Holger-Hitzblech-Stiftung half krebskranken Kindern

Holger-Hitzblech-Stiftung aufgelöst: Ex-Vorsitzender erzählt die ganze tragische Geschichte

Eberhard Hitzblech zeigt auf dem Smartphone ein Foto seines Sohnes Holger, der im Juni 1992 an Krebs starb. Zuvor hatte er seinen Vater noch gebeten, eine Stiftung zu gründen und mit dem Geld Gutes für Familien in Deutschland zu tun.
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Eberhard Hitzblech zeigt auf dem Smartphone ein Foto seines Sohnes Holger, der im Juni 1992 an Krebs starb. Zuvor hatte er seinen Vater noch gebeten, eine Stiftung zu gründen und mit dem Geld Gutes für Familien in Deutschland zu tun.

Vor gut sechs Wochen wurde die Holger-Hitzblech-Stiftung aufgelöst. Eine sechsstellige Summe ging zweckgebunden der Stadt Neuenrade zu. Die Stiftung hatte zuvor krebskranken Kindern in Deutschland sowie deren Familien geholfen. Aus einem sehr tragischen und persönlichen Grund.

Neuenrade – „1991 mussten wir bereits am 16. Dezember Weihnachten feiern“, sagt Eberhard Hitzblech mit gedrückter Stimme. Denn im Herbst zuvor war bei seinem Sohn Knochmarkkrebs diagnostiziert worden. Und am 25. Dezember erhielt dieser im Uniklikum Düsseldorf eine Knochenmarkstransplantation. Die hatte letztlich nicht den erhofften Erfolg, schon 1992 verstarb der Heranwachsende. Er lebte allerdings viele Jahre weiter in der nach ihm benannten Holger-Hitzblech-Stiftung, die krebskranken Kindern in der gesamten Republik sowie deren Familien finanzielle Unterstüzung zukommen ließ – bis sie vor gut sechs Wochen liquidiert wurde (wir berichteten).

Vor zweieinhalb Jahren erst war die Stiftung noch umgewidmet worden und sollte seither die medizinische Versorgung Neuenrades fördern. Mit dem mittlerweile etablierten Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) ist Stiftungsleiter Eberhard Hitzblech, Holgers Vater, durchaus zufrieden. Zwar habe es Startschwierigkeiten gegeben. Doch die Diskussionen um den richtigen Weg betrachtet er als überflüssig und bloßes Parteiengerangel. Er selbst sei Wechselwähler und „es ist nicht immer ganz leicht zu entscheiden, wo ich mein Kreuz machen soll“, erklärt er in diesem Zusammenhang.

Kaum Hilfsanfragen aus dem Inland

Dann kehrt er gedanklich zur Umgestaltung der Stiftungssatzung vor gut 30 Monaten zurück. „Was wir ursprünglich mit der Stiftung gewollt hatten, war nicht mehr opportun.“ Es seien kaum noch Hilfsanfragen aus dem Inland gekommen. „Und Holger wollte, dass wir deutschen Familien helfen“, fügt der Vater erklärend hinzu.

Bis zu 10 000 Euro hätten Hilfsbedürftige in den nunmehr 28 vergangenen Jahren erhalten. Die Wünsche, die die Betroffenen sich damit erfüllen konnten, waren so unterschiedlich, wie es Menschen nun einmal seien, erinnert sich Eberhard Hitzblech. „Mal haben wir einen Grabstein bezahlt. Mal erhielt ein krankes Kind ein spezielles Fahrrad. Und mal haben wir einer alleinerziehenden Mutter, die einen krebskranken Sohn hatte, den Start in die Selbstständigkeit erleichtert. Die Frau hatte einen Friseursalon eröffnet“, zählt der Blintroper auf.

Im Laufe der Zeit sei aber immer weniger Stiftungskapital in die Familien geflossen und immer häufiger direkt an die behandelnden Ärzte und Kliniken gezahlt worden. Auch das sei mit ein Grund gewesen, die Stiftung mit einem neuen Ziel zu versehen. „Doch die Resonanz der Industrie auf den neuen Stiftungszweck war nicht so gegeben“, bedauert Hitzblech, der die fast kompletten drei Jahrzehnte, die die Stiftung Bestand hatte, deren Kuratoriumsvorsitzender war.

300 000 Euro für die Stadt Neuenrade

Der 77-Jährige räumt ein: „Wenn ich noch 20 Jahre jünger wäre, hätte ich mich vielleicht noch einmal rangemacht und versucht, mehr Spenden zu akquirieren.“ So aber wurde die Hitzblech-Stiftung zum 31. Dezember 2020 aufgelöst. Das verbliebene Stiftungskaptial in Höhe von 300 000 Euro ging an die Stadt Neuenrade. „Die Verwendung des Geldes ist zweckgebunden“, erklärt der nunmehr ehemalige Stiftungsleiter. „Alle Mittel sollen in die Gewährleistung der medizinischen Versorgung hier im ländlichen Raum fließen, ob nun in das MVZ oder auf anderem Wege.“ Er selbst habe ein Mitspracherecht erhalten.

Im Rückblick auf die Stiftungsjahre zeigt sich Eberhard Hitzblech zufrieden. „Wir haben viel bewegt“, bilanziert er. 986 905 Euro seien ausgeschüttet worden. Verwaltungskosten seien nie mit Hilfe der Stiftungsgelder getragen worden. Briefpapier und -marken habe er aus seiner privaten Tasche gezahlt. Und dennoch sei das Stiftungskapital immer weiter angestiegen. „Angefangen haben wir einmal mit 50 000 D-Mark“, erinnert sich der Unternehmer.

Gold bei den Paralympics

Dabei sei die Neuenrader Stiftung stets unkompliziert vorgegangen, habe schnell reagieren können auf Anfragen. „Als wir vom Schicksal des Sportlers Heinrich Popow erfuhren, haben wir ihm am 9. Juli 1996 einfach 11 000 Mark zugesprochen. Damit erhielt der damals erst 13-jährige Junge eine Beinprothese.“ Später – genauer: 2012 – holte der Leichtathlet für Deutschland Gold im 100-Meter-Sprint bei den Paralympics in London und wiederholte dieses Kunststück vier Jahre später in Rio de Janeiro im Weitsprung. Insgesamt kommt Popow auf acht olympische Medaillen.

Die herausragende Erinnerung in der Stiftungsgeschichte ist für Eberhard Hitzblech aber eine andere: „Wir haben schon vor Jahrzehnten sowas ähnliches gemacht wie Homeschooling, was mittlerweile durch Corona in aller Munde ist.“ Angefangen habe das Projekt an der Kinderklinik Bonn. „Heute ist das bundesweit fast Standard“, freut sich der Blintroper. Mit „Klassissimo“ wurde es kleinen Krebspatienten möglich, mittels Videoübertragungen dem Schulunterricht zu folgen und so auch Kontakt zu den Mitschülern zu halten – „selbst wenn sie teils anderthalb Jahre am Stück im Klinikum waren“, erzählt der vormalige Stiftungskuratoriumsvorsitzende.

Ebenfalls besonders sei die Förderung einer psychosomatischen Halbtagskraft am Klinikum in Mainz gewesen. „Wir haben die Lohnkosten für die Frau vier Jahre lang gezahlt. Darüber hinaus haben wir sichergestellt, dass das Krankenhaus diese medizinische Hilfskraft weiter beschäftigt“, erläutert Eberhard Hitzblech.

Unzählige Stunden Arbeit

Wie viel Arbeit er und seine Ehefrau Elisabeth in die Holger-Hitzblech-Stiftung gesteckt haben, habe er nie gezählt. „Ich habe viele Stunden am Telefon verbracht, mir die Sorgen der Menschen angehört, versucht zu trösten. Die eigentliche Arbeit hat aber immer meine Frau gemacht“, verrät der 77-Jährige. Er überlegt kurz und schiebt hinterher: „Aber ja, da gehen schon viele Stunden bei drauf.“ Dann blättert er in einem Ordner und zeigt zahlreiche Dankesbriefe, die das Blintroper Ehepaar erreicht haben. Schließlich sagt er: „Kinder, die krank sind, machen eine Entwicklung durch. Das glaubt man gar nicht.“ Letztlich fügt er hinzu: „Die werden dann so schnell erwachsen.“

Wieder kommt er auf seinen eigenen Sohn zu sprechen: „Holger war aber auch sehr lustig, ein Hansdampf in allen Gassen.“ Eberhard Hitzblech lächelt breit, als er eine Anekdote erzählt: „Einmal kam er zu mir und verkündete, sein Taschengeld sei alle. Ich erinnerte ihn daran, dass er erst vor vier Tagen etwas bekommen habe. Und er erwiderte: ,Aber Papa, Du weißt doch, Geld muss arbeiten.’“
Der Unternehmer greift zu seinem Handy und präsentiert sein Lieblingsfoto seines verstorbenen Sohnes: „Da war er mit seiner Klasse aus der Realschule Balve bei einem Ausflug, wo genau weiß ich nicht mehr.“ Das Bild zeigt einen lebenslustigen 16-Jährigen, der wie ein Lausbub wirkt. Da wusste Holger Hitzblech noch nichts von seiner wohl schon in ihm schlummernden Erkrankung.

Sein Vater klärt auf: „Die Chemotherapie wirkt bei Kindern viel rasanter und tiefschürfender als bei Erwachsenen.“ Er klingt traurig, als er das sagt. „Plötzlich stirbt Dein Kind“, beginnt Eberhard Hitzblech einen weiteren Satz, „da kann man sehr schwer erklären, was da in einem passiert.“ Die Stiftung habe ihm nun 28 Jahre lang geholfen, das zu verarbeiten. „Heute sind meine Frau und ich aber ausgeglichen“, bekräftigt der Vater, dessen einstige Firma Hitzblech Markierungen mit Sitz in Werdohl heute nicht mehr im Familienbesitz ist, weiterhin aber diesen Namen trägt. Geleitet wird das Unternehmen heute von Winfried Hagen.

Nicht ohne Anstoß an Verantwortliche sterben

„Holger hat sich immer auch stark für die Umwelt interessiert“, kommt Eberhard Hitzblech auf seinen anderen Filius zurück. „Von seinem Krankenbett hat er zuletzt aus dem Fenster immer auf ein Feld und eine alte Eiche gesehen.“ Für den jüngeren der beiden Hitzblech-Söhne war das Inspiration, 167 Staatschefs in aller Welt anzuschreiben, von seiner Erkrankung und seiner Sorge um die Natur zu berichten. „Ich möchte nicht sterben, ohne einen Anstoß an die Verantwortlichen dieser Erde zu geben“, formulierte der Jugendliche in diesem Brief. Es gelte, „die schöne Welt vor dem Kollaps zu retten“, zeigte er sich damals überzeugt.

Eberhard Hitzblech zeigt das Schreiben des früheren jordanischen Königs Hussein, der auf einen Brief von Holger Hitzblech antwortete.

„Gut die Hälfte der Regierungen haben geantwortet“, erzählt sein Vater. „Fürst Rainier von Monaco schickte ein Foto von sich und seinem Sohn Albert. Da wusste man, dass er sich mit den Zeilen meines Sohnes gar nicht wirklich auseinander gesetzt hatte.“ Ganz anders aber Hussein, der frühere König Jordaniens: „Er schrieb in ganz persönlichen Worten, dass er selbst einen Sohn habe und dass er für Holger einen Baum pflanzen wolle“, schildert Hitzblech und wirkt viele Jahre später immer noch gerührt, blättert erneut in seinem Ordner und zeigt stolz den Brief des ehemaligen Monarchen.

Die Gründung der Holger-Hitzblech-Stiftung war der letzte Wunsch des krebskranken Sohnes von Elisabeth und Eberhard Hitzblech – geäußert am 21. Juni 1992. Am 10. Juli, morgens um 4 Uhr, starb er mit gerade einmal 17 Jahren nach insgesamt 230 Tagen im Krankenhaus. Seine Eltern waren in dieser Stunde bei ihm.

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