Policen-Aufkauf: Familie kämpft nun um ihr Geld

NEUENRADE ▪ Es ist viel Geld, das eine Neuenrader Familie möglicherweise abschreiben muss. Die Lebensversicherung und damit rund 25 000 Euro könnten futsch sein. Dass es vielleicht vielen anderen auch so ergeht, scheint ein schwacher Trost.

Die Familie - so deren Darstellung - ging offenbar einem eloquenten, wortgewandten Berater auf den Leim. Einem jener Sorte, die einen schwindelig schwatzen können, die alle Bedenken zerreden.

So schwand das natürliche Misstrauen schnell, als der Familie die Lebensversicherung für den doppelten Rückkaufswert abgekauft wurde. Der Kaufpreis sollte über einen Zeitraum von zehn Jahren zurückgezahlt werden. Gleichzeitig könne das Geld anders – in Immobilien – angelegt werden, deshalb sei auch die Rendite höher.

Dieses Beratungs-Szenario spielte sich offenbar so im Sommer 2010 ab. Man unterschrieb und das ganze funktionierte, allerdings nur über einen Zeitraum von sechs Monaten. Dann blieben die Zahlungen aus. Die Familie beauftragt den Neuenrader Rechtsanwalt Ulrich Schorner. Der leiert unverzüglich das nötige Prozedere an. Er kündigte den Vertrag, forderte die Rückzahlung der formal als Darlehen geltenden Summe. Er zieht alle Register, um der Familie das Geld wieder zu beschaffen.

Jetzt liegt die Angelegenheit beim Landgericht in Hagen. Rechtsanwalt Ulrich Schorner hat Klage eingereicht. Gegen den Vertriebler in Lüdenscheid und gegen die prime-select, jenes Unternehmen, dessen Verantwortliche für die versprochene Rendite sorgen wollten. Inzwischen ist einiges passiert: Die prime select AG ist in Insolvenz. Gegen den Geschäftsführer Florian Gleich werden diverse Ermittlungsverfahren geführt, so ermittelt die Münchener Staatsanwaltsschaft gegen den Mann. Und beim Landgericht in Hagen sind noch eine ganze Reihe von Klagen in gleicher Sache gegen den Vertriebler und die prime select AG inzwischen anhängig. Das bestätigte die Landgerichtssprecherin auf Anfrage. Das Landgericht verwies allerdings einen guten Teil der Klagen an die zuständigen Amtsgerichte.

Und auch anderswo wird fleißig ermittelt. Große Rechtsanwaltskanzleien im Raum München suchen über die Medien offen nach Geschädigten. Wie viele es insgesamt sind, das weiß wohl nur der zuständige Insolvenzverwalter der prime select AG. Der ließ eine Presseanfrage bislang allerdings unbeantwortet.

Für Rechtsanwalt Ulrich Schorner liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Anlagemodell möglichweise um ein Schneeballsystem handeln könnte. Wie dem auch sei: Florian Gleich soll nun als Zeuge gehört werden, auch soll die entsprechende Ermittlungsakte aus München hinzugezogen werden.

Auch der Lüdenscheider Vertriebler muss sich der Angelegenheit stellen. Der Vorwurf: Der Berater habe die Familie eben darauf hingewiesen, dass kein Verlustrisiko bestehe. Einer aus der Branche kommentierte das alles in einem Telefongespräch mit der Redaktion: „Da wurden bestehende Altersversorgungen ohne Rücksicht auf Verluste abgegriffen.“ Und: Beratungsfehler duch den Makler seien in erster Linie dafür verantwortlich.

Merkwürdigkeiten gibt es rund um prime select: Zwei Prospekte, einen mit einem versteckten Hinweis auf Risiken, einen ohne. Und auch die Zustellung der Anwaltspost gestaltete sich schwierig: Unbekannt verzogen war der Empfänger.

Natürlich gibt es seitens des Lüdenscheider Vertrieblers Widerstand gegen die Ansprüche: Die lassen über ihren Rechtsbeistand eindeutig mitteilen, dass man sehr wohl auf das Risiko eines Totalverlustes hingewiesen habe. Und Schorners Mandantin sei natürlich umfassend beraten worden. Auch hieß es in der Klageerwiderung, dass schließlich jedes Kind wisse, dass hohe Chancen auch hohe Risiken bergen würden...

Bleibt der Hinweis auf ein frisches Urteil, das die Rechtsanwälte Wilhelm Lachmair & Kollegen verbreiten: „München, 10. Juli 2012; prime select und kein Ende: Das Landgericht München I hat nun in einer ersten Entscheidung den Vorstand des Unternehmens, Florian Gleich, in voller Höhe zum Schadenersatz verurteilt (Aktenzeichen 3 O 18591/11)“. Begründung des Gerichtes: Es habe betrügerische Täuschung vorgelegen.

Das spricht nicht für ehrliches Geschäftsgebaren.

Die Neuenrader Familie sucht weitere Betroffene, die in ähnlicher Weise beraten wurden und nun um ihr Geld bangen. Betroffene können sich an Rechtsanwalt Schorner wenden. Der ist unter 02392 / 960940 oder per E-Mail über anwalt@kanzlei-schorner.de zu erreichen.

Von Peter von der Beck

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