Runder Tisch Wohnen: Hilferuf des Bürgermeisters

NEUENRADE ▪ Es war eine illustre Runde, die am Dienstagabend im großen Sitzungssaal des Rathauses zusammenkam. Es waren die Immobilienexperten mit Bezug zu Neuenrade: Darunter Verwalter, Makler, Verkäufer und Vermieter. Auf Initiative vom Werdohler Woge-Chef Ingo Wöste in Zusammenarbeit mit der Stadt Neuenrade war dieses Treffen zustande gekommen. Es ging dabei um die Zukunft Neuenrades angesichts vieler Herausforderungen.

Und das Thema Wohnen ist ein wesentlicher Bestandteil eines Zukunftskonzeptes für die Stadt, das derzeit von Rat, Verwaltung und außerparlamentarischen Gruppierungen wie Stadtmarketingverein entwickelt wird. Ein dynamischer Prozess.

Am Mittwoch hatten sich Bürgermeister Klaus Peter Sasse und seine Mannschaft bestens auf diese Zusammenkunft vorbereitet. Gut zehn Minuten sprach Bürgermeister Sasse, fasste noch einmal griffig die bereits zigfach erwähnten statistischen Rahmendaten zusammen, angefangen bei der alterslastigen Bevölkerungsstruktur bis hin zur Pendlerstatistik. Solle man auf die Herausforderungen reagieren, solle man aktiv etwas tun. Er forderte die Anwesenden auf, das was die Stadt bis jetzt geleistet habe, kritisch zu hinterfragen und vor allen Dingen konstruktive Kritik in ihrer Rolle als Experten zu leisten. Um es vorweg zu nehmen – die kam nicht. „Der Hilferuf“, so die Formulierung des Bürgermeisters, wurde zwar gehört, doch viel Hilfreiches gab es auch nach eineinhalbstündiger Sitzung nicht. Es war mehr eine Sondierungsrunde.

Heinz Vogel, Wirtschaftsförderer der Stadt, hatte zuvor noch einmal die Daten präsentiert, die jedem Immobilienexperten oder -besitzer die Schweißperlen auf die Stirn treiben müssten: 2030 hat Neuenrade nur noch 10 000 Einwohner; aktuell stehen 74 Einfamilienhäuser leer, 243 Häuser werden von älteren Alleinstehenden bewohnt. Weitere Leerstände seien ausrechenbar. Hinzu komme ein negativer Pendlersaldo: Demnach pendeln 2340 Menschen ein, 3490 fahren anderswohin zur Arbeit.

Für den Bürgermeister war das immerhin ein Pack-Ende, um die Situation zu verbessern. Was könne man tun, um diese Menschen hier anzusiedeln, dazu zu bewegen hier zu leben und zu arbeiten, fragte er. Das war denn ein Stichwort, welches Ruth Orthaus-Echterhage und Jürgen Echterhage gleich aufnahmen. Das Unternehmerehepaar brachte eine eigene Statistik ins Spiel: Demnach hätten im Jahr 2000 noch 70 Prozent der Echterhageschen Belegschaft in Neuenrade gewohnt, jetzt seien es nur noch 25 Prozent. Eine große Kolonne würde sich jeden Tag von Menden, eine von Lüdenscheid aus gen Neuenrade machen. Dabei sei es schwierig Führungskräfte in der Hönnestadt anzusiedeln. Die Infrastruktur sei gut, doch komme man gar nicht dazu, das zu diskutieren. Der eine oder andere würde mit Hinweis auf die Ehefrau abwinken, die lieber die Nähe der Großstadt suche. Außerdem spiele dabei das Migrantenviertel eine Rolle, ließ Echterhage durchblicken. Auch ungepflegte Gärten oder alte Holzzäune an der Durchgangsstraße würden keinen guten Eindruck hinterlassen. Echterhage nahm das als Anlass, um Verwaltung und Rat zu raten mit Gestaltungssatzungen künftig Einfluss zu nehmen.

Die Unternehmerin nutzte die Gelegenheit, um Kritik an Maklern zu üben. Die würden den Immobilienbesitzern einen völlig falschen Eindruck von den Preisen vermitteln. Anders könne sie sich die völlig überzogenen Forderungen für Uraltgebäude einfach nicht erklären. Ruth Echterhage hatte aber auch die Idee, dass die Immobilienbesitzer doch die demographische Situation als Chance begreifen sollten. Man müsse aber investieren und den Wohnungsbestand modernisieren und die Rahmenbedingungen für die Altersstruktur der Bevölkerung anpassen („Aufzüge“). Bei Echterhages könne man sich über die Nachfrage aus Altena und Werdohl nicht beschweren.

Die Kritik an den Maklern wies Makler Helmut Schäfer zurück. Die Preiskalkulation sei immer das Schwierigste – am Ende werde doch ein marktgerechter Preis bezahlt. Schäfer hatte noch den interessanten Hinweis, dass aktuell ein hoher Bedarf an Klein-Wohnungen herrsche.

Woge-Chef Ingo Wöste meldete sich vielfach zu Wort: Die Wohnungsgesellschaft werde sich durch Investitionen am Brunnenbach für die Zukunft wappnen. Er sagte aber auch, dass ein Verdrängungswettbewerb durch die Rahmenbedingungen drohe. Und „die kleinen Vermieter“ könnten diesen Wettbewerb nicht mitmachen.

Der Dialog in Sachen Immobilien soll weitergehen. ▪ Peter von der Beck

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