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Massive Energiekosten belasten alle

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Von: Peter von der Beck

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Stromzähler in einer Wohnung
Neuenrader Unternehmen haben aktuell mit siebenstelligen Preissteigerungen beim Strom zu kämpfen. Auch Privathaushalte kämpfen mit Kosten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Welt ist ein Dorf – das wird in diesen Zeiten besonders deutlich: Inflation, drastisch steigende Lebenshaltungskosten. Wir haben bei heimischen Unternehmen Einschätzungen, Prognosen und Zustandsbeschreibungen abgefragt und ein aktuelles Stimmungsbild bei lokalen Akteuren eingeholt.

Neuenrade – Bei der Vereinigten Sparkasse registriert man da ganz klar: Es gibt eine allgemeine Zurückhaltung beim Konsum und bei privaten Investitionen wie Bauvorhaben. Das kann Tomislav Majic bestätigten.

Immobilien: Zinsen steigen

Der Sprecher der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis erwartet bei der lokalen Entwicklung – aufgrund der hohen Inflation und steigender Kreditzinsen für den Kauf oder Bau von Immobilien – für die nächsten Monate eine Beruhigung der Nachfrage. Anfang dieses Jahres habe man zehnjährige Baufinanzierungen noch zu einem Zinssatz von um einem Prozent abschließen können, nun müsse man schon mit drei Prozent rechnen. Majic rät zum Gegensteuern und verweist auf zinsgünstige Bausparverträge. Um sich langfristig abzusichern, sollte man hier schnell reagieren. Denn, so prognostiziert der Sprecher: „Auch bei diesem Modell wird kurzfristig die Verzinsung angepasst werden.“

Zurückhaltung beim Konsum

Hinzu komme, dass trotz der hohen und fortlaufend steigenden Haushaltskosten die Immobilienpreise im Beritt der Sparkasse trotz der gestiegenen Marktzinsen nicht gefallen seien. Was den Konsum anbelangt, so konstatiert Majic, dass die Kundschaft jetzt allgemein zur Zurückhaltung neigen würde, angesichts steigender Preise bei vielen Alltagsprodukten und weil „kaum ein Tag vergehe ohne Warnung vor hohen Nebenkostennachzahlungen und weiteren Sprüngen bei Energiepreisen“.

Konsumkredite und Haushaltspauschalen

So gebe es statt des erhofften höheren Konsums nach Ende der meisten Corona-Maßnahmen Zurückhaltung: Die Verbraucher halten ihr Geld zusammen. Bei der Vereinigten Sparkasse zeigt man sich wohl nicht restriktiv bei der Vergabe von Konsumkrediten. Da geben es zahlreiche „maßgeschneiderte Angebote“, heißt es von Majic. „Allerdings sind die zugrunde zu legenden Haushaltspauschalen höher zu beziffern.“ Das beeinträchtige „die eine oder andere Konsumentenkrediteinräumung“.

Investitionszurückhaltung bei guter Bonität

Eine Verhaltensänderung kann Majic zudem in der Wirtschaft ausmachen. „Auch bei unseren gewerblichen Kunden gibt es eine gewisse Investitionszurückhaltung. Die Unsicherheiten bezüglich der Energiepreise, der Verfügbarkeiten von Gas und Vormaterialien sind zurzeit einfach sehr groß. Gleichwohl ist die Bonität unserer Firmenkunden in der Regel nach wie vor gut.“

Siebenstellige Stromkostensteigerung

Die galoppierenden Preise bei der Energieversorgung sorgen bei den Firmen für großen Verdruss. „Eine siebenstellige Erhöhung beim Strom in diesem Jahr“ verzeichnet Michael Schubert, Prokurist beim Neuenrader Traditionsunternehmen Julius Klinke GmbH & Co. KG. Er verweist zudem auf „die allgemein bekannten Hemmnisse“: Die zum Teil stockende Materialversorgung, Explosion der Energiepreise und „all das bei hoher Auslastung und hohem Auftragseingang“. Gottlob sei man in Sachen Gas nahezu autark, betont Schubert. „Der Gasverbrauch geht gegen Null,“ bestätigt hier Geschäftsführer Alexander Klinke. Nur bei extrem kalten Temperaturen müsse man mit Gas zuheizen. Das komme selten vor. „Wir haben hier schon lange eine Geothermie-Anlage und sparen damit 250 000 Kilogramm Kohlendioxid jährlich ein.“ Allerdings habe sich eben auch der Strom drastisch verteuert. Und Strom benötige das Traditionsunternehmen Klinke, das Wert auf Autarkie und Umweltschutz lege, eben reichlich.

Verflochtene Wirtschaft

„Viel Strom benötigen dabei die CNC-Maschinen,“ erläutert Geschäftsführer Klinke. Zudem verweist er auf die verflochtene Wirtschaft. „Trotz Autarkie beim Heizen und energiesparenden Maßnahmen – wir leben natürlich nicht auf einer Insel.“ Prokurist Schubert betont zudem, dass die dramatisch gestiegenen Energiekosten eine Herausforderung für Alle seien.

Der eine oder andere wird nicht überleben

Schlimm sei es sicher für jene Branchen, in denen besonders energielastig produziert werden müsse: „Die Belastungen müssen gigantisch sein.“ Schubert gab auch zu Bedenken, dass auch nicht jede Unternehmung alle Kosten auf die Endprodukte umlegen könne. Wie es in Zukunft mit dem Thema Energie weitergeht, kann auch er nur vermuten. Er glaubt, dass man dauerhaft hohe Energiekosten haben werde. Und wie sich die Wirtschaft generell entwickle, da bleibt auch für ihn ein großes Fragezeichen. Damit sei er nicht allein, wenn er die Berichterstattung verfolge. Sein Geschäftsführer Alexander Klinke sieht hier auf manche Branche Ungemach zukommen. Er könne sich vorstellen, dass der eine oder andere „das nicht überleben“ werde. Galvaniken hätten große Schwierigkeiten.

Spanische Partnerfirma kaum auf russisches Gas angewiesen

Ebenfalls siebenstellig beim Strom muss man beim Drahtwerk Elisental draufzahlen. Vervierfacht habe sich allein der Grundpreis, Und man sei froh, dass Gas bei Elisental keine Rolle spiele, sagt Seniorchef Theo Wingen. Gottlob habe man für Rohmaterial die Partnerfirma in Spanien, die zwar Gas zur Produktion benötige, aber nur zu einem sehr kleinen Teil auf russisches Gas angewiesen sei. Spanien habe sechs Flüssiggas-Terminals.

Vergleichbares noch nicht erlebt

Wingen Senior ist schon lange im Geschäft. Aber so eine Entwicklung hat auch er noch nicht mitgemacht. „In meiner Laufbahn habe ich Vergleichbares noch nicht erlebt.“ Einzige Krise sei eine zeitweise Aluminiumverknappung gewesen, welche aber bei Weitem nicht die Dimensionen der heutigen Energieverteuerung erreiche. Auch die Bemühungen des Drahtwerks Elisental gingen dahin, möglichst autark in der Energieversorgung zu werden.

Tarifverhandlungen: Hoffen auf für beide Seiten erträglichen Kompromiss

Elisental werde auch intensiv auf erneuerbare Energie aus eigener Produktion setzen, war schon an anderer Stelle zu hören. Und Theo Wingen hofft zudem, dass bei den anstehenden Tarifverhandlungen im Herbst ein für alle erträglicher Kompromiss ausgehandelt werde.

Zum richtigen Zeitpunkt auf Photovoltaik gesetzt

Dennis Böhm, Geschäftsführer bei Böhm Plast-Technology GmbH, freut sich, dass er gerade „zum richtigen Zeitpunkt“ die Sache mit der Photovoltaik auf seinen Firmendächern angeleiert hat. Denn heftig sei es schon mit den Energiepreisen. Zum Glück habe er langfristige Verträge und noch die neue PV-Anlage.

Merken die Zurückhaltung beim Konsum

Was seine Geschäfte anbelangt, so bemerkt er ähnlich wie die Beobachter in der Bankenbranche schon eine gewisse Zurückhaltung bei den Konsumenten – allerdings bereits im vergangenen Jahr. „Wir machen viel Haushalt- und Konsumartikel. Da haben wir schon eine gewisse Zurückhaltung bemerkt. Es lässt nach. Wir sind schon deutlich unter Vorjahresniveau,“ sagt Böhm. Da man auch viel mit der Chemieindustrie zu tun habe, sei die Preissteigerung zu spüren. Ähnlich wie in anderen Betrieben ärgert es auch Unternehmer Böhm, dass es schwierig sei zu planen. Teilweise könne man nur reagieren.

„Positiv-verrückt“

„Da werden dann Aufträge storniert, und das Material dafür haben wir aber schon eingekauft.“ Generell sei es schwierig mit der Beschaffung. Er habe auch den Eindruck, dass es ruhiger werde. Er spüre eine gewisse Zurückhaltung. Der temporäre Peak sei sicher überschritten. Frachtraum bleibe dennoch knapp. Geschäftsführer Dennis Böhm glaubt jedenfalls: „Das wird dies Jahr nix mehr.“ Der Unternehmer bleibt dennoch gelassen – er habe eine optimistische Grundhaltung: „Heutzutage musst du als Unternehmer positiv-verrückt sein.“

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