„Unlogisch und widersprüchlich“

Physiotherapeut Michael Knuth ärgert sich über die Corona-Regeln

Zwischen den Geräten ist viel Platz: Bereits nach dem ersten Lockdown 2020 hat Michael Knuth dafür gesorgt, dass seine Kunden Abstand halten können.
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Zwischen den Geräten ist viel Platz: Bereits nach dem ersten Lockdown 2020 hat Michael Knuth dafür gesorgt, dass seine Kunden Abstand halten können.

„Sinnbefreit“ – dieser Begriff beschreibt aus Sicht des Physiotherapeuten und Fitnessstudio-Betreibers Michael Knuth viele Regelungen innerhalb der wechselnden Corona-Schutzverordnungen.

Seit Monaten ärgert er sich über „unlogische und widersprüchliche Bestimmungen“, mangelhaften Informationsfluss und vieles mehr, „das letztlich viele Existenzen akut bedroht“.

Seit November ist auch das Fitnesscentrum Knuth an der Zweiten Straße geschlossen. Verstehen kann Michael Knuth das nicht. „Es ist klar, dass wir aufgrund der Aerosolbildung keine Kurse wie Spinning anbieten. Aber was spricht gegen reines Gerätetraining?“

Abstände vergrößert und Trennwände installiert

Bereits nach dem ersten Lockdown 2020 hat Knuth in seinem Studio umgeräumt, einige Geräte vorerst in einen Abstellraum verbannt. „Zwei Meter Platz ist fast überall zwischen den Geräten. Da, wo es tatsächlich nicht möglich ist, habe ich Schutzwände anbringen lassen“, berichtet er – und stellt fest: „Im Bus sitzen sich die Leute fast auf dem Schoß und wir müssen schließen, das ist doch verrückt.“

Er könne Fenster und Türen öffnen, verfüge zusätzlich über eine Lüftungsanlage. „Und das Desinfizieren der Geräte war bei uns schon lange vor Corona Standard“, unterstreicht Knuth.

Feste Zeitfenster wären kein Problem

Es sei auch kein Problem, den Kunden feste Zeitfenster für ihr Training anzubieten, und somit die Personenanzahl im Studio zu begrenzen. „Die Kundendaten werden ohnehin automatisch beim Check-in erfasst, ich weiß also auch auf die Minute genau, wer sich wie lange hier aufgehalten hat.“

Das Gitter vor der Eingangstür spricht Bände: Seit November ist das Fitnesscentrum von Michael Knuth an der Zweiten Straße coronabedingt geschlossen.

Michael Knuth ist sauer. „Ich gönne jedem, dass er öffnen darf. Aber ein Friseur kommt seinen Kunden zwangsläufig nahe. Im Studio können wir problemlos Abstand halten.“ Aus Sicht des Physiotherapeuten ist das Training im Gerätezirkel zudem für viele Menschen mindestens ebenso bedeutend wie eine gut geschnittene Frisur. „Es geht schließlich um die Gesundheit. Sport ist wichtig für das Immunsystem, das ja bekanntlich eine große Rolle bei der Krankheitsabwehr spielt.“

Viele Studio-Kunden behandelt Knuth jetzt als Physiotherapeut

Viele seiner Studio-Kunden behandele er jetzt als Physiotherapeut. „Weil sie nicht mehr trainieren, werden ihre Beschwerden immer schlimmer. Egal, ob sie Rückenschmerzen oder Arthrose haben.“ Allerdings: Wer es vor Schmerzen nicht mehr aushält, kann sich nicht ohne Weiteres von Knuth behandeln lassen. Erst ist der Besuch beim Arzt erforderlich: „Ich darf nur Patienten mit ärztlicher Verordnung annehmen.“ Das führe dazu, dass es in den Arztpraxen noch voller werde. Knuth weiß: „Und längst nicht alle Kunden kommen mit einer Kassenverordnung zurück. Viele lassen sich ein Privatrezept ausstellen und zahlen die Behandlung dann letztlich doch selbst. Sie nehmen nur den Umweg durch die Arztpraxis.“

Knuths Ehefrau Michaela betreibt in Hemer einen Babor Beautyspa. Auch sie kann viele Regelungen nicht nachvollziehen. „Momentan darf ich nur Fußpflege anbieten. Maniküre ist nicht erlaubt, obwohl es kein Problem wäre, eine Schutzscheibe zu installieren. Der Kunde könnte seine Hand durch eine Öffnung schieben – und wir wären optimal geschützt.“

Gesichtsbehandlungen sind nicht erlaubt

Gesichtsbehandlungen darf Michaela Knuth ebenfalls nicht anbieten. „Obwohl wir mit FFP2-Maske, Face-Shield und natürlich mit Handschuhen mehrfach geschützt sind.“ Dass ein Friseurbesuch auch etwas mit „Würde“ zu tun hat – wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärt hatte – will die Fachkosmetikerin und Spa-Leiterin nicht anzweifeln. „Aber zum Beispiel für Menschen, die unter starker Akne leiden, hat auch der Besuch im Kosmetikstudio eine Menge mit Würde zu tun.“

Doch nicht nur viele Regeln sind aus Sicht des Ehepaars unverständlich. „Wir haben auch ständig erlebt, dass übergeordnete Stellen unsere Fragen nicht beantworten konnten. Am Anfang hatte man Verständnis dafür, aber dass es auch jetzt noch mit jeder neuen Verordnung wieder Chaos gibt, ist doch bezeichnend.“ So seien Ansprechpartner bei den Ordnungsämtern, dem Märkischen Kreis und der Handwerkskammer zwar immer bemüht gewesen, „trotzdem wusste oft keiner, was denn nun wirklich los ist“.

Hohe Ausgaben

Die Knuths berichten von hohen Ausgaben für Kunden-Selbsttests, „die wir mit Inkrafttreten der nächsten Verordnung quasi in den Mülleimer schmeißen konnten“. Von Wucherpreisen für Einweghandschuhe („2020 haben 50 Paar 4,49 Euro plus Steuer gekostet, im März waren es 39,95 Euro plus Steuer“) und der verzögerten Auszahlung der Coronahilfen, die das Ehepaar dennoch zu schätzen weiß: „In anderen Ländern mussten viele Menschen ohne dieses Geld klarkommen.“

Die Zukunft seines Studios an der Zweiten Straße sieht Michael Knuth allerdings trotz der staatlichen Hilfen keineswegs rosig: „Wenn wir irgendwann wieder öffnen dürfen, sind wir um Jahre zurückgeworfen. Ich rechne damit, dass wir dann etwa 40 Prozent unserer Kunden verloren haben.“

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