Peter Neururer nimmt kein Blatt vor den Mund

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Peter Neururer. ▪

NEUENRADE ▪ Kurz vor dem Ende der Bundesliga-Saison nahm ein Fußball-Fachmann Platz auf dem Roten Sofa in Neuenrade.

Peter Neururer ließ sich im Kulturschuppen am Bahnhof ein auf ein interessantes Fachgesimpel mit Ludger Heitmann, Vorstandsmitglied des Kulturvereins „forumneuenrade“.„Schalke wird ganz klar Pokalsieger, obwohl ich ja auch mal Duisburg trainiert habe“, legte sich Neururer gleich zu Beginn des Abends eindeutig fest. Und noch etwas steht für den Trainer mit der Kodderschnauze bereits fest: „Sollte Manuel Neuer nach München wechseln, wird Bayern in der kommenden Saison wieder Meister.“ Im laufenden Wettbewerb habe sich mit dem BVB aber ein „verdienter Meister“ gefunden.

Da blieb der Applaus spärlich im gut besetzten Kulturschuppen. Mehrheitlich Schalke- und St.-Pauli-Fans saßen im Publikum. Für letztere hatte Neururer keine guten Nachrichten. Die Rebellen der Liga stünden für ihn als kommender Absteiger fest. Köln oder Frankfurt würden sich dazu gesellen.Von den Prognosen und Weissagungen kamen Heitmann und Neururer dann aber zu Grundsätzlichem: „Spieler sind doch kein 'Material' sondern Menschen“, stellt Neururer, seit seinem Abitur 1974 Schnauzbartträger, klar. „Also darf es für sie auch keine 'Abwrackprämie' geben.“ Wobei für Peter Neururer aber auch zweifelsfrei feststeht, dass mancher Bundesliga-Kicker - vor allen Dingen, wenn seine Leistung am Ende der Karriere nachlässt - „überbezahlt“ sei.

Da lebten manche von den Großtaten vergangener Tage. So versteht Neururer auch nicht, dass Per Mertesacker immer noch in der Nationalmannschaft Berücksichtigung findet, „obwohl er solch eine Katastrophen-Saison spielt“. Benedikt Höwedes und Mats Hummels zeigten auf derselben Spielposition „seit mehr als einem Jahr Überdurchschnittliches“. Gleichwohl sieht Neururer das National-Team im weltweiten Vergleich „unter den drei besten Mannschaften“, auch wenn die deutsche Elf 2006 - bei der WM im eigenen Lande - maßlos überschätzt worden sei in seinen Augen. Besser als Jogis Jungs seien die 18 Mannschaften der Bundesliga, wo Gladbach Dortmund schlagen konnte. Einzig Spanien habe eine stärkere Liga. „Da können etwa in der britischen Premier League maximal die ersten fünf Top-Mannschaften mithalten“, warb Neururer für den deutschen Vereinsfußball.Und auch seien die Spieler längst nicht mehr so schlecht wie ihr Ruf. „Dass manche Aussage vor einer Kamera peinlich rüberkommt, liegt doch zum großen Teil an den Fragestellern“, betrieb der Trainer Medienschelte. In einer Bundesliga-Mannschaft habe doch mittlerweile jeder zweite Abitur. „Und Bildung und Intelligenz werden zu oft verwechselt“ betonte Neururer. „Ich kenne persönlich ganz flach fahrende Hochschulprofessoren, aber auch total intelligente Maurer.“Der Bundesliga-Trainer (zuletzt bei Duisburg in der zweiten Liga beschäftigt) moserte gegen die Aufweichung der früheren Regel, Fußball sei „samstags um halb vier“. Anstoßzeiten etwa um 13 Uhr seien Gift fürs Training, für die Fans und eine Katastrophe für Spiele im Jugend- und Amateurbereich.Und schon lenkte Heitmann seinen Gast wieder zum Thema Geld. Und Neururer hielt seine Meinung nicht hinterm Berg: „Schalke und Dortmund gehören natürlich längst nicht mehr in den bezahlten Fußball - mit ihren Schulden.“ Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) da mit zweierlei Maß messe, sehe der Fan doch an den Beispielen Bochum und Bielefeld, die eben nicht mehr der 1. Bundesliga angehörten. „Da haben doch Fernsehanstalten aufgrund der Einschaltquoten interveniert“, behauptete Neururer. „Gerechtigkeit gibt es da doch nicht.“Und wenn all überall die Jugendförderung der Bundesligisten gelobt wird, spricht Neururer vom „Jugendwahn“. Die jungen Kicker stünden doch aufgrund der Medien „in einem Licht, in das sie nicht gehören“. Und der Trainer nannte auch ein konkretes Beispiel: „Rudi Völler hat doch den Podolski damals in die Nationalmannschaft geholt, alleine weil er jung war, nicht weil er irgendwas konnte.“

Und Neururer ist selbst auch Fan, spricht die Sprache der Anhänger: „Beim Training eines Bundesligisten stehen 400 Leute am Rasenrand. Das sind Rentner und Leute wie ich: Arbeitslose“, sagt der momentan vereinslose Trainer. Aber er stellt klar: „Gewaltbereite Vollidioten sind keine Fans.“

Dass er mit seinen markigen Sprüchen nicht überall ankommt, ist ihm bewusst: „Ich bin so, wie ich bin. Entweder man mag mich oder nicht“. Da ist er nicht kompromissbereit. Dann aber wird er doch kurz nachdenklich, spricht vom Druck, der auf den Spielern und auch Trainern laste. „Doch selbst vom Schock nach dem Suizid von Robert Enke ist nichts übrig geblieben“, bedauert Neururer das Ausbleiben eines Umdenkens.Mit einer Anekdote beendete die Trainer-Legende dann den Abend: Im November 2001 habe er einen Anruf vom Präsidenten seines damaligen Vereins in Ahlen bekommen: Ein Angebot über eine Vertragsverlängerung um vier Jahre. Neururer bat um Bedenkzeit, um mit seiner Frau darüber zu beraten. 20 Minuten später klingelte das Telefon erneut. Der Präsident sprach ihm die Kündigung aus, denn das erste Gespräch habe bewiesen, Neururer stehe nicht zum Verein.

Michael Koll

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