Außer-Haus-Verkauf nur ein Zubrot

Teil-Lockdown: Schließung trifft Neuenrader Gastronomen erneut hart

Die Musi’ spielt in der Tiroler Stub’n auf dem Kohlberg im Moment nicht: Gerald Strutzmann (rechts) musste seine Gaststätte erneut schließen. Er bietet aber einen Außer-Haus-Verkauf an
+
Die Musi’ spielt in der Tiroler Stub’n auf dem Kohlberg im Moment nicht: Gerald Strutzmann (rechts) musste seine Gaststätte erneut schließen. Er bietet aber einen Außer-Haus-Verkauf an

Im Kampf gegen das Coronavirus ist auch Neuenrade in diesem Monat im Teil-Lockdown. Hart getroffen durch die verschärften Schutzmaßnahmen sind einmal mehr die Gastronomen, die ihre Lokale nicht öffnen dürfen.

Einige versuchen mit dem Außer-Haus-Verkauf von Speisen zusätzlich zur staatlichen Unterstützung zumindest einige Einnahmen zu generieren. Die SV-Redaktion hat nachgefragt, wie die ersten Tage liefen.

Gerald Strutzmann, Chef der Tiroler Stub’n auf dem Kohlberg, ist verärgert über die neuerliche Zwangsschließung: „Die Branche hatte sich gerade erst einigermaßen erholt. Ich bin eigentlich Optimist, aber irgendwann geht auch mir die positive Denke aus.“ Strutzmann ist einer der Gastronomen in Neuenrade, die sich entschieden haben, Speisen außer Haus zu verkaufen und auch einen Lieferservice anzubieten.

Wirtschaftlich nur bedingt sinnvoll

Das Café Karl zum Beispiel, oder auch das Ikarus, die beide zur Echterhage Holding gehören, liefern nicht, haben den Betrieb für einen Monat komplett runtergefahren. Eine Entscheidung, die Strutzmann gut nachvollziehen kann, denn wirtschaftlich sinnvoll sei der Außer-Haus-Verkauf nur bedingt. „Am Wochenende läuft dieses Modell, aber unter der Woche ist so gut wie nichts los. So ein Außer-Haus-Verkauf ist ein schönes Beiwerk zum regulären Betrieb, aber um damit ein Lokal halten zu können, ist der Umsatz viel zu gering.“

Benzinkosten, Verpackungsmaterial, Personalaufwand: das sind nur einige der Kostenstellen, die für Gerald Strutzmann jetzt eine Rolle spielen. Am Wochenende zu den Stoßzeiten sei außerdem so viel los, dass die Mitarbeiter der Tiroler Stub’n logistisch an ihre Grenzen kommen. Zwei Autos im Lieferservice zum Beispiel reichten bei den weiten Fahrtstrecken nicht aus, die sich durch die ländlichen Strukturen in der Region ergeben. Drei Autos müssten her, aber „kalkulatorisch ist dieses Arbeiten ein Genickbruch“. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass „die komplette Brigade in der Küche steht, wir aber zwei Drittel weniger Umsatz haben. Es ist einfach ein riesen Aufwand.“

Henblas-Geschäftsführer: Lage ist „frustrierend“

Michael Prange, einer der Geschäftsführer des Henblas-Hotels in Altenaffeln, bezeichnet die derzeitige Lage als „frustrierend“. „Wir tun und machen, investieren Geld in die Hygienemaßnahmen und am Ende müssen wir doch wieder schließen. Im Frühjahr waren wir von der Situation geschockt, jetzt sind wir einfach nur frustriert.“ Als Alternative biete das Henblas jetzt wieder einen Außer-Haus-Verkauf an, der im Frühjahr recht gut gelaufen sei. Per Telefon kann eine Bestellung aufgegeben und die Uhrzeit der Abholung vereinbart werden. „Am Wochenende liefern wir auch“, sagt Prange. „Die Speisekarte haben wir auf der Internetseite veröffentlicht.“

Gerald Strutzmann kritisiert, dass durch die Außer-Haus-Verkäufe der Verbrauch von umweltschädlichem Verpackungsmaterial wie Alufolie oder Styropor „doppelt und dreifach gefördert wird“. Normalerweise sei auch die Gastrobranche dazu angehalten, auf den Verbrauch zu achten und ihn so gering wie möglich zu halten. Bei den Lieferungen fehle außerdem das schöne Anrichten auf einem Teller, sagt Strutzmann. „Bei Pizzen ist das weniger ein Problem als bei den Gerichten, die wir verkaufen.“ Neu im Sortiment und gut für die Lieferung geeignet sei dagegen der hauseigene „Hüttenburger“.

Finanziell wird die Luft immer dünner

Finanziell sehe es in der Tiroler Stub’n nicht allzu schlecht aus, „die Luft wird aber immer dünner“, so der Chef. „Wir kämpfen ums nackte Überleben.“ Auch Michael Prange kann nicht viel Gutes zur wirtschaftlichen Lage berichten. „Viele Schließungen können wir nicht mehr mitmachen. Außer-Haus-Verkäufe wiegen die Verluste nicht auf – auf keinen Fall“, sagt er. Im Gegensatz zum Frühjahr habe sich die neuerliche Zwangsschließung aber zumindest etwas langfristiger angekündigt. „So konnten wir früher damit anfangen, den Lebensmittelbestand zu reduzieren. Dadurch mussten wir nicht so viel wegschmeißen“, sagt Prange.

Der Außer-Haus-Verkauf sei zwar keine schlechte Einnahmequelle, es fehlten aber rund zwei Drittel der normalen Kundschaft. Grundsätzlich, so habe Prange schon im Frühjahr die Erfahrung gemacht, werde bei schlechtem Wetter tendenziell mehr bestellt, weil „bei gutem Wetter eher der Grill angeschmissen wird“. Gerald Strutzmann ergänzt: „Beide Male war es bisher aber so, dass das Wetter während der Schließung gut war.“

Warten auf finanzielle Unterstützung des Bundes

Von dem zuletzt angekündigten Förderpaket des Bundes, nach dem 75 Prozent der November-Einnahmen des Vorjahres an die Gastronomen gezahlt werden sollen, hat Strutzmann seit der Ankündigung durch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nichts mehr gehört. Er wisse auch nicht, ob ihm dieses Programm überhaupt helfen werde, denn „ich habe erst am 29. November letztes Jahr aufgemacht. Von den paar Euro könnte ich mir dann vielleicht eine Schachtel Zigaretten kaufen“. Wegen der Schließung fällt übrigens auch die Feier des Einjährigen aus, die eigentlich geplant war. Sie soll bei Gelegenheit nachgeholt werden.

Ganz allgemein kann der Gastwirt vom Kohlberg die Schließung kaum nachvollziehen. „Das war total unüberlegt und wieder so eine Hau-Ruck-Aktion. Die Infektionsrate in der Gastronomie ist verschwindend gering und wir tun alles, um das Risiko einer Ansteckung möglichst klein zu halten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare