Arbeiten an Neujahr

„Heute noch Gänsehaut“ beim Notdienst in der Apotheke

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Dr. Sven Simons in der automatisierten Kommissionierungsmaschine der Apotheke am Stadttor. Rund 18.000 Packungen von 4900 verschiedenen Arzneimittel hat er für einen Notdienst auf Vorrat.

Neuenrade - „Sicher ist solch ein Dienst nicht schön“, räumt Dr. Sven Simons ein. Doch der Apotheker der Neuenrader Apotheke am Stadttor unterstreicht: „Wenn Du studierst, weißt Du, dass Notdienste auf Dich zukommen. Da musst Du hinterher auch nicht jammern.“ Und so war die Silvesterparty für ihn um 1 Uhr beendet. Ab 9 Uhr war er dann am Neujahrstag an seinem Arbeitsplatz.

Langeweile kam für ihn dort nicht auf. Im Schnitt 15 bis 20 Kunden kamen pro Stunde. Da hatten die Kinder Läuse oder die Katze Flöhe. Da litt der Säugling unter starkem Fieber. Und da hatte sich die Demenz der Mutter urplötzlich verschlimmert.

Simons lobt aber die Kollegialität in seiner Branche. „Ich bin auf den Tag vor zehn Jahren mit meiner Frau, die auch Apothekerin ist, aus Bonn hierher gezogen. Und es gibt Dinge, die funktionieren auf dem Land noch.“ So hätte er eigentlich am Pfingstmontag den Notdienst anbieten müssen, weil da aber ein Familienurlaub mit den drei Kindern geplant ist, tauschte Simons mit einem Kollegen einer Werdohler Apotheke.

„Und bei einem Notdienst an Heiligabend 2016 bekam ich große Hilfe von einem Arzt aus einer Nachbarstadt.“ Ein Patient brauchte dringend ein Schmerzmittel. Doch ohne Rezept durfte Simons die Arznei nicht herausgeben. Ein Anruf bei dem Mediziner brachte um 17 Uhr – vermutlich kurz vor der Bescherung – Abhilfe. „Da kriege ich heute noch Gänsehaut“, betont Simons und zeigt auf seine Arme.

Doch Simons hat auch andere Erinnerungen, wie etwa an den jungen Mann, der nachts um halb zwei in der Notapotheke Kondome kauft – wohl nicht gerade der klassische Notfall. „Da ärgert man sich schon, wenn man deswegen aufstehen muss.“ In der Nacht, wenn es ruhiger wird, schläft Simons auch einmal ein, zwei Stunden – „aber so flach, dass man keine Kunden verpasst“.

Spezielle Silvesterwunden hatte Simons nicht zu versorgen. „Es gab eine Brandverletzung in Neuenrade. Aber die Person ist direkt ins Krankenhaus nach Werdohl gekommen.“ Aber bei einem früheren Dienst war Simons schwer gefragt: Ein verzweifelter Mensch tauchte bei ihm auf, weil gerade einer seiner Angehörigen bei einem Autounfall verstorben war. „Ich kann ja nicht den Hobby-Psychologen spielen“, schildert der Apotheker seine eigene Not in dem Fall.

„Was mich besonders freut: An Tagen wie diesen merkst Du, dass die Kunden Deine Arbeit noch einmal mehr wertschätzen.“ Kaum hat Simons das gesagt, bekommt er schon Trinkgeld von der nächsten Kundin.

Nur Apotheker dürfen einen Notdienst verrichten, keine PTA etwa. Zum Team von Simons und seiner Frau gehört noch zwei weitere Apotheker. Da kann auch mal einer einspringen, wenn Simons im Notdienst plötzlich selbst erkrankt.

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