Kompliziertes Verfahren

Freispruch und Sozialstunden nach Unfallflucht

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Neuenrade/Werdohl - Wegen eines Unfalls mit Fahrerflucht mussten sich ein Werdohler und ein Neuenrader vor dem Amtsgericht Altena verantworten. Für das Gericht war der Fall kompliziert.

Es gehört zu den zentralen Kompetenzen von Juristen, komplexe Sachverhalte auf ihren rechtlich relevanten Kern zu reduzieren. Und so gab es nach einem beeindruckend undurchsichtigen Strafverfahren im Amtsgericht Altena tatsächlich 40 Sozialstunden für einen 19-Jährigen aus Werdohl und einen Freispruch für seinen 21-jährigen Mitangeklagten aus Neuenrade.

Die Merkwürdigkeiten begannen schon damit, dass beiden die gleiche Straftat vorgeworfen wurde. So etwas kommt natürlich häufig vor, doch hinter einem Lenkrad ist nur für eine Person Platz.

Entweder der eine oder der andere sollte also in der Nacht zum 11. August 2015 gegen 4.30 Uhr mit dem Auto des Älteren einen Unfall auf der Landwehr in Neuenrade gebaut und sich danach unerlaubt entfernt haben. Der Schaden an dem zurückgelassenen fremden Auto wurde später auf etwa 6000 Euro beziffert.

Der angebliche Fahrer hatte keinen Führerschein

Der Jüngere war als Erster bereit, sich zu dem Vorwurf zu äußern: Er widersprach bei der Polizei gemachten Angaben, dass er gefahren sei. Sein Mitangeklagter habe ihn gebeten, die Schuld auf sich zu nehmen, weil er als Führerschein-Anfänger um seinen Lappen gefürchtet habe. Der Jüngere hatte allerdings gar keinen Führerschein.

Durch seine Aussage bei der Polizei hatte er sich dementsprechend belastet. Warum? Der Rückzug von der mutmaßlichen Lüge schien also glaubwürdig. „Uns war nicht klar, wie viel Ärger das geben würde“, lautete die merkwürdige Begründung für die mutmaßliche Gefälligkeits-Aussage.

War aber der Ältere tatsächlich gefahren? „Definitiv nicht“, versicherte der und erzählte eine ganz neue Geschichte: Ein weiterer Gast in seinem Haus habe sich nachts den Schlüssel genommen, sei mit dem Auto an einen „Felsen oder Stein“ gefahren und habe sich dann telefonisch aus der Nebenstraße gemeldet, weil er den Rückweg nicht gefunden habe. Auch diese Geschichte war nur schwer zu glauben.

Ein Gutachten deckte eine Ungereimtheit auf

Die anmutigste Wendung nahm das Verfahren allerdings durch das Gutachten eines Sachverständigen, der offenbar überzeugend nachgewiesen hatte, dass der Schaden am Auto des älteren Angeklagten nicht zu dem erheblichen Schaden an dem Auto an der Landwehr passte.

Offenbar hatte irgendjemand die herabhängende Stoßstange am Auto des 21-Jährigen in Verbindung mit der ungeklärten Unfallflucht gebracht, was die Ermittlungen in eine falsche Richtung lenkte. Der zentrale Vorwurf des unerlaubten Entfernens vom Unfallort war damit vom Tisch, und alle Beteiligten hätten unter Zurücklassung einer gewissen Ratlosigkeit bei den Beobachtern freigesprochen werden müssen.

Bei dem 21-Jährigen kam es auch genau so. Er bekam als kleines Geschenk durch das Gutachten sogar die Chance, die von seiner Versicherung gezahlte Summe für das angeblich beschädigte andere Fahrzeug zurückzuholen. Bei dem jüngeren Angeklagten blieben letztlich aber zwei Alternativen zurück: Entweder er hatte das Auto in jener Nacht tatsächlich ohne Fahrerlaubnis bewegt oder bei seiner ursprünglichen Aussage bei der Polizei gelogen.

Eine erzieherische Maßnahme ist das Mittel der Wahl

Die Oberamtsanwältin regte deshalb eine erzieherische Maßnahme an, um deutlich zu machen, „dass man Polizisten nicht irgendwelchen Blödsinn erzählen kann“. Richter Dirk Reckschmidt stellte das Strafverfahren entsprechend ein und packte dem jungen Mann im Gegenzug 40 Sozialstunden auf die kräftigen Schultern.

Was zurückblieb, war ein gewisses Gefälle zwischen dem Wissen der Angeklagten und dem staunenden Publikum. Die Unklarheiten hatten aus Sicht des Strafrechts aber keine Bedeutung mehr: „Wenn alle gesagt hätten, wie es war, hätten wir allenfalls ein Bußgeld gehabt“, vermutete die Oberamtsanwältin.

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