Hagener Landgericht hat inzwischen fast alle Zeugen gehört, die etwas zur Aufklärung des Tötungsdeliktes in Neuenrade am 19. März beitragen können.

Neuenrade - Intime Einblicke in die Beziehung des 22-jährigen Angeklagten mit der Getöteten (24) geben Sprachnachrichten, die die beiden kurz vor der Bluttat wechselten.

Das nigerianische Englisch war schwer zu verstehen, bis die Dolmetscherin sich der Sache annahm und übersetzte. Die meisten Nachrichten stammten dabei vom im Gerichtssaal schweigenden Angeklagten, der in den Botschaften sein Verhalten rechtfertigte, Ratlosigkeit über die Zukunft äußerte und seine Pläne ausbreitete.

Hatte das Opfer einen anderen Mann?

Sie warf ihm eine sexuelle Fixierung seines Gehirns und „sexuelle Unbeherrschtheit“ vor und forderte ihn auf, sich um eine Ausbildung, Arbeit und vor allem um seine Kinder zu kümmern. Und sie sicherte ihm zu: „Ich werde mein Bestes geben, um die Kinder zu erziehen.“ Dass er nicht mehr mit den beiden Kleinen zusammenleben würde, war ihm klar: „Am Ende wird ein anderer Mann kommen und mit meinen Kindern auf und ab laufen.“ In einer späteren Nachricht ging er davon aus, dass seine Befürchtung bereits Wirklichkeit geworden wäre: „Ich weiß, du hast einen Mann.“ Er machte deutlich, dass diese Situation für ihn sehr beschämend sei. Und er mahnte: „Immerhin haben wir Kinder zusammen.“

Der Fall

Ein 22-jähriger Nigerianer soll seine Ex-Partnerin (24) am 19. März in deren Wohnung an der Bahnhofstraße erwürgt haben. Zuvor hatte es wohl einen Streit gegeben, in dem es um die beiden gemeinsamen Kinder ging. Bei diesem Streit mit einem Messer wurde auch der Angeklagte verletzt. Im Hagener Landgericht muss er sich derzeit wegen Totschlags verantworten. Das Urteil soll Ende November fallen.

Da diese bei ihr lebten, musste die junge Frau nach seinem Auszug auch die Behördengänge zum Jobcenter und zum Jugendamt absolvieren, um das Haushaltseinkommen sicherzustellen. „Ich werde ihr (einer Sachbearbeiterin) sagen, dass du dich nicht um deine Kinder kümmern willst.“ Sein Verständnis für ihre Bemühungen um die Existenzsicherung schien merkwürdig begrenzt zu sein: „Geld, Geld, Geld – das ist alles. Warum dreht sich in diesem Land alles nur noch ums Geld?“ Es sei besser, wenn er aus Neuenrade weggehe und sich irgendwo um einen Neuanfang bemühe. Relativ konkret scheinen Pläne gewesen zu sein, in die Niederlande zu gehen. Aber auch von Italien ist die Rede, wo das Paar auf seiner langen Reise von Nigeria nach Deutschland eine Zeitlang gelebt haben soll.

Weitere Zeugen sagen aus

Die Zeugen des Verhandlungstages kamen durchweg aus der benachbarten Justizvollzugsanstalt (JVA), wo der Angeklagte während der Untersuchungshaft untergebracht ist. Sie bestätigten, dass es zwei ernste, letztlich aber ungefährliche Vorfälle mit dem anfangs als suizidgefährdet eingestuften 22-Jährigen gegeben habe. Sofort beendet wurde dessen Versuch, ein Betttuch an einem Fenster zu befestigen, um sich möglicherweise zu erhängen. Eine in den Unterarm gerammte Plastikgabel hinterließ lediglich eine Rötung auf der Haut. Das Sicherheitsbesteck ist ungefährlich. „Die Suizidprävention hat im Strafvollzug eine hohe Priorität“, sagte ein Zeuge.

Der Prozess wird am 27. Oktober ab 14 Uhr mit dem psychiatrischen Gutachten fortgesetzt.

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