Gerechtigkeitssinn gestört: Neun Monate von der Anzeige bis zur Entscheidung „Verfahren eingestellt“

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Die Staatsanwaltschaft Hagen hat das Verfahren jetzt eingestellt und dies den Geschädigten lediglich in einem Standardschreiben erklärt.

Neuenrade - Für die Neuenraderin brach schon fast eine Welt zusammen, jedenfalls ist sie von der deutschen Justiz „maßlos enttäuscht“. Anzeige wegen Körperverletzung zum Nachteil ihres Sohnes hatte sie erstattet – und nun das.

Lange hat es gedauert, gut neun Monate, bis sich die Staatsanwaltschaft meldete. Nur ein paar dürre Sätze enthält das Schreiben, beschränkt sich auf juristische Floskeln ohne großartige Erläuterungen – offensichtlich ein Standardschreiben. 

„Das Ermittlungsverfahren habe ich eingestellt.“ Die Einstellung erfolge hinsichtlich des Beschuldigten nach Paragraf 45, Absatz 1, Jugendgerichtsgesetz. Bei der angezeigten Straftat handele es sich um einen Ausdruck „jugendlicher Unreife mit geringem Schuldgehalt“. Weitere erzieherische Maßnahmen seien deshalb „ausnahmsweise entbehrlich“. Ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung bestehe in diesem Fall nicht. 

Die Neuenraderin ist nun in ihrem Rechtsempfinden empfindlich gestört. Denn nach ihrer Darstellung handele es sich nicht um eine einfache Klopperei. So wie sie es schilderte, hatte es Stress am Bolzplatz an der Niederheide gegeben. Ihr zwölfjähriger Sohn und Begleiter hätten dort Fußball spielen wollen, als ein 14-Jähriger bereits provokativ aufgetreten sei. Später sei dieser mit etlichen anderen zurückgekehrt, habe ihren Jungen von Helfern festhalten lassen und sei ihm sogar mit ausgestreckten Bein in die Seite gesprungen. Die Neuenrader kann Handy-Fotos von großflächige roten Hautverfärbungen präsentieren. Die hätten sich später bunt verfärbt. Ärztlich dokumentieren lassen wollte die Mutter das – aber ihr Junge habe sich geweigert. Und: Dabei hätten sich die Jungen durchaus vorbildlich verhalten, so wie sie es beim Projekt „Mut tut gut“ in der Schule gelernt hätten. Aber das habe nichts gebracht. 

Online Anzeige erstattet 

Die Neuenraderin erstattete jedenfalls online Anzeige. Benannte auch alle möglichen Zeugen für den Vorfall und recherchierte zum Hintergrund des mutmaßlichen Täters. Die Neuenraderin betont: Sie arbeite seit 15 Jahren als Berufsschullehrerin mit Jugendlichen. In diesem Fall sei es keine einfache Rangelei gewesen, einen solchen Vorfall hätte man an der Schule auch zur Anzeige gebracht. 

Jedenfalls dauerte es lange bis sich etwas rührte. Mitte November musste man bei der Polizei in Plettenberg aussagen. Vor Weihnachten sollte sie sich überlegen, ob sie nun Strafanzeige erstatte oder nicht. Kurz vor Ostern sei ihrer Kenntnis nach noch ein weiterer Zeuge gehört worden. In den Ferien habe sie nun das Schreiben der Staatsanwaltschaft mit dem Hinweis auf Einstellung des Verfahrens erhalten. 

Nachfragen bleiben unbeantwortet 

Die Neuenraderin stellt sich jetzt die Frage, wie das Ende dieser Geschichte auf die betroffenen Jugendlichen wirkt, welches Verständnis diese nun von der deutschen Justiz bekommen würden und wie es um deren Gerechtigkeitsempfinden aussehe. Sie würden sehen, dass jemand mit einer gewalttätigen Aktion offensichtlich einfach davon komme. Auch telefonische Nachfragen beim Staatsanwaltsbüro brachten sie nicht weiter; weitere Auskünfte gab es nicht. 

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hagen, Bernd Maas, sagte: „Es steht mir nicht zu, die Entscheidung zu kommentieren.“ Zudem handele es sich in dem Fall um Jugendliche, dazu werde ohnehin nichts gesagt. Generell könne er sagen, dass in solchen Fällen „keine gefestigten Verhaltensweisen erkennbar“ seien. Das sei „eine gängige Verfahrenserledigung“. Die Betroffenen würden das naturgemäß anders sehen, ergänzte Maas. Er versicherte, dass es sich um ein sensibles Feld handele, die zuständigen Leute besonders geschult seien. „Die haben vor Augen, dass sie die Jugendlichen in der Spur bekommen“, sagte Maas. Häufig gebe es aber auch ein erzieherisches Gespräch. 

Neueinstellungen nicht zu erwarten 

Dass das Verfahren so lange dauere, bis es zu einer Entscheidung kommt (Wartezeiten bei Verfahren betragen aktuell neun Wochen), liege auch an den personellen Engpässen beim mittleren Dienst bei der Justiz in Hagen. Die ausführende Ebene sei einfach unterbesetzt. Dauerkranke würden die Situation verschärfen. Maas sprach sogar von einer „prekären Lage“. Doch Neueinstellungen gebe es. Was das Justizministerium NRW mit seinem Sprecher Dirk Reuter bestätigt. Fünf Stellen habe man zugewiesen, drei hätten per 1. August den Dienst aufgenommen, zwei weitere hätten verbindliche Zusagen bekommen. Landesweit hätte man in diesem Bereich 116 zusätzliche Stellen geschaffen, sagte Reuter. 

Bleibt noch eine Bemerkung von Maas: Die Polizei sei überlastet, das wisse er aus den Akten, zudem arbeite man ja eng mit der Polizei zusammen und bei der Hagener Polizei sei es wohl auch schlimm in Sachen Unterbesetzung. Eine Einschätzung, die andere teilen.

Von Peter von der Beck

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