Expertin rät, wie man mit Weihnachtskrach umgehen kann

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Die Neuenrader Psychologin Dr. Rafaela Wingen.

Neuenrade -  Dass Weihnachten durchaus mal der Haussegen schief hängen kann, ist kein Geheimnis und zuweilen Vorlage für ganze Spielfilme oder Theaterstücke. Die Ursachen für Weihnachtskräche sind vielfältig. 

Es fängt beim nicht adäquaten Weihnachtsbaum an, setzt sich über Aufräum- und Putzkonflikte innerhalb der Familie fort und endet gelegentlich mit der vorzeitigen Abreise der Schwiegermutter. Und angeblich steigt die Trennungsrate nach Weihnachten rapide an… Zu diesem Thema beantwortet die Neuenrader Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Rafaela Wingen Fragen und gibt Ratschläge.

Warum kracht es gerade zu Weihnachten häufiger, was sind aus wissenschaftlicher Sicht die Ursachen für Weihnachtskonflikte?

Wingen: Viele befinden sich in der Vorweihnachtszeit aufgrund der erhöhten Anforderungen im Stressmodus, sodass die Belastungsgrenze und die Frustrationstoleranz jeweils erniedrigt sind, was einerseits die Angriffslust steigert und andererseits empfindlicher gegenüber Anfeindungen werden lässt. Dazu gesellt sich die hohe Erwartung an den Tag. Die Erwartungen in Bezug auf Harmonie, Besinnlichkeit, Nächstenliebe und Konfliktfreiheit entsprechen nicht dem Alltag. Hohe Erwartungen erhöhen bekanntlich den Druck, sodass ein Fass schneller zum Überlaufen gebracht werden kann. Der Geist der Weihnacht vermag es dann nicht immer, diese beschriebene eher belastende psychische Konstitution auszugleichen.

Schlips statt Playstation, Motivsocken statt neues Handy oder Mixer statt Diamantring – was tun bei unpassenden, enttäuschenden oder falschen Geschenken?

Wingen: Hier empfiehlt es sich, als Schenkender keine Sticheleien durch die Geschenke zu machen. Wohlwollende, von Herzen kommende Geschenke sollten das oberste Ziel sein. Wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, nutzt man die Adventszeit dazu, gewünschte Geschenke bei seinen Freunden und Verwandten zu erfragen, sodass man sicher sein kann einen Treffer zu landen. Falls dann doch mal etwas Unpassendes oder etwas nicht Gewünschtes erwischt wird, ist es an den Beschenkten, dies mit der vertrauten Person in einer ruhigen Atmosphäre auf humorvolle Weise zu klären. Bei einem weniger innigen Verhältnis hat man bereits wieder ein Geschenk für das nächste Schrottwichteln mit Arbeitskollegen.

Wenn sich Kinder Weihnachten streiten – wie können Eltern helfen?

Wingen: Hier gilt bei jüngeren Kindern, genau wie an anderen Tagen, die Konflikte genau anzuschauen und kindgerechte Hilfestellungen zu geben, dass die Kinder ihre Konflikte klären können. Es heißt ja nicht, dass es – nur weil Weihnachten ist – keine Konflikte geben darf!

Was ist mit Weihnachtsbesuch der Verwandtschaft – wenn die mondäne Tante, die Schwester aus der Großstadt auf den hemdsärmeligen Öko-Onkel-Bruder trifft – wie lässt sich der konfliktfrei überstehen?

Wingen: Bei bereits erwachsenen Kindern, die dann an Weihnachten nach Hause kommen, tritt häufig eine Nähe-Distanz-Problematik auf: Weihnachten sind alle aus ihrem Alltag herausgerissen und sehen sich plötzlich mit der gesamten Familie konfrontiert, die ansonsten vielleicht mehrere hundert Kilometer entfernt lebt. Zudem kommt eventuell ein Geschwisterteil mit dem man sich seit Jahren nicht gut versteht. Hier sollte als erstes versucht werden, Konflikte im Vorfeld zu klären und zu entschärfen, sodass man befreit die Festtage verleben kann. Wenn das nicht gelungen ist, kann man sich auch an Weihnachten frei fühlen, unterschiedliche gemeinsame Zeiten zu vereinbaren, sodass Streithähne nicht gezwungen werden, aufeinander zu hocken. Wenn auch dies nicht zu vermeiden ist, sollten alle an Weihnachten Anwesenden versuchen, ihre eigenen Erwartungen an das Fest ein wenig herunterzuschrauben. Kocht ein Konflikt im Kreise der Liebsten dennoch hoch, ist Ruhe bewahren die oberste Festtags-Regel. Ein Rückzug und ein Überdenken der Situation sollte zur Deeskalation erfolgen. Wenn Konflikte nicht vertagt werden können, sollte man sich nicht ärgern, dass nun das Fest im Eimer ist, denn auch ein Weihnachten mit Streit bleibt Weihnachten! Und vielleicht sogar das Weihnachten, das in die Familiengeschichte eingeht, weil tieferliegende Konflikte nun endlich mit einem Hauch von Besinnlichkeit geklärt werden konnten.

Wenn sich Vater und Mutter Weihnachten streiten – wie können Kinder helfen? Oder fragen wir besser: Wie sollen Kinder und Jugendliche damit umgehen?

Wingen: Große Konflikte oder gar weinende Eltern an Weihnachten können sich in Kinderherzen einbrennen. Kinder freuen sich während der gesamten Adventszeit auf diesen Höhepunkt, der durch Geschenke gekrönt wird und wollen sich an diesem Tag nur darüber freuen. Streit ist dann gar nicht willkommen. Hier kann Kindern und Jugendlichen nur geraten werden, die Eltern bei kleineren Streitereien darauf hinzuweisen und an die Besinnlichkeit zu appellieren. Bei größeren, nicht in der Situation lösbaren Elternkonflikten sollten sich die Kinder und Jugendlichen zurückziehen und das machen, worauf sie Lust haben. Freunde per WhatsApp kontaktieren und das Gespräch zu anderen vertrauten Personen suchen. Und bei allem gilt: Wenn es dieses Jahr doof wird, gibt es nächstes Jahr unausweichlich einen neuen Versuch!

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