Löhrmann-Vernissage: Ermunterung zum Denken

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Rolf Löhrmann ▪

NEUENRADE ▪ Zwei nackte Männerkörper drehen dem Betrachter den Rücken zu. Sind sie echt, sind es Schaufensterpuppen?

Der Schatten eines Fahrrades überlagert ihre Beine. Spiegelverkehrte Schilder zeigen eine Soll-Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometer an. Gespiegelt sind auch die Bruchstücke eines Schildes, das sich zum Hinweis „Aufenthalt im Gefahrenbereich verboten“ vervollständigen lässt. Architektonische Versatzstücke durchziehen das Bild und passen zu den Andeutungen einer Baustelle. Das auffälligste Bild in Rolf Löhrmanns Ausstellung, die am Donnerstagabend in der Stadtgalerie Neuenrade eröffnet wurde, beinhaltet jene Versatzstücke, die in vielen Bildern des einstigen Berliner Gesamtschullehrers wieder auftauchen: Buchstabenschnipsel, Schilder, Andeutungen menschlicher Gestalten, elementarisierte Architektur. Oft blendet Rolf Löhrmann diese Elemente übereinander, sie beginnen miteinander zu kommunizieren und uneindeutig zu werden, stellen sich gegenseitig in Frage oder unterstützen sich. „Mich interessiert die Vielschichtigkeit unseres Lebens. Meine künstlerische Arbeit ist in letzter Konsequenz ein Aufbegehren gegen die angeblich so eindeutige, einschichtige multimediale Welt in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen“, schreibt der Künstler zur Einleitung in zwei Bände, die seine Gemälde und seine Druckgraphik dokumentieren. Nein, ganz so, wie gerade behauptet, schreibt Löhrmann nicht: Der Text über sein künstlerisches Schaffen kennt keine Großbuchstaben und so liest sich die Konsequenz aus dem gerade Vorgetragenen so: „es kommt mir darauf an, nicht das für alle gültige Bild zu schaffen, sondern vom Betrachter zu verlangen, dass er sein eigenes Bild sieht.“ Diese forschende Suche „was sich unter der Oberfläche befindet“ führte einige Kunstfreunde in die Galerie – allen voran Bürgermeister Klaus-Peter Sasse, der persönlich Rolf Löhrmanns Schaffen würdigte. Er empfahl beim Blick auf die Bilder des Künstlers nach dem Grundsatz „Glaubt nicht, was ihr seht“ zu verfahren. „Rolf Löhrmann will zum genauen Denken ermuntern, zum eigenständigen Betrachten der Bilder verführen.“ Und Sasse berichtete von einer Beschreibung des künstlerischen Prozesses, die von Rolf Löhrmann stammte: „Ich beginne zu malen, und dann mache ich eine Pause und spreche mit dem Bild.“ Das deutet eine Eigendynamik an, die freundschaftlich gebändigt werden will.

Doch am Ende einer dichten Beschreibung, was der nun im Münsterland lebende Künstler will, gab es einen abschließenden kleinen Dissens zwischen dem aufmerksamen Betrachter aus Neuenrade und dem Künstler. Eine stilistische Gemeinsamkeit hätten alle Bilder Löhrmanns – jene durchgehende Tiefschichtigkeit, die zur Ausstellungseröffnung ausführlich gewürdigt wurde. „Dann muss ich etwas ändern“, konterte Löhrmann postwendend, dem jede Berechenbarkeit wohl ein Gräuel ist.

Wer sich die Ausstellung in der Stadtgalerie ansehen will, sollte auch einen Blick in die ausliegenden Bildbände des Künstlers werfen. Darin wird deutlich, dass sein Schaffen erheblich weiter angelegt ist, als es in dem begrenzten Rahmen der Neuenrader Ausstellung gezeigt werden kann. ▪ Thomas Krumm

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