Täglich bis zu 80 Patienten

Nichts geht mehr: Darum verhängt dieser Kinderarzt im MK einen Aufnahmestopp

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Dr. Attila Hildebrand in seiner Praxis in Neuenrade. Neue Patienten nimmt er dort aktuell nicht mehr auf, weil die Kapazitätsgrenze überschritten ist.

Neuenrade – „Ich kann den Unmut der Leute sogar verstehen“, beteuert Dr. Attila Hildebrand im Gespräch mit der Redaktion. Allerdings könne es nicht sein, dass seine Mitarbeiterinnen am Telefon beschimpft und verbal angegangen werden.

Was war passiert: Seit dem Ende der Sommerferien nimmt der Kinderarzt, der seine Praxis in Neuenrade an der Werdohler Straße betreibt, keine neuen Patienten mehr auf. 

Dies betreffe auch Familien, die zwar schon Patienten seien, nun aber mit einem weiteren Kind vorstellig werden wollen. Der Grund: Ende vergangenen Jahres hatte Dr. Zati Altay seine Kinderarztpraxis in Werdohl geschlossen und keinen Nachfolger gefunden; mit der Folge, dass nun viele seiner Patienten nach Neuenrade oder in umliegende Kommunen gewechselt sind. 

24 Prozent mehr Patientenkontakte

„Im ersten Halbjahr haben wir noch jeden aufgenommen. Doch inzwischen ist meine Kapazitätsgrenze nicht nur erreicht, sondern überschritten“, sagt der Kinderarzt. Den enormen Anstieg kann Dr. Attila Hildebrand mit Zahlen belegen. Während sich im ersten Quartal 2018 die Zahl der eigenen Patientenkontakte noch auf 1556 belief, ist sie im ersten Quartal dieses Jahres auf 1934 angewachsen. Dies bedeutet einen Anstieg um 24 Prozent oder ein Plus an 378 Kontakten. 

Das schwächste Glied in der Kette der medizinischen Versorgung sei am Ende leider der Patient, denn aufgrund der mangelnden Versorgung müssten die Eltern nun noch weitere Wege in Kauf nehmen und sogar bis Hagen oder Iserlohn ausweichen. Für die Familien sei es natürlich schwierig, „um nicht zu sagen: katastrophal“, wenn sie nicht mehr wüssten, wo sie mit ihrem neugeborenen Kind die Vorsorgeuntersuchungen machen lassen sollen. 

Durchschnittlich 80 Patienten pro Tag

„Allerdings weiß ich von vielen Kollegen, dass es bei ihnen ähnlich ist und auch sie einen Aufnahmestopp ausgesprochen haben“, so Dr. Hildebrand. Immer wieder beschreibt der Facharzt sein Dilemma („Wir machen das nicht aus Jux und Dollerei“) und schildert, dass er bei durchschnittlich 80 Patienten pro Tag für jede Untersuchung nur zwischen fünf und sechs Minuten einplanen könne.

„Würde ich noch mehr Kinder betreuen, hieße das auch, dass die Fehlerquote steigt. Zudem mache ich mir bereits Sorgen, dass ich meine bisherigen Patienten durch den Anstieg nicht mehr ausreichend gut versorgen kann. Insofern haben wir inzwischen eine sehr ernst zu nehmende Situation.“ Auch wenn sich die Lokalpolitik natürlich auf die Fahnen geschrieben habe, eine Lösung zu suchen, liege diese noch in weiter Ferne. „Bis dahin haben wir einen akuten Mangel“, so Dr. Hildebrand. 

Aufnahmestopp: Eine Ausnahme

Trotz der Situation wird es beim Aufnahmestopp aber eine Ausnahme geben: neugeborene Kinder von Familien, die in Neuenrade wohnen, werden weiterhin aufgenommen („Ich musste einfach einen Schnitt machen und der ist nun räumlich gegeben“). „Ich bin mit der Situation genauso unzufrieden wie meine Patienten und möchte einfach um Verständnis für meine Entscheidung bitte“, erläutert Attila Hildebrand. 

Dass sich die Menschen beschweren wollen, sei ebenfalls verständlich, aber „eben nicht bei uns oder in anderen Praxen, sondern bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Deren Aufgabe liegt darin, die ärztliche Versorgung sicherzustellen“. Allerdings sei im Moment nicht absehbar, wann das Problem gelöst werde.

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