Mögliche Gründe gibt es viele

Run auf die Realschule: Schüler aus Neuenrade zieht es nach Balve

An der Realschule in Balve gibt es einen starken Zulauf. Von den mehr als 80 Anmeldungen kommen gleich 30 aus Neuenrade.
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An der Realschule in Balve gibt es einen starken Zulauf. Von den mehr als 80 Anmeldungen kommen gleich 30 aus Neuenrade.

Da kann man nicht meckern – zumindest nicht an der Balver Realschule: 30 Kinder aus Neuenrade wurden dort für das kommende Schuljahr angemeldet. Das sind etwa doppelt so viele, wie in den vergangenen Jahren.

Insgesamt sind es 81 neue Fünftklässler. Mit dieser Anmeldezahl wird ein Trend bestätigt: Es gibt einen Run auf Realschulen.

Dies gilt auch für Plettenberg. Hier soll es nach Auskunft durch das Schulamt Plettenberg außergewöhnlich viele Anmeldungen aus Werdohl gegeben haben. Vor dem Hintegrund des Auslaufens der dortigen Realschule sicher ein interessanter Fakt.

Trend: Renaissance der Realschule

Die verstärkte Nachfrage nach der Schulform Realschule hat auch Nina Fröhling, Rektorin der Balver Realschule, beobachtet. In einer Videokonferenz mit Realschulleitern aus dem Märkischen Kreis hatte sie von ungewöhnlich vielen Anmeldungen bei mehreren Realschulen gehört. Mit dieser Beobachtung steht sie nicht allein. In Ostwestfalen-Lippe besteht schon länger ein Realschulboom. Schon 2019/2020 freuten sich Verfechter dieser Schulform über das wiedererstarkte Interesse. Nachzulesen ist dies auch in der Zeitschrift „Lehrer NRW“ aus 2019. Der Autor verweist auf den schwarz-gelben Koalitionsvertrag, der ja die Benachteiligung von Realschulen und Gymnasien aufheben wolle.

Die Ursachen für diesen Boom zu benennen, fällt den befragten Schulleiterinnen schwer. Nina Fröhling will „nicht spekulieren“ und auch „nicht eine Schulform mit der anderen vergleichen“. Sie benennt aber Gründe, welche ihr die Eltern in Gesprächen genannt hätten. Demnach spiele zum einen das Traditionelle (Eltern oder Geschwisterkinder besuchten Realschule) eine Rolle, zum andern sei ein gewisses Vertrauen in das traditionelle dreigliedrige Schulsystem vorhanden.

Ganztagsschule nicht immer gewünscht

Explizit hätten Eltern auch gesagt, dass man für das Kind keine Ganztagsschule wolle. Es komme natürlich auch hinzu, dass man als Balver Realschule gute Arbeit leiste. „Und diese gute Arbeit wird auch angenommen.“ Zudem sei die Balver Realschule inzwischen sicher präsenter. „Seit Jahren sind wir auch digital gut aufgestellt, wir hatten da keine Anfangsschwierigkeiten, wir haben zum Beispiel überall Whiteboards. Zudem repräsentiere man das traditionelle System und es gebe Eltern, die könnten mit integrierten Schulsystemen nichts anfangen. Ein Plus sei sicher auch die Übergangsquote. An der Realschule Balve würden weit über 50 Prozent nach dem Abschluss zur gymnasialen Oberstufe wechseln. Und dieser Wechsel gelinge gut. Sie habe positive Rückmeldungen von den Schülern, dass das in der Regel auch gut funktionieren würde. „Kinder wollen sich auch nicht so früh festlegen auf eine Laufbahn.“ Häufig werde später Abitur gemacht und anschließend eine Ausbildung absolviert.

An die Hönnequell-Schulewollen nur rund 40 Kinder, die auch aus Neuenrade kommen.

An der Mendener Realschule, die fünfzügig ist und für das neue Schuljahr schon wieder 131 Anmeldungen hat, kann Schulleiterin Birgitt Foth keine allgemeingültige Erklärung für den diagnostizierten Realschulboom liefern. Sie macht das auch von dem einzelnen Schulangebot abhängig. Schon bevor es an der Realschule ab Klasse sieben mit einer besonderen Differenzierung losgehe, habe man in Menden schon in der fünften und sechsten Klasse ein Angebot zur Interessenfindung. Es gehe dabei um Erprobung, aber nicht Festlegung. Generell gebe es ein vielfältiges Wahl-Pflicht-Angebot. „Das ist ein Zugpferd.“ „Tragfähige“ Begründung für den Zuspruch sei darüber hinaus, dass sich Eltern die Schule genau anschauten. „Die wollen für ihr Kind das Angebot, das am besten ist.“ Gleichwohl sind sich die Verantwortlichen an der Mendener Realschule offensichtlich einer Besonderheit bewusst: „Die Realschule ist wie keine andere Schulform mit den gymnasialen Bildungsgängen der Berufskollegschulen verbunden, die auch zu einem Hochschulstudium führen. Speziell für Schüler der Realschule ist dies ein flexibler Weg zum Abitur und zur Berufsausbildung, der immer öfter genutzt wird,“ heißt es auf der Homepage der städtischen Realschule.

Hönnequell-Schule: 67 Anmeldungen

Gut die Hälfte der Schüler entscheide sich nach dem Abschluss für eine noch weiterführende Schule. Gleichwohl habe die Schule auch ein starke Ausprägung, was eine spätere Lehre anbelangt. Hier kooperiere die Schule mit Betrieben.

Und an der Hönnequell-Schule (HQS) in Neuenrade? Dort war die Anmeldung von Kindern aus Neuenrade für das kommende Jahr unterdurchschnittlich, dabei war der Zuwachs auswärtiger Kinder überdurchschnittlich. Insgesamt wurden 67 Kinder angemeldet. So kommen gleich 21 der insgesamt angemeldeten künftigen Fünftklässler aus Werdohl (wir berichteten). Unter dem Strich reichen die Zahlen aber nicht an die Zahl von 75 neuen Fünftklässlern heran, die es in der Vergangenheit an der HQS schon gegeben hatte.

Marketingkonzept leidet unter Corona

Auch an dieser Schule gibts ein umfassendes Angebot, sie hat inhaltlich einiges zu bieten, Schüler können sich in vielerlei Hinsicht orientieren. Die Schule kooperiert mit Firmen, mit dem Burggymnasium, mit Berufskollegs, sie ist gut ausgestattet, es gibt das Konzept des leistungsübergreifenden Unterrichts. Die Performance bei den Leistungsfeststellungen ist gut. Die Schule hat zudem ein üppiges Marketingkonzept, das allerdings jetzt unter Corona leidet.

Aktuell hat die Schulleitung allerdings noch nichts unternommen, um herauszufinden, warum nur knapp 40 Kinder aus Neuenrade zu dieser Schule wechseln wollen und die anderen lieber tägliches Pendeln in einer der Nachbarstädte in Kauf zu nehmen. Direkt zum Burggymnasium Altena gehen neun Kinder, zum Plettenberger Gymnasium gehen ebenfalls neun, zur Werdohler Gesamtschule ein Kind. Und eben 30 Kinder gehen zur Realschule Balve.

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