1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Neuenrade

„Plastik ist nicht grundsätzlich schlecht“: Klima- und Umweltwoche in Neuenrade

Erstellt:

Von: Michael Koll

Kommentare

Um das Thema Plastik, hier zahlreiche leere Getränkeflaschen, ging es zum Auftakt in die Neuenrader Klima- und Umweltwoche.
Um das Thema Plastik, hier zahlreiche leere Getränkeflaschen, ging es zum Auftakt in die Neuenrader Klima- und Umweltwoche. © Daniel Bockwoldt/dpa

„Den Großteil des Mikroplastiks in unserem Körper nehmen wir nicht über die Nahrung auf“, verblüffte Bernhard Oberle am Montagabend seine Zuhörer in der Stadtbücherei Neuenrade.

Der Umweltberater aus Iserlohn erklärte zum Auftakt der Neuenrader Umwelt- und Klimawoche: „Das meiste stammt aus unserer Kleidung – das fängt beim Fleecepullover an.“

Schnell entwickelte sich anschließend eine Diskussion des Referenten der Verbraucherzentrale mit den Teilnehmern. Am Ende des rund 80-minütigen Abends brachte einer der Teilnehmer zum Ausdruck, was wohl alle Anwesenden dachten: „Ich habe Neues gelernt. Dieser Abend hat mich zum Nachdenken angeregt.“

Mit jeder Mahlzeit wird Mikroplastik aufgenommen

Überschrieben war die Veranstaltung mit der Frage „Gibt es heute wieder Plastik zu essen?“. Experte Oberle räumte ein: „Das Motto ist ein bisschen reißerisch, aber letztendlich ist es ja genau so.“ Jeder Einzelne habe Plastik im Magen – der Fisch im Meer wie auch der Mensch an Land. „Geschätzt nehmen wir mit jeder Mahlzeit 100 Teile Mikroplastik in uns auf.“

Dabei sei der Grundstoff Kautschuk, aus dem Kunststoffe entstehen, „gar nicht das Problem, sondern die Additive, die hinzugegeben werden“, verriet Oberle. Zudem gelte: „Viele Plastikteile schonen ja auch die Umwelt, indem sie etwa Fahrzeuge leichter machen und so helfen, den Kraftstoffverbrauch zu senken.“ Er betonte: „Es geht dabei nicht um einen Verzicht, sondern um einen anderen Umgang mit Kunststoffen.“

Über die Waschmaschine ins Meer

Der Referent kehrte zurück zum Thema Kleidung: „Baumwolle ist ja auch nicht völlig clean. Denken wir an die Stichworte Wasserbrauch und Pestizid-Einsatz.“ Der bereits erwähnte Fleecepullover allerdings löse sich bei jeder Wäsche ein wenig mehr auf, werde immer dünner. Und so kommen Mikroplastikteile eben nicht nur über den Industrie- und Hausmüll ins Meer, sondern zu einem gehörigen Anteil auch über die Waschmaschinen.

„Gibt es heute wieder Plastik zu essen?“ Unter diesem Vortragsthema informierte Experte Bernhard Oberle am Montagabend in der Stadtbücherei.
„Gibt es heute wieder Plastik zu essen?“ Unter diesem Vortragsthema informierte Experte Bernhard Oberle am Montagabend in der Stadtbücherei. © Koll, Michael

Auch der Fischfang trage zu diesem Problem bei – beispielsweise mit im Meer zurückgelassenen Fangnetzen. Pro Mensch und Jahr gelangten derzeit vier Kilogramm Mikroplastik in die Umwelt, bezifferte Oberle die Tragweite der Thematik.

Alles begann mit einem Wettbewerb

Was heute unter dem Oberbegriff Plastik zusammengefasst wird, hat seinen Ursprung im Billard-Sport. Bei einem ausgerufenen Wettbewerb, wie es möglich sei, die Spielkugeln ohne die Verwendung von Elfenbein herzustellen, gewann 1870 John Wesley Hyatt, der dafür eigens den ersten Kunststoff – konkret: Zelluloid – erfand.

Auch an dieser historischen Geschichte zeige sich, „Plastik ist nicht grundsätzlich schlecht“, unterstrich der Vertreter der Verbraucherzentrale. Beim genannten Beispiel diene es dem Tierschutz. Und generell sei zu sagen: „Plastik ist dann gut, wenn es langlebig genutzt wird – und nicht als Wegwerfprodukt.“

70 Prozent aller Plastikerzeugnisse werden nur einmal verwendet

Tatsächlich allerdings werden fast 70 Prozent aller Plastikerzeugnisse sogar nur einmalig verwendet – vom Plastikbesteck bis hin zum Kaffeebecher. Oberle verdeutlicht: „Für jedes Produkt mit Mikroplastik gibt es eine Alternative ohne.“ Und auch was die Kunststoffverpackungen angehe, gebe es längst Alternativen aus Algen, Mais und Zucker. „Und die werden immer besser und können in immer mehr Anwendungsgebieten genutzt werden. Zudem werden sie mit der Zeit auch immer günstiger“, machte der Referent, der seit 1996 als Umweltberater tätig ist, zum Schluss allen Hoffnung, dass Plastik in einigen Jahren nicht mehr wirklich ein Problem sein werde für den Planeten.

Auch interessant

Kommentare