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Pilotprojekt im MK: Beratung im Rathaus mit Künstlicher Intelligenz

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Von: Peter von der Beck

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Bei sozialer Beratung spielt die Bearbeitung von Dokumenten (Anträge, Dokumentationen, Urkunden) eine große Rolle. Das könnte dann auch interaktiv per Video geschehen.
Bei sozialer Beratung spielt die Bearbeitung von Dokumenten (Anträge, Dokumentationen, Urkunden) eine große Rolle. Das könnte dann auch interaktiv per Video geschehen. © von der Beck, Peter

„Stellar“ heißt ein wissenschaftliches Pilotprojekt, an dem sich auch eine Kommune im MK beteiligt. In diesem soll für Beratungsangebote auch Künstliche Intelligenz (KI) im Rathaus Einzug halten.

Dass der gerne zitierte „ländliche Raum“ durchaus in manchen Bereichen Nachteile gegenüber großstädtischen Regionen aufweist, bekommen zum Beispiel jene Menschen zu spüren, die sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Ballungszentrum aufmachen müssen, um bestimmte Dienstleistungen überhaupt erst zu bekommen. Vor diesem Hintergrund beteiligt sich die Stadt Neuenrade an einem Pilotprojekt.

Dabei starteten Sozialwissenschaftler der Fachuniversitäten Bielefeld und Minden und der Uni Trier das Projekt „Stellar“. „Stellar“ bedeutet „stationäre Telepräsenzberatung im ländlichen Raum“. Dabei geht es darum, auf dem Land Beratungsangebote per Video zu ermöglichen und so die Lebensqualität in Stadt und Land zu verbessern. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium gefördert und dauert vier Jahre.

Neuenrade ist mit im Boot

Bereits im Sommer vergangenen Jahres starteten die Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Udo Seelmeyer (FH Bielefeld; Projektleitung), Philipp Waag, Prof. Dr. Marc Weinhardt (Uni Trier) und Anne-Kathrin Schmitz das Projekt. Prof. Dr. Dominic Becking und Matti Laak übernahmen dabei den Bereich Informatik. Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege ist mit im Boot, genauso wie der Deutsche Caritasverband (Referat Online-Beratung), die Arbeiterwohlfahrt (Awo) nit dem Unterbezirk Hagen/Märkischer Kreis und die Stadt Neuenrade. Dass Neuenrade mit dabei ist, hat die Stadt im Prinzip der Awo zu verdanken, die auf der Suche nach Städten entsprechender Größenordnung und einem entsprechenden Raumangebot auf Neuenrade stieß. Der Aufruf vergangenen Sommer, dass sich Probanden zur Verfügung stellen sollten, hatte zudem Erfolg. Immerhin zwei Neuenrader meldeten sich, berichtete Philipp Waag.

Konkretes Ziel ist es nun „wohnortnahe, stationäre psycho-soziale Videoberatung in einer vertrauenswürdigen institutionellen Umgebung“ zu gewährleisten. Das ist in diesem Fall also das Neuenrader Rathaus. Doch es soll nicht nur beraten werden. Vielmehr soll auch die Videoberatung die Möglichkeit der „gemeinsamen Dokumentenbearbeitung über Distanz ermöglichen“ – vor allem in der Schuldnerberatung. Die Wissenschaftler machen eine ganze Reihe von praktischen Vorteilen aus: Das reicht von zeitlicher Flexibilität über die Teilnahme dritter Personen wie Dolmetscher, der Authentizität bis hin zu ordentlicher technischen Ausstattung, welche die zu Beratenden vorfinden. Zudem ist das ganze Angebot dann auch niedrigschwellig, weil es am eigenen Wohnort ist und die technische Infrastruktur bereitgestellt wird.

Service-Angebot wird vergrößert

Der Vorteil für die Stadt: Eine Vergrößerung des Service-Angebotes. Womöglich könnten die Menschen auch aus dem Homeoffice heraus beraten werden. Die Wissenschaftler machen sich sogar Gedanken, ob eine KI (Künstliche Intelligenz)-gestützte „Emotionsanalyse“ möglich ist. Vielleicht ergeben sich auch Synergieeffekte.

Die Forscher weisen auf die Herausforderungen hin: Es könnten sich dabei neue Formen der Gestaltung von Zuständigkeiten, von Kooperationen und Finanzierungsmöglichkeiten herauskristallisieren. Und es ist aller Voraussicht nach auch eine Art Rezeptionsdienst nötig. Und die Forscher stellen sich natürlich auch die Frage, ob die Interaktion verbessert werden kann und ob so ein Angebot überhaupt von den Menschen angenommen würde. Die Wissenschaftler haben da noch gut zu tun. Fragebögen müssen entwickelt werden, neue Beratungskonzepte in Zusammenarbeit mit Beratern und Probanden entwickelt werden. Auch muss das ganze Vorhaben datenschutztechnisch einwandfrei sein, auch was das Interagieren mit Berater und den zu Beratenden anbelangt.

Software wird entwickelt

So sei es für die Beratungen auch nicht einfach möglich, eine bereits auf dem Markt befindliche Videokonferenzsoftware oder eine Skype-Plattform zu nutzen. „Deshalb arbeiten wir mit den Informatikern zusammen, zudem muss die Software einen offenen Code haben,“ sagt Sozialwissenschaftler Philipp Waag. Da sei noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten. Dass es zu Verzögerungen gekommen ist, liege auch an der Corona-Pandemie. „So konnten Erprobungen des Systems mit Studierenden nicht in dem Umfang stattfinden, wie wir uns das erhofft hatten“, so Waag. Dadurch habe sich die Erprobungsphase deutlich in die Länge gezogen. Auch der Kontakt zu Bürgern wurde erschwert. Nach (hoffentlich) erfolgreichem Abschluss des Projekts im August 2024 stünde das Equipment der Stadt und der Awo weiterhin zur Verfügung, sagt Waag. „Wir hoffen also auf eine Verstetigung des Angebots.“

Bis die Angelegenheit nun in Neuenrade realisiert werde, könne es noch dauern. Das Projekt solle aber im Laufe des Jahres in Betrieb gehen. Waag betonte, dass Neuenrade jedenfalls bei dem Ganzen eine Vorreiterrolle zukomme. „Das wird dann beispielhaft für andere Kommunen.“

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