Gefängnis-Psychologinnen sagen aus

Totschlag-Prozess: Angeklagter hatte Selbstmord-Gedanken

Der Totschlag-Prozess wurde am Freitag fortgesetzt.
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Der Totschlag-Prozess wurde am Freitag fortgesetzt.

In welcher psychischen Verfassung befindet sich der Angeklagte, dem die Tötung seiner Ex-Partnerin in deren Neuenrader Wohnung vorgeworfen wird? Dieser Frage geht die Schwurgerichtskammer am Hagener Landgericht nach, um das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen vorzubereiten.

Der Weg vom Hagener Untersuchungsgefängnis bis in den Schwurgerichtssaal ist kurz. Und so kamen am Freitag in rascher Abfolge Zeugen, die entweder mit dem Angeklagten in einer Zelle sitzen oder als Psychologinnen sicherstellen, dass kein Häftling sich selbst tötet. Diese Gefahr war beim Angeklagten anfangs durchaus vorhanden, bestätigten drei Zeuginnen, die den 22-Jährigen und seine Suizidneigung nach der Tat begutachteten. Angeblich hat er versucht, sich ein Besteckstück in den Arm zu rammen und einen Strick an einem Fenster zu befestigen.

Er wurde aber nur vorübergehend in eine Sicherheitszelle mit fortwährender Beobachtung gesteckt. Schon bald überzeugte er die Psychologinnen, dass er sich trotz seiner tiefen Niedergeschlagenheit nicht töten würde. „Hat er Gründe genannt, warum er leben möchte?“, fragte der psychologische Sachverständige. „Weil die Kinder sonst niemanden hätten“, gab die Zeugin die Antwort des Angeklagten wieder. Das Schicksal seines kleinen Sohnes und seiner kleinen Tochter beschäftigt den 22-Jährigen offenbar sehr intensiv: Eine Zeugin berichtete von einem der wenigen fröhlichen Augenblicke des ansonsten tief depressiv wirkenden Angeklagten. Offenbar hatte er eine regelrechte Halluzination, die ihm die Anwesenheit seiner Kinder suggerierte.

Der Fall

Ein 22-jähriger Nigerianer soll seine Ex-Partnerin (24) am 19. März in deren Wohnung an der Bahnhofstraße erwürgt haben. Zuvor hatte es wohl einen Streit gegeben, in dem es um die beiden gemeinsamen Kinder ging. Bei diesem Streit mit einem Messer wurde auch der Angeklagte verletzt. Im Hagener Landgericht muss er sich derzeit wegen Totschlags verantworten. Das Urteil soll Ende Oktober fallen.

In der Gemeinschaftszelle hat sich der Zustand stabilisiert

Eine gewisse Sicherheit bot nach der Beobachtungszelle eine Gemeinschaftszelle: „Die Gesellschaft der anderen Mitgefangenen hat stabilisierend gewirkt“, erklärte eine Zeugin. „Sie spielten gemeinsam Karten und konnten sich so die Zeit vertreiben.“ Zwei Mithäftlinge berichteten aus dem Knast: Beide hatten Selbstgespräche des 22-Jährigen gehört. „Ich weiß nicht, was der machen würde, wenn er allein wäre“, sagte ein 34-jähriger Häftling. Die tiefe Trauer seines Mithäftlings konnte er gut verstehen: „Er vermisst seine Kinder. Ich habe selber Kinder. Ich weiß, wie er sich fühlt.“ Ein weiterer Mithäftling fasste die Situation in wenigen Sätzen zusammen: „Ich weiß, dass er alles verloren hat. Er weint. Er liest. Er sagte, dass er die Kinder vermisst.“

Ist der Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen?

Die relative Normalität der depressiven Stimmung des mutmaßlichen Totschlägers geht einher mit Berichten über Drogenkonsum und eine psychische Erkrankung, die bereits in Nigeria behandelt worden sein soll. Erneut wurde darüber spekuliert, ob er tatsächlich nach einem schweren Verkehrsunfall einen längeren Krankenhausaufenthalt hatte. Sein Vater soll bei diesem Unfall ums Leben gekommen sein.

Eine kleine Ausnahme vom allgemein düsteren Bild des Angeklagten bot der Bericht einer Justizangestellten: Der Häftling nehme seit August engagiert am Deutschunterricht der JVA teil. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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