Lebensläufe

Raubüberfall-Prozess: Auch Folgen für Familie des Opfers

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Das 95-jährige Opfer des Raubüberfalls muss nicht vor Gericht aussagen.

Neuenrade - Dem mittlerweile 96-jährigen Opfer des Überfalls bleibt eine Vernehmung vor Gericht endgültig erspart: Alle Prozessbeteiligten erklärten gestern ihren Verzicht auf die Zeugin.

Ihr Sohn schilderte im Gerichtssaal, dass die fortschreitende Demenz seiner Mutter diese in keiner Weise vor den Folgen des Überfalls geschützt habe: „Man hat gemerkt, dass nach dem Überfall der Zustand schlechter geworden ist.“ 

Sie habe Angstzustände, fühle sich in ihrem Haus eingesperrt und erinnere sich oft an die Situation, als sie von den Tätern in den Keller gezerrt wurde, um beim Öffnen des Tresors zu helfen. 

Kein vernünftiges Gespräch mehr möglich

Dennoch sei es nicht mehr möglich, Details dessen zu erfragen, was damals gewesen ist. „Jetzt ist ein vernünftiges Gespräch nicht mehr möglich.“ Sie ziehe sich immer mehr zurück, was der Zeuge auf die Ereignisse am 18. Juni zurückführte. 

Früher sei seine Mutter eine „sehr positive, fröhliche Frau“ gewesen. „Sie hat ein Leben lang in Frieden gelebt ohne jedes Problem.“ Die Folgen seien dabei nicht nur auf die beiden Tatopfer beschränkt: „Auch meine Frau und meine Tochter wollen nicht mehr allein im Haus bleiben.“ 

Von Elend ganz anderer Art berichteten zahlreiche Bewährungshelfer und Vertreter der Jugendgerichtshilfe, die für gestern geladen waren. Sie hatten klare Vorstellungen davon, was junge Leute auf derartig dumme Abwege bringt: „Viel Zeit, wenig Geld“, fasste eine Bewährungshelferin das Problem in einer Kurzformel zusammen. 

Dass die Probleme der Angeklagten weit darüber hinaus gehen, machte schon ihr Mandant deutlich: Er schaffte erst in der Justizvollzugsanstalt seinen Hauptschulabschluss. Nach der letzten Entlassung begann er zu arbeiten. Doch nur drei Wochen nach der Arbeitsaufnahme kapitulierte er: Nach nicht bestandener theoretischer Fahrprüfung sah er keine Chance mehr, den Arbeitsplatz zu erreichen. 

Mit dem bestandenen Hauptschulabschluss war er immerhin gut dabei zwischen Angeklagten, die ohne Abschluss nach der Mindestschulzeit die Penne verließen. 

Kein regelmäßiger Schulbesuch

Eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe aus Hilden berichtete von der desaströsen Schul-„Karriere“ ihres 23-jährigen Schützlings: „Die Mutter sorgte nicht für regelmäßigen Schulbesuch. Er bestimmte mehr oder weniger selbst, ob er zur Schule geht.“ Auch sein 24-jähriger Mitangeklagter verließ die Schule nach der 8. Klasse ohne Abschluss. 

Anlass zu Klagen über fehlende Unterstützung durch die Sozialämter gibt es eher nicht: Einer der Schulschwänzer wurde erst in eine „Intensivwohngruppe“, später sogar in eine zweijährige Auslandsmaßnahme auf eine Finca in Südspanien geschickt. Die Arbeit mit den Tieren habe ihm Freude gemacht, berichtete ein Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe. Doch von Dauer sei die Stabilisierung nicht gewesen. 

Überraschend war seine Auskunft, dass der in Deutschland geborene Serbe hier keine allgemeine Arbeitserlaubnis habe und selbst sein Aufenthaltsrecht alle drei Monate verlängert werden müsse. 

Der Vorsitzende Richter Jörg Weber-Schmitz staunte über die umfassende Erinnerung des Zeugen an Details aus dem Leben seines Schützlings. „Ich kenne ihn seit 2004“, antwortete der. 

Deutlich wurde in seinem Bericht, dass hier jemand nicht nur gearbeitet, sondern sich auch stark engagiert hatte. Umso bitterer, dass sein Schützling zum Dauerthema für die Justiz wurde.

Der Fall

Vier Angeklagte müssen sich im Landgericht Hagen wegen gemeinschaftlichen Menschenraubes und räuberischer Erpressung verantworten. Sie sollen in verschiedenen Rollen am Überfall auf eine 95-jährige Bewohnerin und deren 57-jährige Betreuerin in einer Villa in Neuenrade am 18. Juni 2016 beteiligt gewesen sein.

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