Gemeinsame Werte sind die verbindende Brücke

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Cemile Giousouf ist Chefin des Netzwerkes Integration. - Foto: Deutscher Bundestag/Simone M. Neumann

Neuenrade - Salim Kuzu ist in Neuenrade kein Unbekannter. Man kennt ihn, er sitzt für die CDU im Rat, arbeitet in zwei Ausschüssen mit. Dazu fährt er den Entsorgungswagen in Neuenrade , klappert so quasi jeden Haushalt ab. Häufig muss er die Hand zum Gruße erheben wenn er in der Stadt unterwegs ist. Kuzu ist verheiratet, hat drei Kinder, die allesamt an der Uni sind. Ein gutbürgerliches Familienbild ergibt sich hier.

Dass Salim Kuzu Einwanderer ist, spielte jüngst erstmals in gewisser Weise offiziell eine Rolle, denn die hohe Politik lockte den Neuenrader in die Hauptstadt. Dort nahm er an einer Tagung mit dem Titel „Zugewandert – angekommen?! – Chancen der Vielfalt“ im Konrad-Adenauer-Haus teil, er traf Bundeskanzlerin Angela Merkel und noch den einen oder anderen hochrangigen Politiker. Fünf Stunden fuhr er dafür mit dem Auto nach Berlin und fuhr auch noch am selben Tag fünf Stunden lang nach Hause zurück, verbrauchte eine Tankfüllung. Und der Stress hat sich wohl gelohnt. Zumindest hat Salim Kuzu den Trip nach Berlin nicht bereut. Im Gegenteil. Der Trip nach Berlin hat ihn noch mehr motiviert.

Noch immer ist er beeindruckt von seiner Ankunft im Konrad-Adenauer-Haus: „350 bis 400 Menschen waren da und es war ein ganz buntes Publikum.“ Ganz begeistert klingt er dabei, als hätte er das so bunt nicht erwartet. Dabei ist es Merkel, die als Ziel einst ausgegeben hat, dass die CDU jünger, weiblicher und bunter werden soll. Kuzu traf Merkel, konnte zwei drei Worte mit der Kanzlerin wechseln, sie half ihm noch, dass es ein vernünftiges Foto mit Kanzlerin und Kuzu geben konnte, bevor viele andere sie wieder in Beschlag nahmen, berichtet Kuzu.

Salim Kuzu, 54 Jahre alt, ist Mitglied in der CDU. Kuzu ist Moslem und die Tatsache, dass es sich eben um die Christlich-Demokratische Union handelt, ist für den Moslem kein Problem. Und er verweist auf das D und das U bei CDU. Das bedeute eben demokratische Union. Und das umfasse eben alle Demokraten, egal welchen Glaubens. Damit liegt er ganz auf der Linie der in der CDU aktiven Einwanderer und Parteimitglieder. Das Netzwerk Integration schreibt zum Engagement von Menschen mit Zuwanderergeschichte: Das U in unserem Namen steht für die Überwindung der Konfessionsgrenzen, zwischen evangelischen und katholischen Christen. Diesen Anspruch müssen wir ins Heute übersetzen. Wir sind eine Partei, die durch christliche Werte geprägt ist aber das C ist nicht ausgrenzend, es ist ein Angebot für alle, die sich mit unseren Werten identifizieren. Und es gibt eine erkennbare Zahl von Muslimen, die gerade wegen des C´s in die Union kommen, weil sie sich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit bei uns gut aufgehoben fühlen“. Die Werteorientierung sei dabei eine verbindende Brücke. Es gebe sehr viele Menschen mit Zuwanderergeschichte, die sich politisch engagierten. Aber – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil (knapp 19 Prozent) seien Menschen aus Einwandererfamilien sowohl im Bundestag aus auch in den Kommunalparlamenten deutlich unterrepräsentiert. Beim Netzwerk arbeite man eben daran, dass sich das ändere.

Eins wird offenbar, was wichtig ist für Salim Kuzu und sicherlich nicht nur für ihn: Es ist Symbolik. Klare einfache Sätze, Bekenntnisse sind ihm wichtig. Dass Angela Merkel den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff zitiert – „Der Islam gehört zu Deutschland“ – das ist für ihn ebenso wichtig wie die Erkenntnis, dass er nicht allein ist, dass man ihn und seine Geschichte ernst nimmt. Sehr gut hat ihm gefallen, dass die Bundeskanzlerin von ihren eigenen Integrationserfahrungen berichtete, dass sie als Zonenwachtel tituliert wurde und durchaus unter Diskriminierung zu leiden hatte. Aber Salim Kuzu hat von ihr auch vernommen, dass man sich von solchen Widrigkeiten nicht abhalten lassen soll, sich einzubringen, sich zu engagieren. Merkel jedenfalls ist zuversichtlich: Deutschland habe das Potenzial, ein tolles Integrationsland zu werden. Wichtig sei es, dass man miteinander rede, man dürfe einander nicht ausweichen. Dass Salim Kuzu in Berlin war, hat ihm viele Likes bei Facebook eingebracht und auch ein gutes Gefühl – ein „faires Gefühl“ – so formuliert es der Neuenrader im Gespräch.

Der Neuenrader CDU Parteichef, Torsten Schneider, jedenfalls freut sich, dass Salim Kuzu durch die Tagung beflügelt wurde und betont noch einmal, dass das C bei der CDU eine Einladung ist. „Jeder, der demokratische Werte hat, der hat auch bei uns Platz“.

Salim Kuzu, kein Quotenmitglied, sondern einer der seine Meinung vertritt, will nun offensiver agieren. Er will mehr Interesse wecken, will Vorreiter sein für andere mit Einwanderergeschichte.

Das passt in das Konzept von Cemile Giousouf. Die Bundestagsabgeordnete aus Hagen ist Chefin des Netzwerkes Integration. Aus ihrem Büro war jedenfalls zu hören, dass man daran arbeite mehr Menschen mit Zuwanderer-Geschichte in die Politik zu holen „Wir sprechen sie offensiv an. Aber wir sind auf einem guten Weg, da die Zahlen der Mandatsträger sowohl auf kommunaler wie auf Bundesebene zunehmen“. Seitens des Netzwerkes will man auch noch mehr. „Unser nächstes großes Ziel wird es sein, als Sonderorganisation der Bundespartei anerkannt zu werden und damit zu einer Gliederung der Partei mit allen Rechten und Pflichten zu werden.“ Vorbild seien dabei eben Junge Union, Frauen Union oder Senioren Union. Man will ein Sprachrohr für die Menschen mit Zuwanderergeschichte in unserer Partei sein. Fundament seien die Landesnetzwerke in den einzelnen Landesverbänden der CDU. Seitens des Netzwerkes der Integration sieht man künftig einen Trend: so wird die Zuwanderung nach Deutschland eher zunehmen. Cemilie Giousouf: „Ich halte Zuwanderung für notwendig, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Wir dürfen den Diskurs aber nicht in den alten Kategorien führen, sondern uns auf die neuen Gruppierungen einstellen. Während früher Aussiedler, Vertriebene und sogenannte Gastarbeiter zu uns kamen, haben wir heute Zuwanderung aus Europa, darunter junge, gut ausgebildete Menschen, sowie eine Anzahl von Kriegsflüchtlingen“. Es gelte den Integrationsprozess so früh wie möglich durch Sprachkurse und erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Parteiübergreifend sei Konsens, dass Deutschland Einwanderungsland sei.

Von Peter von der Beck

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