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Totschlag-Prozess: Keine konkreten Anhaltspunkte für psychische Erkrankung

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Von: Thomas Krumm

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Symboldbild Justizia
Der Totschlag-Prozess gegen einen Neuenrader wurde am Mittwochnachmittag fortgesetzt. © Symbolbild: dpa

Nach einer längeren Unterbrechung wurde am Mittwochnachmittag der Prozess gegen einen 22-jährigen Mann aus Neuenrade fortgesetzt, der mutmaßlich die 24-jährige Mutter seiner beiden Kinder am 19. März in deren Neuenrader Wohnung getötet hat.

Von den Schrecknissen des Tatortes hat sich der Fokus der gerichtlichen Aufklärung schon seit Längerem auf die psychische Verfassung des Angeklagten im März 2021 verlagert. Zeugen berichteten von Merkwürdigkeiten, aber nicht von psychisch auffälligen Verhaltensweisen des 22-Jährigen. Vieles spricht deshalb dafür, dass er zum Zeitpunkt der Tat durchaus wissen konnte, was er tat. Alle Zeugen berichteten von seiner tiefen Niedergeschlagenheit nach der Tat. Justizvollzugsbeamte sorgten sich, er könnte sich umbringen wollen, ergriffen die notwendigen Maßnahmen. Vor Gericht fiel auch das Stichwort von der „posttraumatischen Belastungsstörung“ – einer depressiven Verstimmung nach einem traumatischen Erlebnis. Solche Folgen kann auch eine selbst verübte Gewalttat haben.

Der 22-Jährige begründete seinen Willen, doch weiterzuleben, damit, dass die Kinder nach dem Tod ihrer Mutter sonst niemanden hätten. Es gibt Hinweise, dass der Junge und das Mädchen, die in einer Pflegefamilie leben, ihren Vater sehen wollen. Für sie ist die furchtbare Situation entstanden, dass sie durch das Geschehen beide Elternteile verloren haben.

Der Fall

Ein 22-jähriger Nigerianer soll seine Ex-Partnerin (24) am 19. März in deren Wohnung an der Bahnhofstraße erwürgt haben. Zuvor hatte es wohl einen Streit gegeben, in dem es um die beiden gemeinsamen Kinder ging. Bei diesem Streit mit einem Messer wurde auch der Angeklagte verletzt. Im Hagener Landgericht muss er sich derzeit wegen Totschlags verantworten. Das Urteil soll Ende November fallen.

Befund hat für Verteidiger „keinen großen Wert“

Am Mittwoch berichtete ein Psychiater, der den zweifachen Vater nach der Tat in der Justizvollzugsanstalt begutachtet hatte, von seinem Befund: „Bewusstsein: klar. Gedanken: geordnet. Keine Anhaltspunkte für psychotisches Erleben.“ Besonders der letzte Punkt hat die Prozessbeteiligten beschäftigt: Eine extreme Bewusstseinsstörung, die möglicherweise mit Pseudo-Wahrnehmungen irrealer Stimmen oder Gestalten einhergeht, würde das Geschehen als die Tat eines Wahnsinnigen erklären. Doch außer vagen Hinweisen gibt es bisher keine konkreten Anhaltspunkte für eine solche psychische Erkrankung des Angeklagten. Es gibt Berichte über einen Unfall in seinem Heimatland Nigeria, bei dem sein Vater angeblich ums Leben kam. Verteidiger Andreas Trode zeigte sich verwundert darüber, dass der Psychiater keine Kenntnis von der bereits vorhandenen Krankenakte seines Mandanten gehabt habe. Sein Befund habe auf diesem Hintergrund keinen großen Wert.

Was hat die Wut des 22-Jährigen derart angestachelt, dass er minutenlang den Hals der Mutter seiner Kinder zudrückte? Eine Zeugin, die die Familie betreut hatte, lieferte eine mögliche Erklärung, die über den Einzelfall hinaus auf ein allgemeines Phänomen hinwies: Afrikanische Männer, die mit ihren Partnerinnen nach Europa kommen, seien hier sehr häufig damit konfrontiert, dass ihre Frauen den freieren Lebensstil sehr bald zu schätzen wissen und ihr Leben darauf einrichten.

Dazu gehört auch ein selbstbewussterer Umgang mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, das die 24-Jährige kurz vor der Tat sehr nachdrücklich eingefordert hatte. Auch die Trennung, die das Paar einige Monate vor der Tat vollzogen hatte, belegt, dass die junge Frau zunehmend ihren eigenen Weg gehen wollte. Zeugen berichteten von ihren beruflichen Plänen, die ebenfalls von ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten und unabhängigen Leben zeugen.

Der Prozess wird am 5. November fortgesetzt.

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