Nicht alles war schlecht

So hat Neuenrader Kirchengemeinde von Corona profitiert

Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg musste im Pandemie-Jahr neue Aufgaben bewältigen.
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Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg musste im Pandemie-Jahr neue Aufgaben bewältigen.

Für die Evangelische Kirchengemeinde Neuenrade hat die Corona-Pandemie auch eine positive Seite. Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg kommt deshalb nicht nur Schlechtes in den Sinn, wenn er an das Jahr 2020 zurückdenkt. Und blickt auch erwartungsfroh nach vorne.

Neuenrade ‒ Wichtige Elemente des christlichen Glaubens waren im vergangenen Jahr wegen Corona nicht ohne weiteres oder gar nicht zu leben. Vor allem all jene, die unter dem Vorzeichen „gemeinsam“ seit Bestehen der christlichen Kirche zu den Selbstverständlichkeiten gehörten, mussten im Corona-Jahr 2020 zum Teil unterbleiben. Abendmahl, Gottesdienst oder auch Kirchencafé fanden unter großen Auflagen und zum Teil gar nicht statt: Wohl nicht nur die Evangelische Kirche Neuenrade hat unter Corona gelitten. Aber: Zumindest gibt es dort einen bescheidenen Erfolg. Die Kirche hat sozusagen mit der Digitalisierung einen zusätzlichen Vertriebsweg für den Glauben erschlossen.

Zumindest wurde die technische Aufrüstung der Kirchengemeinde vorangetrieben, neue Experten kamen auf den Plan, viele Ehrenamtliche wurden mobilisiert, die Kreativität gefördert. So hat sich eine Truppe zusammengefunden, die von der Kirche bis zum Gemeindebüro Erdkabel verlegt hatte, damit ein Livestream per Internet aus dem Gotteshaus ermöglicht wird.

So viele haben die Videios gesehen

Gleichwohl blickt Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg erwartungsvoll in die Zukunft: „Für 2021 hoffen wir, dass wir mehr Gegenwart haben.“ Wenn der Pfarrer zurückblickt, so nahm die Digitalisierung im Frühjahr ihren Anfang. „Wir haben am 29. März erstmals einen Video-Gottesdienst gedreht. Zwei Menschen waren in der Kirche. Die Organistin und ich. Ich hab mich selber in der Totale gefilmt. Seitdem sind 32 Erwachsenen-Videogottesdienste entstanden.“

Auch weitere Zahlen hat der Pfarrer parat: „5379 Menschen haben zumindest die Videos angeklickt.“ Die zehn videografierten Kindergottesdienste seien von 250 Familien aufgerufen worden. Auch Kuhlo-Schöneberg selbst musste neue Fertigkeiten entwickeln: Sonntags, nach dem Gottesdienst, habe er noch über „sieben Stunden den Film schneiden und dann hochladen“ müssen. „Wir haben das aber auch als neue Möglichkeit entdeckt, Menschen zu erreichen. Und seien es diejenigen, welche sonntags keine Möglichkeit haben morgens den Gottesdienst zu besuchen – oder es auch nicht wollen.“

Neue Art der Glaubensvermittlung

Es sei eine andere Art des Konsums: „Einige wollen nicht morgens im Gottesdienst sitzen, schauen ihn sich lieber zu anderen Tageszeiten an“, sagt der Pfarrer. Für den Geistlichen selbst ist die Sache mit den Videos auch eine völlig andere Art der Glaubensvermittlung, bei der er sich aber treu bleibe: „Ich predige immer live, direkt in die Herzen, in die Kamera. Das hat eine hohe Unmittelbarkeit. Im Internet ist wichtig, dass man Emotionen sieht.“

Nonverbale Botschaften spielten im Videogottesdienst eine viel größere Rolle. Von daher sei das auch für ihn eine intensive Begegnung. Gleichwohl fehle ihm der Kontakt zum Publikum: Er leide regelrecht, wenn der Gottesdienst ohne den unmittelbaren Kontakt stattfinden muss. All die neue Technik und das viele Drumherum müssen sich der Pfarrer und sein Team selbst erarbeiten. Es gibt von höherer Verwaltungsebene wohl Unterstützung für die technischen Herausforderungen. Doch im Grunde mussten sich der Pfarrer und Co. selbst kümmern. Kuhlo-Schöneberg: „Da wächst man mit den Aufgaben.“ Aber man habe vor Ort die Fachleute gefragt. So habe die Sache mit der Onlineversion des Krippenspiels auch gut funktioniert, die Reichweite sei auch sehr ordentlich gewesen. 1000 Online-Besucher habe man registriert. „Normalerweise sehen das an zwei Weihnachtsgottesdiensten insgesamt 750 Besucher live.“

Die Leute suchen intensiver Gespräche und sind weniger oberflächlich.

Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg

Unabhängig von der Digitalisierung hat die Pandemie auch zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen zum Seeleben der Gemeindeglieder geführt. Jede Woche habe man die Offene Kirche angeboten. vor allem in der Adventszeit freute sich der Pfarrer über „die große Nachfrage“. Dass die Menschen einfach „ruhig in der toll geschmückten Kirche“ sitzen konnten, sei gut angekommen. Auch sonst gab es durchaus Feedback. „Wenn ich mal auf dem Kohlberg unterwegs war, bin ich häufig angesprochen worden. „Die Leute suchen intensiver Gespräche und sind weniger oberflächlich. Fast alle sind substanziell angekratzt.“

Rein organisatorisch bekam der Pfarrer die Pandemie auch durch Erkrankungen zu spüren. So gab es durch den Lockdown des evangelischen Familienzentrums Ausfälle und einzelne Mitarbeiter erkrankten. Doch Corona-Tote hat er in der Gemeinde nicht zu beklagen. Bei den 69 Beerdigungen gab es keine wegen Corona.

Das hat die Kirchengemeinde gelernt

Neue Technik, neue Möglichkeiten – all das hat seine Grenzen. So setzen Pfarrer Kuhlo-Schöneberg und Co. beim Konfirmanden-Unterricht sehr auf Präsenz. „Das ist wichtig.“ Der Pfarrer ist der Auffassung, dass gerade bei jungen Menschen der Glaube nicht als virtuelle Realität vermittelt werden könne. „Echt und live ist nicht zu ersetzen.“ Man habe eines gelernt: „Das Digitale kann nur Ergänzung sein und kann nichts ersetzen.“ Er verweist zum Beispiel auf das Kirchencafé, das der Pandemie aktuell zum Opfer fällt: „Das ist sonst eine ganz kostbare Sache.“ Allein die Fülle der Gespräche, die er dabei schon geführt habe – virtuell sei das nicht möglich, lässt er durchblicken.

Nicht nur die Pandemie sorgt für Veränderungen oder macht sie offensichtlicher. Der Pfarrer bestätigt das auf Nachfrage. Die Welt habe sich in den vergangen Jahren gewandelt und der Mensch benötige eine andere Ansprache in der Kirche. Er sehe, dass „die Sehnsucht nach Religion“ da sei. „Ich glaube, dass Kirche hier oft die Flexibilität fehlt. Insgesamt tun wir uns schwer mit Veränderungen.“ Neuenrade sei da eine noch ziemlich klassisch strukturierte Gemeinde. Aber auch sei es eine große Gemeinde mit durchaus viel mehr Gegenwind als in seiner vorherigen Gemeinde.

Kuhlo-Schöneberg verweist auf 4000 Gemeindemitglieder in Neuenrade. 200 von den 4000 besuchen in der Regel den Gottesdienst.

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