Save the Children

Neuenraderin im Einsatz für unterdrückte Rohingya

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Ein Vater füttert sein unterernährtes Baby in einer Klinik der Organisation Save the Children.

Neuenrade - Die aus Neuenrade stammende Tamara Lowe hat in einem riesigen Flüchtlingslager in Bangladesch geflüchtete Rohingya getroffen. Was sie berichten, ist erschütternd.

„Was die Kinder in Myanmar erlebt haben, sollte kein Kind erleben müssen“, sagt Tamara Lowe. Die 36-Jährige war vier Wochen lang täglich in einem riesigen Flüchtlingslager in der Region Cox’s Bazar im Südosten von Bangladesch.

Für die Hilfsorganisation Save the Children hat sie geflüchtete Rohingya über ihre Erlebnisse befragt. Aus den Erzählungen ist der englischsprachige Bericht „Horrors I will never forget“ (Schrecken, die ich niemals vergessen werde) entstanden, von dem auch eine deutschsprachige Zusammenfassung verfügbar ist.

Auch der erfahrenen Nothelferin Tamara Lowe seien diese Geschichten sehr ans Herz gegangen, erzählt sie. Ein Mädchen etwa habe ihr erzählt, es sei von drei Soldaten vergewaltigt worden. Viele Kinder hätten mit ansehen müssen, wie ihre Eltern umgebracht oder die Mütter vergewaltigt wurden.

Tamara Lowe, hier bei einem Nothilfeeinsatz nach dem Hurrican Irma.

Ganze Dörfer hätten die Soldaten niedergebrannt, während sich die Kinder zum Teil noch in den Häusern befanden. Die Felder der zu einem großen Teil von der Landwirtschaft lebenden Mitglieder der muslimischen Rohingya-Minderheit wurden zerstört.

Wer flüchtet, hat fast nur noch die Kleidung, die er am Leib trägt. Nach tage- oder wochenlanger Flucht zu Fuß haben viele nicht einmal mehr Schuhe an.

Viele haben Verletzungen, einige Schusswunden

Wer es ins Lager geschafft hat, bekommt dort medizinische Nothilfe in eigenen Kliniken. „Viele haben sich auf der Flucht verletzt, einige haben Schusswunden“, erklärt Tamara Lowe. Auch Medikamente verteilen die Helfer, für kompliziertere Fälle müssen sie an größere Krankenhäuser verweisen.

Viele Kinder haben ihre Eltern auf der Flucht verloren. Gerade die Jüngsten sind oft unterernährt und vollkommen entkräftet. Spezielle Lebensmittel liefern schnell Nährstoffe, damit die Jungen und Mädchen die erste Zeit überstehen. Mit Nothilfepaketen werden die Familien außerdem unterstützt.

Das Erlebte ist nur schwer zu verarbeiten

Auch psychologische Unterstützung spielt im Lager eine große Rolle. Denn das, was gerade die Jüngsten erlebt haben, ist – wenn überhaupt – nur schwer zu verarbeiten. In Kindertagesstätten können sie wieder Kind sein und für einen Moment vergessen, was sie durchlebt haben.

Mehr als 250.000 Menschen konnte Save the Children so helfen. Seit 2012 ist die Hilfsorganisation für die Geflüchteten in Bangladesch im Einsatz. Die Zahl von 60 Helfern soll bis zum Jahresende auf mehr als 100 aufgestockt werden. Für solche Fälle stehen Teams auf der Welt ständig bereit.

Ein Teil des riesigen Lagers in der Region Cox’s Bazar, in dem die geflüchteten Rohingya untergebracht sind.

Hunderttausende Menschen sind geflohen, seit die Gewalt gegen die Rohingya im August 2017 einmal mehr eskaliert ist: Die radikale Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) hatte mehrere Polizeiposten angegriffen. Polizei und Militär schlugen brutal zurück.

Wo bis August noch Dschungel war, leben mittlerweile Hunderttausende Flüchtlinge in einfachsten Behausungen, erklärt Lowe. „Mit diesem Ansturm hatte niemand gerechnet.“ Hilfsorganisationen wie Save the Children, das Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen stoßen an ihre Grenzen, auch weil ihnen zu wenig Geld zur Verfügung steht.

Die hygienischen Zustände sind eine Katastrophe

Die hygienischen Zustände sind katastrophal: Es gibt kaum Waschmöglichkeiten, das Wasser ist schmutzig und die viel zu wenigen Toiletten sind hoffnungslos überlastet. Im ganzen Camp liegen Fäkalien herum, in denen auch die Kinder spielen.

Zur Spenden-Seite von Save the Children

„Die Hygiene ist eines der größten Probleme dort“, sagt Lowe. Viele haben Durchfallerkrankungen. Bis jetzt sind die Menschen im Camp von einer Epidemie verschont geblieben, doch Krankheiten wie Cholera können schnell ausbrechen. Die Hilfsorganisation verteilt deshalb auch Hygieneartikel wie Seife oder Badewannen für Babys.

Und doch gibt es auch glückliche Momente im Lager: „Wenn Kinder ihre Eltern auf der Flucht verloren haben und wir die Familien wieder vereinen können, dann baut einen das schon auf“, erzählt Tamara Lowe.

Die Suche nach Angehörigen ist schwierig

Doch die Suche nach Angehörigen gestaltet sich oft schwierig in dem riesigen Lager. Bis Verwandte gefunden sind, kommen die Kinder in einem Schutzraum unter.

Zu der Einigung vom Donnerstag über die Rückkehr der Rohingya zeigt sich Lowe vorsichtig optimistisch: „Wenn die Sicherheit der Rohingya nach ihrer Rückkehr gewährleistet ist und ihnen die gleichen Rechte zustehen wie dem Rest der Bevölkerung, dann ist das eine gute Nachricht.“

Ein Helfer von Save the Children überreicht einer Frau Nothilfe-Mittel.

Viele hätten panische Angst, in ihre Heimat zurückzukehren. Der Staat müsse für eine angemessene Kompensation sorgen, weil die meisten Dörfer abgebrannt worden seien. „Den Menschen müssen Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden und sie müssen die Möglichkeit bekommen, zu arbeiten und in die Schule zu gehen.“

Die Rohingya haben in Myanmar keine Rechte

Bisher gilt die verfolgte Bevölkerungsgruppe als staatenlos und hat keinerlei Rechte. Wie schlimm es wirklich steht, können die Nothelfer nur aus Berichten der Geflüchteten erschließen: Unabhängige Untersuchungen in Myanmar sind nicht möglich.

Tamara Lowe kritisiert die aktuelle Lage: „Die Diskriminierungen und die Gewalt müssen auf jeden Fall aufhören.“

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