Selbständigkeit lange erhalten

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Derzeit leben hier drei Frauen zusammen, die häufig gemeinsam zu Mittagessen. Hier deckte ein Bewohnerin gerade liebevoll den Tsch. - Fotos: von der Beck

Neuenrade - Es ist eine großzügig angelegte Wohngemeinschaft der besonderen Art, die seit dem Herbst aktiv ist. Hier wohnen nicht etwa Studenten, sondern derzeit drei gestandene ältere Frauen zwischen 78 und 88 Jahren, die im Quartier am Stadtgarten wohl ihren Lebensabend verbringen.

Die drei Frauen leiden in verschiedenen Stadien unter Demenz. Das ist für Außenstehende beim ersten Eindruck kaum wahrzunehmen. So bereiten zwei der Damen gemeinsam mit Fachkräften das Mittagessen in einer großzügig angelegten Küche vor, decken dann den Tisch. Nur eine der Frauen hält sich beim Kochen zurück. Denn sie hat gut zu tun mit Wäschlegen, während sie eine aktuelle Fernsehsendung schaut. Wäschelegen beim Fernsehgucken, das ist offenbar ein liebes Hobby von ihr. Ihrem Wunsch nach mehr Wäsche geht man gerne nach und holt frisch getrocknete Geschirrtücher aus dem benachbarten Café Karl.

Es geht den drei Frauen sichtlich gut in dieser groß angelegten Wohngemeinschaft. Hier behalten die Bewohner, soweit es ihre Krankheit zulässt, die größtmögliche Selbstständigkeit, ohne in zuweilen fest sitzende Korsetts mancher Altenhilfeeinrichtung gezwängt zu werden, mit bestimmten, vorgegebenen Rhythmen. Im Quartier könnten die Bewohner weitgehend autark reagieren, ihren eigenen Tagesablauf bestimmen. Darin werden sie unterstützt und gefördert, sie werden motiviert, ihnen werden Anreize gegeben, wie eben jener Frau, die gerne Wäsche faltet. Den individuellen Eigenheiten werde hier Rechnung getragen, erläutern Ruth Echterhage für die E-Holding als Vermieter und Anke Wippermann, die die Pflegedienstleitung der Diakoniestation des Perthes-Werkes innehat. So werden die gläubigen Frauen selbstverständlich zum sonntäglichen Kirchgang begleitet. Klare Sache auch, dass die Wäsche liegen bleibt, denn am Sonntag ruhe schließlich die Arbeit.

Die betreute Wohngemeinschaft ist für 11 Bewohner ausgelegt und die Einrichtungsleitung strebt an, innerhalb eines Jahres die WG voll zu belegen. Einen Personalschlüssel gibt es nicht – das werde je nach Bedarf und durchaus auch wirtschaftlichen Erfordernissen organisiert. Aktuell sind zwei Mitarbeiter vormittags, ein oder zwei auch nachmittags vor Ort. Es gibt natürlich eine Nachtwache und jemanden in Rufbereitschaft. Menschen in allen Stadien der Demenz können hier leben. Ob „Rufer“ oder „Läufer“, man werde jedem gerecht. Breit sind die Geh-Räume angelegt, sodass zwei Rollatoren bequem nebeneinander herpassen. Die Zimmer sind entsprechend eingerichtet, die Waschbecken behindertengerecht, die Bewohner können natürlich ihre eigenen Möbel mitbringen und so gestalten wie sie möchten. Die Bewohner werden nach draußen begleitet, sie nehmen am öffentlichen Leben in der Stadt, so weit es geht, teil. Da trifft es sich eben gut, dass die Wohngemeinschaft mitten in der Stadt liegt. Klar, dass die drei Frauen auch auf der Weihnachtsfeier der Diakonie waren. Doch auch so gibt es Programm im Quartier am Stadtgarten, bei dem Bewegungstherapie oder die Motorik und den Geist fördernde Angebote gibt.

Noch ein Wort zu den Angehörigen – wenn denn welche vorhanden sind. Die haben einen Schlüssel, und dass die auch nach ihren Lieben schauen, ist natürlich erwünscht. Der Familiengedanke innerhalb der WG-Angehörigen wird gefördert und angesichts der überschaubaren Gruppe kennt man sich inzwischen untereinander. Der Gedanke und die Annahmen, dass sich die Bewohner auch dort wohlfühlen, ist dabei für alle Beteiligten hilfreich. Es sei – nach der anfänglichen schlimmen Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt – ein Prozess, die Demenz zu akzeptieren. Wenn man das hingenommen habe, dann gehe es besser für die Betroffenen und die Angehörigen, hieß es jetzt in der Wohngemeinschaft.

Heute ist Weihnachten und da gibt es selbstverständlich Festtagsessen nach Wunsch. So wird es nach schlesischem Sauerkraut mit schlesischen Weißwürsten duften und selbstverständlich werden alle gemeinsam in die Kirche gehen.

Von Peter von der Beck

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