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Neues Konzept: Schulstunde hat jetzt 60 Minuten

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Von: Carla Witt

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Jens Paschkewitz unterrichtet an der Hönnequell-Schule. Dort umfasst eine Schulstunde 60 Minuten.
Jens Paschkewitz unterrichtet an der Hönnequell-Schule. Dort umfasst eine Schulstunde 60 Minuten. © Witt

Den Zeitdruck reduzieren, den Schultag entschleunigen und die Aufnahmefähigkeit optimal nutzen: Die Hönnequell-Schule geht seit Ende der Sommerferien neue Wege: Seit mittlerweile einem Halbjahr dauert eine Schulstunde 60 statt 45 Minuten.

Neuenrade – An der Hönnequell-Schule (HQS) beinhaltet eine Schulstunde künftig 60 Minuten: Dieses Unterrichtsmodell ist im vergangenen Jahr nach den Sommerferien eingeführt worden. Am Montag starten Schüler und Kollegium mit der 60-Minuten-Taktung ins zweite Schulhalbjahr.

„Umstellung ist ein großer Umbruch“

„Die Umstellung von 45 auf 60 Minuten ist ein großer Umbruch, und wir befinden uns immer noch in der Versuchsphase“, stellt Schulleiterin Eva Päckert fest. Doch eines stehe fest: „Durch die Umstellung können wir den Schülern und den Lehrern gerechter werden.“

Das kann Pädagoge Jens Paschkewitz unterschreiben: „Der Unterricht läuft jetzt wesentlich ruhiger ab. Wir haben nicht mehr so viel Druck, unbedingt mit dem Stoff weiter machen zu müssen, und deshalb die Zeit, zu Beginn einer Stunde auf offene Fragen der Schüler einzugehen.“ Jeden Schüler dort abzuholen, wo er gerade steht, das sei in 45 Minuten eben deutlich schwieriger. Eva Päckert: „Der Schulalltag wird insgesamt entschleunigt.“

Vorteile für Lehrkräfte: Pro Tag weniger Fächer

Auch für die Pädagogen biete das 60-Minuten-Modell Vorteile: Sie könnten sich intensiver auf den Unterricht vorbereiten, da sie pro Tag weniger Fächer unterrichten müssen. Seit der Umstellung stehen täglich höchstens sechs verschiedene Fächer auf dem Stundenplan – und das an den langen Tagen, an denen der Unterricht erst nach 15 Uhr endet.

Warum sich das Kollegium der HQS nicht für das Doppelstunden-Modell entschieden hat, das beispielsweise an vielen Gymnasien favorisiert wird, erklärt Jens Paschkewitz: „Nach 60, höchstens 70 Minuten effektiver Lernzeit ist die Luft raus. 90 Minuten werden teilweise ganz schön lang, besonders in den Hauptfächern“, berichtet er, dass die Aufnahmefähigkeit der Kinder und Jugendlichen nach einer gewissen Zeit erschöpft sei.

Hinzu komme, dass die 60-Minuten-Taktung auch der Beziehungsarbeit zwischen Schülern und Lehrer entgegen komme, erklärt Eva Päckert: „Wenn Doppelstunden unterrichtet werden, sehe ich meine Klasse nur an zwei Tagen in der Woche. Erteilen wir jeweils 60 Minuten Unterricht, stehen die Hauptfächer drei Mal wöchentlich auf dem Plan.“

45-minütiges Lernzeitband für Hausarbeiten

Durch die Umstellung haben Schüler und Lehrer noch jeweils fünf Minuten Pause zwischen den einzelnen Schulstunden gewonnen. „Die hat uns früher gefehlt. Durch den Lehrerwechsel ging jeweils Unterrichtszeit verloren“, sagt Päckert. Mittags sei zeitgleich für alle Schüler ein sogenanntes Lernzeitband in den Stundenplan integriert worden; innerhalb dieser 45 Minuten können Hausarbeiten erledigt werden.

Nach den Sommerferien sei diese Lernzeit mit 30 Minuten geplant gewesen, unterstreicht Eva Päckert, dass ständig am Umstellungsprozess gearbeitet werde. „Wir müssen jetzt evaluieren, was wir eventuell anders machen können, und überlegen, an welchen Stellschrauben wir drehen können und müssen.“

Zeitknappheit: Bei Hauswirtschaft und Technik muss noch nachgebessert werden

Ein Beispiel dafür sei das Fach Hauswirtschaft: „In 60 Minuten ist es kaum möglich, ein frisches Essen zu kochen Da müssen wir nachsteuern.“ Abhilfe könnten schnellheizende Kochplatten schaffen, die Zeit sparen. Denkbar sei auch, die Zutaten in einer Stunde vorzubereiten, einzufrieren und an einem anderen Tag zu kochen. „Wo es passt, könnten auch mal zwei volle Stunden unterrichtet werden“, sagt Päckert. Die Zeitknappheit betreffe auch das Fach Technik. „Dagegen klappt es im Sportunterricht gut.“

Auch in anderer Hinsicht war und ist die Umstellung eine Herausforderung: „Das Puzzeln am Stundenplan war nicht einfach. Denn die Turnhalle wird ja auch von den Grundschulen genutzt, die 45 Minuten pro Schulstunde unterrichten. Die Taktung muss für beide Zeiteinheiten passen.“

Auch die Abfahrtszeiten der Schulbusse müssen berücksichtigt werden. Und natürlich dürfe unterm Strich nicht zu wenig Unterricht erteilt werden. Für Eva Päckert war zudem noch ein anderer Aspekt wichtig: „Wir legen viel Wert auf den gemeinsamen Wochenabschluss in den Klassen. Den haben wir beibehalten.“

Kritische Stimmen haben sich gelegt

Trotz all dieser Herausforderung glaubt Jens Paschkewitz, dass die 60-Minuten-Taktung zunehmend an Bedeutung gewinnt: „Viele Sekundar- und Gesamtschulen kehren der 45-Minuten Schulstunde mittlerweile den Rücken.“ Als die 60-Minuten-Schulstunde eingeführt wurde, habe es nicht nur Befürworter gegeben, berichtet Eva Päckert. „Aber die Mehrheit hat sich dafür ausgesprochen, das 60-Minuten-Modell auszuprobieren.“ Inzwischen hätten sich viele der kritischen Stimmen gelegt, berichtet Paschkewitz.

„Wir sind aber noch nicht am Ende. Uns ist es wichtig, alle mitzunehmen; Schüler, Eltern und das Kollegium. Wir müssen ein Modell finden, das zu uns, zur HQS passt“, unterstreicht die Schulleiterin. In diesem Halbjahr werde man den Stundenplan weiter optimieren. „Wir nehmen uns Zeit, schauen uns das Ganze noch einmal in Ruhe an – und treffen dann eine Entscheidung.“ Vermutlich sei allerdings auch ein Schuljahr als Versuchszeitraum noch zu kurz. Päckert: „Aber wenn wir die Chance haben, uns weiter zu entwickeln, dann sollten wir diese auch nutzen.“

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