Neuenrader Erinnerungen

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Eine imposante Villa im verschneiten Park – wer genau hinsieht, erkennt die heutige Burgschule. ▪

NEUENRADE ▪ Eine Gruppe stolzer Männer in Uniformen blickt in die Kamera. In der Bildmitte dominiert eine prächtig geschmückte Stehle die feierliche Szenerie. „Die steht heute – wie vor rund 100 Jahren – wieder an ihrem ursprünglichen Standort an der Kreuzung Am Stadtgarten/Am Wall“, weiß Stadtarchivar Dr. Rolf Dieter Kohl. Die Männer identifiziert er als einen Verein von Veteranen, die in den preußischen Kriegen gekämpft hatten.

Mehr oder weniger durch Zufall war der passionierte Historiker auf die Ansicht gestoßen: Für das 125-jährige Jubiläum des Süderländer Volksfreundes hatte sich Dr. Kohl auf die Suche nach alten Postkarten und Fotos mit Neuenrader Ansichten gemacht – und ist auch fündig geworden. Drei Postkarten mit ganz unterschiedlichen Motiven entdeckte er im Neuenrader Stadtarchiv. „Neuenrader Wehrverein“ ist auf der oben beschriebenen Karte zu lesen. Kaum verändert wirkt die Ansicht des Neuenrader Bahnhofs. Lediglich die Uniform des Personals macht deutlich, dass dieses Bild aus längst vergangenen Tagen stammt.

Während sich auf Höhe der Straße Obere Halle im Bereich der Heckengasse heute Wohnhäuser aneinanderreihen, müssen die Anwohner hier vor mehr als 100 Jahren einen idyllischen Blick auf ihre Stadt gehabt haben. Dies lässt zumindest die dritte Ansichtskarte vermuten. „Gruß aus Neuenrade i.W. – 27. September 1907“ steht darauf. Im Vordergrund zieht ein Arbeitspferd einen Pflug durch den Acker, als sei es dort extra für ein Fotoshooting platziert. Die evangelische Kirche prägt die Szenerie. Ganz am rechten Rand der Karte ist noch der Kirchturm der alten katholischen Kirche zu erkennen, die Mitte des 20. Jahrhunderts einem mehr Platz bietendem Neubau weichen musste. Links im Bild fällt dem Betrachter eine Villa ins Auge, die heute aus dem Stadtbild verschwunden ist. „Das ist die Villa der Familie Suhr“, verrät Dr. Kohl. Der Experte für die Neuenrader Stadtgeschichte hat im Archiv noch ein weiteres Foto entdeckt. Darauf ist das imposante Gebäude mit der angrenzenden Fabrik zu erkennen. Mit Musikinstrumenten verdiente die Familie Suhr ihr Geld. Der Firmengründer sei einer der ersten gewesen, der sich in diesem Geschäftszweig industriell betätigt habe, sagt der Archivar. Florierende Jahre bescherten der Familie Suhr Wohlstand und Ansehen in Neuenrade.

Eine Bombe, die 1945 die Neuenrader Altstadt traf, zerstörte auch die Villa samt Fabrik. „Eine Frau kam damals am 7. April 1945 ums Leben“, weiß Dr. Kohl, legt die Postkarten zur Seite und holt einen Schwung großformatiger Fotografien hervor. Wieder ist eine imposante Villa in einem Park zu sehen, eingebettet in eine Winterlandschaft. Kohl öffnet ein Fenster der Villa am Wall und betrachtet die gegenüber liegende Burgschule, die das Foto zeigt. „Aufgenommen Anfang der 1930er Jahre“, schätzt Dr. Kohl. Herausgeputzte Menschen zieren die Szenerie einer weiteren Ansicht. Sie zeigt das Gertrüdchen, wie es vor vielen Jahrzehnten gefeiert wurde: Einige Fahrgeschäfte sind ebenso zu erkennen wie der Pferdemarkt.

Eines der historischen Postkartenmotive können sich unsere Leser bei der Feier zum 125-jährigen Jubiläum unserer Zeitung an einer hölzernen Buchdruck-Presse drucken lassen. ▪ Markus Jentzsch

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