Neuenrade eine Ausnahme im Kirchenkreis

Pfarrer kritisiert die staatlichen Pandemieregelungen

Dieter Kuhlo-Schöneberg ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Neuenrade.
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Dieter Kuhlo-Schöneberg ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Neuenrade.

Die Corona-Pandemie zehrt an den Nerven des Pfarrers; die Situation vieler Gemeindeglieder in Neuenrade macht ihm zu schaffen, die fehlende Nähe, das ständige Abstandhalten tut seiner Gemeinde nicht gut.

Dieter Kuhlo-Schöneberg, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Neuenrade, ist zudem einer, der noch mit einer extra Portion Empathie ausgestattet ist, er leidet mit. Dabei ist gerade die seelische Gesundheit für den Pfarrer dabei von besonderer Bedeutung.

Die seelsorgerische Betreuung läuft dabei unter Pandemiebedingungen noch recht gut. Kuhlo-Schöneberg macht sogar mehr Besuche. „Ich bin selber geimpft, mache alle paar Tage Tests, um hohe Doppelsicherheit zu haben.“ Vor diesem Hintergrund findet er manche staatliche Vorschriften nicht nachvollziehbar angesichts der aktuellen Möglichkeiten: „Es ist katastrophal, wie es mit den Ältesten läuft. Wenn im Altenheim jemand seinen 95. Geburtstag feiern möchte, dann ist nur ein einziger Besucher zugelassen.“ Dabei sei doch die Entourage und alle Mitarbeiter geimpft. Die Regelung sei nicht nachvollziehbar und für ihn auch unzumutbar.“

Gruppen und Kreise können sich nicht treffen

Ansonsten läuft es in der Gemeinde, die ja auch gerade von Gemeinsamkeit lebt, daher nicht so toll. Gruppen und Kreise kommen nicht zusammen. Der Pfarrer glaubt, dass besonders auch junge Leute und Jugendliche leiden. „Die lassen sehr viel mit sich machen.“ Kein gemeinsamer Sport, kein Geburtstag, kein Sportverein. Und die Gesellschaft fehle. „Alles ist sehr verhalten.“ Dieter Kuhlo-Schöneberg: „Das ist ein Rückzug nach innen.“ Möglicherweise sei das stille Verzweiflung.

Mittlerweile hätten aber zumindest die Älteren Hoffnung, sähen die Perspektive, weil sie jetzt geimpft seien: „Ich freue mich immer, wenn ich auf Menschen treffe, die ebenfalls geimpft sind.“ Bei den etwas Jüngeren sei das noch eingeschränkt, eben weil sie auf ihren Impftermin warteten.

Angebote in digitaler Form

Seelsorge und der gemeinsame Gottesdienst finden in der Gemeinde deshalb auch digital statt. Früh schon hat sich die Evangelische Kirchengemeinde Neuenrade in diese Thematik eingearbeitet. Und Kuhlo-Schöneberg sieht in den Onlineformaten durchaus auch Vorteile, wie die Möglichkeit, die Videos der Gottesdienste zeitlich und örtlich völlig unabhängig abrufen zu können. Doch der Pfarrer macht klar: „Live kann man nicht ersetzen.“

Kuhlo-Schöneberg gibt sich viel Mühe mit den Online-Gottesdiensten, leistet am virtuellen Schneidepult viel Arbeit. Das Schneiden und Bearbeiten gehe mittlerweile flotter, auch dank der technischen Unterstützung durch seinen Sohn. Allerdings dauert es wegen der schlechten Internetleistung am Standort rund zweieinhalb Stunden, um die Videodatei mit dem Gottesdienst, die eine Größe von ungefähr 1,5 Gigabyte hat, ins Internet hochzuladen. Auch in anderer Hinsicht hat die Digitalisierung Einzug gehalten: Erstmals hat der Pfarrer jüngst ein Trauergespräch per Videokonferenz geführt, weil die Angehörigen zum Teil auch weiter weg wohnten.

Pfarrer sieht einige Pandemieregelungen kritisch

Grundsätzlich sieht Kuhlo-Schöneberg inzwischen manche staatliche Pandemieregelung kritisch. Es fehlt ihm inzwischen die Verhältnismäßigkeit. Es sei verboten in Restaurants zu gehen und der Einzelhandel sei auf unabsehbare Zeit geschlossen. Dabei gebe es Hygiene-Konzepte. Kuhlo-Schöneberg betont: „Die Menschen brauchen aber diese Möglichkeiten, es tut ihnen gut.“ Der Pfarrer berichtet aber auch, dass vor allem direkt Betroffene eine andere Sichtweise hätten.

Angesichts der weiterhin hohen Inzidenzwerte in Bund und Land bekräftigte die Landeskirche erst am 19. April ihre bisherige Empfehlung, bis auf Weiteres auf Präsenzveranstaltungen (auch Gottesdienste) zu verzichten und verstärkt auf digitale Formate zu setzen.

Liegt die Inzidenz unter 200, gibt es Präsenzgottesdienste

Pfarrer Kuhlo-Schöneberg hält sich in Absprache mit dem Presbyterium (es gibt Inzidenz-Regelungen) nicht an die Empfehlung. „Wir haben schon ein paar Wochen hinter uns gebracht ohne Präsenzgottesdienst.“ Die Menschen lechzten danach, vor allem die Alten, weil auch viele schon geimpft seien. Auch habe man bisher keine Infektionsfälle bei den Gottesdiensten gehabt. Pfarrer Kuhlo-Schöneberg verweist auf die Regelungen des Presbyteriums der Evangelischen Kirche Neuenrade. Bei einer Inzidenz von 100 bis 200 sind 30 Gottesdienstbesucher möglich; unter einer Inzidenz von 100 sind 53 Besucher in der Kirche erlaubt. Reißt die MK-Inzidenz die 200er-Marke, fällt der Präsenzgottesdienst aus. Stichtag für die Entscheidung für den nächsten Sonntagsgottesdienst ist jeweils der Dienstag zuvor.

Weil die Inzidenz am Dienstag – auch aufgrund technischer Probleme bei der Datenübermittlung – kurzfristig unter 200 lag, finden am Sonntag evangelische Präsenzgottesdienste in St. Lambertus Affeln (8.30 Uhr) und Neuenrade (10 Uhr) statt. Die Teilnahme ist nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung bei Kuhlo-Schöneberg unter Tel. 0173/5451975 möglich.

Neuenrader Gemeinde eine Ausnahme

Die Neuenrader Gemeinde bildet mit ihren Präsenzgottesdiensten eine Ausnahme im heimischen Evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg, wie Superintendent Dr. Christof Grote berichtet. Das Neuenrader Presbyterium habe ihn jedoch informiert. Zudem habe die Gemeinde ein sehr gutes Sicherheitskonzept. Generell habe er Verständnis für die Menschen, die wieder einen Präsenzgottesdienst feiern wollen. „Den Wunsch haben wir doch alle“, sagt der Superintendent. Grote nehme wahr, dass generell der Wunsch nach Präsenzformaten drängender werde.

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