Noch ein Leerstand auf der Ersten Straße

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Gleich gegenüber der ehemaligen „Ihr Platz“-Filiale steht bald das nächste Geschäft leer: „Susan’s“ schließt. ▪

NEUENRADE ▪ Susanne Bachmann ist wütend. „Die Entwicklung in dieser Stadt ist einfach nicht das, was man sich wünscht“, sagt sie. Nach zehn Jahren schließt die Neuenraderin ihr Modegeschäft in der Ersten Straße. „Ich habe einfach keine Lust mehr.“

Susanne Bachmann arbeitete bisher immer im Modebereich, schon ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau machte sie in der Textilbranche. Der eigene Laden war immer ihr Traum. „Aber irgendwann ist so ein Traum ja auch mal vorbei“, stellt sie jetzt ernüchtert fest.

Tatsächlich ist die Aussicht aus ihrem Geschäft ziemlich trist: Direkt gegenüber liegt die kürzlich geschlossene „Ihr Platz“-Filiale. Auch der Discounter Aldi und der Drogeriemarkt Schlecker machten im Laufe der letzten Wochen dicht. Seit etwa eineinhalb Jahren beobachtet Susanne Bachmann, dass Neuenrade in eine aus ihrer Sicht falsche Richtung entwickelt. „Es wird nur noch etwas für die alten Leute getan“, erklärt sie. „Das ist ja auch gut. Aber junge Familien mit Kindern werden vergessen.“ Nicht nur Einkaufs-, auch Freizeitmöglichkeiten fehlten. „Die müssen ja abwandern.“

Schon in der kurzen Zeit, seit die anderen Geschäfte in der Ersten Straße geschlossen haben, musste Susanne Bachmann Umsatzeinbußen feststellen. „Es ist ja auch nicht schön, wenn man hier über die Straße läuft und in dunkle Löcher guckt.“ Die Laufkundschaft fehle inzwischen, denn wer schon zum Super- oder Drogeriemarkt nach Balve oder Werdohl gefahren sei, erledige dort auch seine übrigen Einkäufe. Die Modefachfrau ist zwar sicher, dass sie mit ihrem Geschäft auch weiter über die Runden gekommen sei, unter den aktuellen Umständen in der Stadt mache es ihr aber einfach keinen Spaß mehr.

Schon länger hatte sie darüber nachgedacht, „dass das hier nicht das letzte sein soll, was ich in meinem Leben machen will.“ Angesichts der jüngsten Entwicklungen ging es dann auf einmal ganz schnell: „Ich war letzte Woche im Urlaub und habe dann kurzfristig entschieden, den Laden zum Ende des Monats zu schließen.“

Als sie ihr Modegeschäft vor zehn Jahren eröffnete, sah die Stadt noch ganz anders aus, findet sie: „Alles war da, wir hatten eine richtig schöne, kleine, verträumte Stadt.“ Drei Jahre lang blieb sie in ihrem ersten Ladenlokal direkt neben dem jetzigen. Dann kaufte sie das Haus in der Ersten Straße 29 und zog hier mit ihrem Geschäft ein.

„Ich bin ja Neuenraderin“, sagt Susanne Bachmann. „Und ich bin mit der Stadt verbunden, sonst hätte ich meinen Laden ja auch ganz woanders aufmachen können.“ Eine große Stammkundschaft hat sie sich im Laufe der Jahre aufgebaut, viele halten ihr schon seit zehn Jahren die Treue. „Für die tut es mir leid“, sagt die Ladenbesitzerin. „Es gibt ja hier keine Alternativen.“

Das sehen auch ihre Kundinnen so, die scharenweise in das Geschäft strömen, um noch ein paar Schnäppchen mit nach Hause zu nehmen.

„Es ist wirklich traurig. Die Erste Straße wird kaputtgemacht“, sagt auch Susanne Bachmanns Mitarbeiterin. „Was wir haben, sind Spielhöllen“, ergänzt eine Kundin. „Ich glaube, wir versuchen, ein kleines Las Vegas zu werden.“

Für Susanne Bachmann ist es mit der Modebranche vorbei: Schon seit mehreren Monaten arbeitete sie ehrenamtlich im sozialen Bereich, zum 1. Oktober nahm sie hier kurzentschlossen eine neue Stelle an. „Ich bin jetzt 50 Jahre alt“, sagt sie. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ ▪ Constanze Raidt

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