Neues Gertrüdchen-Konzept: Kritik von vielen Seiten

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Kein Durchkommen mehr: Die Gertruden-Passage ist insbesondere in den Abendstunden mitunter brechend voll. Diejenigen, die dann am Zapfhahn stehen, müssen starke Nerven haben – und vor allem extrem schnell arbeiten.

Neuenrade – Das neue Bewirtungskonzept für das Traditionsfest Gertrüdchen stößt nicht überall auf Gegenliebe.

Der Wirteverein lehnt es ab, die Neuenrader Gastronomen Kai und Heinz Friedriszik – Letzterer ist Vorsitzender des Wirtevereins – sind dagegen, und sämtliche Abteilungen des TuS Neuenrade werden sich nicht beteiligen. Ende September hatten Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) und Domenic Troilo von der Schützengesellschaft das Konzept im Rathaus vorgestellt. Einer der Grundgedanken: Die heimischen Vereine sollen unter anderem die Bewirtung in der Gertruden-Passage und am Bierwagen übernehmen. 

Eine Steuerungsgruppe – zu der das Organisationsteam um Rathaus-Mitarbeiterin Sabine Rogoli, die Pfadfinder, der Männergesangverein Liedertafel und die Schützengesellschaft gehören – leistet so viel Vorarbeit, dass sich Vereinsmitglieder nur noch in Arbeitslisten eintragen müssen. Nach den Festeinsätzen sollen sie entsprechend ihres Arbeitsanteils aus dem Gewinn-Topf bezahlt werden. Wie viel Geld dabei rumkommt, hängt schließlich vom Umsatz ab. 

Wirteverein: "Schlag ins Gesicht"

Der Wirteverein sieht die Planung als „Schlag ins Gesicht der Gastronomie“. Friedriszik erklärt: „Der Wirteverein betreibt seit 40 Jahren den Bierwagen beim Gertrüdchen.“ Er und sein Sohn Kai seien seit 25 Jahren für den Ausschank in der Passage zuständig. „Zunächst gemeinsam mit Apotheker Bernd Buntenbach, dann mit Apotheker Dr. Sven Simons“, sagt der Neuenrader. Er stellt klar: „Aber das operative Geschäft haben zum größten Teil wir mit unseren Teams der Gaststätten Zur Altstadt, Im Kohl und des Hotels Wilhelmshöhe übernommen.“ Dr. Simons habe ihm bereits 2018 mitgeteilt, dass er sich aus der Getruden-Passage verabschieden wolle. Das habe der Apotheker auch Bürgermeister Antonius Wiesemann mitgeteilt, der dann beschloss, langfristig ein neues Konzept auf die Beine zu stellen und die Vereine einzubinden. Ihn selbst als Betroffenen habe das Stadtoberhaupt über diese Pläne aber nicht informiert, kritisiert Friedriszik: „Ich habe nur zufällig davon erfahren, dass Gastronomen ausgeschlossen werden sollen.“ 

So wurde beim Gertrüdchen 2019 gefeiert

So wird beim Gertrüdchen gefeiert

Der Bürgermeister stellt das anders dar: „Heinz Friedriszik war von Anfang an über die Pläne informiert. Wir haben schon zu Beginn der Überlegungen das erste Gespräch miteinander geführt.“ 

Mittlerweile ein "Publikumsmagnet"

In diesem Jahr hat der Neuenrader gemeinsam mit seinem Sohn Kai und den Teams der Gastronomiebetriebe die Bewirtung in der Passage noch einmal übernommen: „Es hat super geklappt. Sie hat sich im Laufe der Jahre durch viele Höhen sehr gut entwickelt und ist ein Publikumsmagnet“, stellt er fest. Dass er und sein Sohn mit ihren Teams in der Passage gute Arbeit geleistet hätten, habe ihm auch Bürgermeister Wiesemann lobend bescheinigt. Er ärgert sich darüber, dass diese Partymeile jetzt von Vereinen bewirtschaftet werden soll: „Sich ins gemachte Nest setzen kann jeder, denn voller als voll geht ja kaum noch.“ 

Der Gertrüdchen-Samstag 2019 in Bildern

Gertrüdchen: So lief der Samstag

Zudem ist er der Meinung, dass eine Bewirtung in einem solchen Rahmen wie dem Gertrüdchen in professionelle Hände gehört. In diesem Punkt erfährt der Neuenrader Unterstützung durch den TuS Neuenrade: „Wir sind im Bereich der Bewirtung nur Amateure, denen es nicht möglich ist, eine solche zusätzliche Aufgabe zu bewältigen“, heißt es in einem Schreiben an das Gertrudenkomitee, das Heinz Griesenbruch, der Vorsitzende des TuS-Gesamtvorstands, und sein Stellvertreter Andreas Becker verfasst haben. 

Einstimmige Entscheidung: TuS Neuenrade macht nicht mit

Der Vorstand habe mit sämtlichen Abteilungen über das Konzept gesprochen und sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. „Wir sind einstimmig zu der Erkenntnis gekommen, dass wir diese sehr verantwortungsvolle Tätigkeit nicht übernehmen können“, heißt es weiter. Aus Sicht der Sportler gibt es „keine Alternative zu den Profis, um weiterhin einen reibungslosen Ablauf des Gertrüdchens zu gewährleisten“. 

Der Gertrüdchen-Sonntag 2019 in Bildern

Der Gertrüdchensonntag in Bildern

Doch nicht nur der Respekt vor dem zeitweise riesigen Andrang in der Passage hat die Sportler zu ihrer Entscheidung veranlasst. Becker und Griesenbruch verweisen auf das bekannte Problem, von dem immer mehr Vereine betroffen sind: Es wird zunehmend schwieriger, Helfer zu finden, die gesamte Belastung lastet auf immer weniger Schultern. Der Vorstand schreibt: „Allein unser Ehrenamt im Verein bindet bereits sehr viel Zeit – und die freiwilligen Helfer werden immer weniger. Stiftungsfest, Swim-Run, Radtourenfahrt, Countrytourfahrt, Turniere und Ligawettkämpfe sind nur eine kleine Auswahl von sportlichen Aktivitäten, die im TuS Neuenrade sehr viele Ehrenamtler binden.“ 

Skepsis auch auf den Dörfern

Ob sich die Sportvereine aus den Dörfern am Gertrüdchen aktiv beteiligen, steht übrigens noch nicht fest. Das solle während der nächsten Vorstandssitzungen thematisiert werden, berichten Dirk Brockhagen, der Vorsitzende des SSV Küntrop, und Benjamin Nakajew, Vorsitzender des SV Affeln. 

Allerdings haben auch die Küntroper und Affelner Bedenken. „Jede weitere Veranstaltung bedeutet für den Verein eine zusätzliche Belastung. Heute ist es nicht mehr so einfach, Leute zu finden, die sich dann engagieren“, stellt Brockhagen fest. Auch Benjamin Nakajew erklärt, dass man zunächst genau überlegen müsse, ob Einsätze im Rahmen eines weiteren Festes für die Ehrenamtler aus Affeln überhaupt noch zu leisten seien.

Das Gertrudenkomitee hat sich schriftlich an alle Vereine gewandt, um das Konzept zu erklären, für das das Stadtmarketing Neuenrade unter dem Vorsitz des Bürgermeisters verantwortlich ist. In dem Schreiben heißt es, „das Apotheker-Ehepaar habe sich immer schwerer damit getan, die Passage mit mehreren hundert Gästen, Ausschank und Livemusik nebenbei alleine durchzuführen“. Für die Vereine gebe es kein finanzielles Risiko, wenn sie sich beteiligen. Im schlimmsten Fall erhielten sie für ihre geleistete Arbeit kein Geld, wenn kein Gewinn erzielt werde. Nach den Worten des Bürgermeisters wollen viele Vereine mitmachen. Etwa zwei Drittel aller Dienste seien bereits vergeben, sagte Wiesemann.

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