Selbsthilfegruppe hilft bei akuten Problemen

Unter Depressionen leiden viele Menschen. - Symbolfoto: vdB

NEUENRADE - „Als damals Robert Enke, der Torwart von Hannover 96, starb, habe ich gedacht: ‘Der hat es hinter sich’“, sagt Sabine Dams. Die 52-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren depressiv erkrankt. Ausgelöst wurde die Depression bei ihr vermutlich durch eine Borderline-Störung. In jüngster Zeit kommt noch eine Schmerz-Anfälligkeit bei Dams hinzu. Seit vier Jahren ist die ehemalige Sekretärin verrentet. „Dabei habe ich sehr gerne gearbeitet.“

Nach Enkes Freitod sei das Thema Depressionen „dann mal ein halbes Jahr lang Thema gewesen“. Mittlerweile sei aber alles wieder beim Alten. Sogar Allgemeinmediziner wollten, so Dams’ Erfahrung, am liebsten mit dem Thema nichts zu tun haben. „Man darf es aber nicht verschweigen. Das passiert meist leider doch.“ Sie selbst habe an sich beobachtet: „Man entwickelt ja auch eine Maske.“

Noch etwas liegt der Frau, die im Werdohler Stadtteil Pungelscheid lebt, am Herzen: „Wir sind nicht bescheuert.“ Viele Menschen wichen aber vor ihr zurück, wenn sie von ihrer Erkrankung hören: „Die glauben echt, sie ist ansteckend.“

Lange schwelte in Dams der Wunsch, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Im Oktober 2010 war es soweit. Die Suche nach einem Raum gestaltete sich allerdings mehr als schwierig. Zunächst sprach sie Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg an. „Der schickte mir eine Theologin aus Südafrika ins Haus. Als die die Buddha-Figur in meiner Wohnung sah, sagte sie nur: ‘Bei der Kirche werden sie kein Bein an die Erde bekommen’.“

Unterdessen trifft sich die Gruppe jeden Donnerstag zwischen 18 und 20 Uhr in der CDU-Geschäftsstelle in Neuenrade an der Ersten Straße 7. Von anfangs 25 Interessierten sind nunmehr neun übrig geblieben, die seither den festen Stamm bilden. Manchen ging es nach einiger Zeit besser. Andere spürten, dass das Reden vor einer Gruppe doch nichts für sie ist.

„Wir anderen bereden dann immer die akuten Probleme, die wir haben“, so Dams. Aus der Gruppe heraus gebe es dann auch Feedback zu den Berichten. Tipps, Ratschläge und Verständnis-Bekundungen würden den Betroffenen helfen. Da wird dann auch schonmal überzogen. Bis halb zwölf säße die Gruppe auch mal zusammen. „Wir gehen erst nach Hause, wenn es allen wieder etwas besser geht“, betont Dams. „Medikamente sind lediglich eine Unterstützung“, weiß die 52-Jährige, wie wichtig das Gespräch untereinander ist.

„Die Treffen donnerstags, das höre ich immer wieder aus der Gruppe, helfen uns mehr als der Gang zum Psychologen.“ Dieser sei zwar weiterhin unumgänglich. „Doch in der Gruppe wissen wir, dass wir ganz offen sprechen können. Und da wirst Du auch mal ganz ohne Worte verstanden.“

Depressiv Erkrankte, ist sich Dams sicher, „haben traurige Augen“. Wenn sie jemanden neu kennenlerne, „brauche ich nur einen Satz mit denen zu sprechen und oft weiß ich dann schon, dass sie auch krank sind“.

Depression ist laut Dams längst eine „Volksseuche“. Sie hat beobachtet: „Die Tendenz ist steigend“, immer mehr Menschen seien betroffen. Mehr Stress am Arbeitsplatz, allerorten zu wenig Personal, die unpersönliche Arbeit mit dem PC, immer mehr Druck – all das befördere das Aufkommen einer Depression. „Die Kollegen haben ja auch kaum noch Zeit, mal ein persönliches Wort miteinander zu sprechen“, erinnert sich Dams an ihre Zeit im Büro. Burnout sei keine Modekrankheit. „Das ist nichts anderes als eine waschechte Depression, es klingt halt nur besser“, befindet Dams. Im Privatleben sehe es dann bei vielen fast nicht anders aus: „SMS, What’s App und E-Mails: Da kommt persönlicher Kontakt im Privaten doch auch viel zu kurz“, bedauert sie die fortschreitende Technisierung des Alltags. „Das kann natürlich auch zur Erkrankung beitragen“, weiß sie.

Sucht, Tod, sexueller Missbrauch, Essstörungen, ein Trauma – auslösen kann eine Depression vieles, etwa auch die Geburt eines Kindes. Manchmal sei eine Depression dann auch gut und zügig heilbar – oft aber nicht.

Dams ist keine Psychologin. Sie verdient mit der Selbsthilfegruppe kein Geld. Sie ist selbst Betroffene und arbeitet ehrenamtlich. „Viele rufen mich auch nur mal an. Die erzählen mir dann in zwei Stunden ihr ganzes Leben. Zur Gruppe kommen die dann aber nie. Vor anderen zu reden, die man auch noch sieht, da ist die Hemmschwelle für viele doch zu groß.“ Scham halte manch Betroffenen also ab. Bei der Gruppe gibt es also selten neue Gesichter.

Willkommen ist dennoch jeder, der einfach vorbei kommt oder vorher bei Dams anruft: 0 23 92 / 96 29 29.

Von Michael Koll

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