30 Jahre Deutsche Einheit

Neuenrades Partnerstadt Klingenthal "am Scheideweg"

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Ein Blick aus der Luft aus Neuenrades Partnerstadt: Klingenthal liegt im Südosten des sächsischen Vogtlandkreises. Die Landschaft erinnert ein wenig an das Sauerland.

Neuenrade – Es ist ein Wanderparadies, ein Wintersportzentrum und eine Musikstadt. Klingenthal ist landschaftlich reizvoll und erinnert ein wenig an das Sauerland, ein Trip nach Tschechien ist wegen der Nähe zur Grenze gut möglich.

Ein Werbefilm auf der Homepage von Klingenthal zeigt die Schönheiten. Wer hier in Sachsen Urlaub macht, kann auf seine Kosten kommen. Klingenthal – das ist die Partnerstadt Neuenrades. 

Seit 1990 besteht die Partnerschaft mit der Weltcupstadt der Skispringer offiziell, Kontakte wurden vom damaligen Neuenrader Bürgermeister Hans Schmerbeck schon Jahre vor dem Fall der Mauer geknüpft. Die Partnerschaft besteht also mindestens genauso lange wie die Deutsche Einheit, die morgen wieder gefeiert wird und sich am 3. Oktober zum mittlerweile 30. Mal jährt. 

Wie hat sich Klingenthal seit der Einheit entwickelt?

Abseits der offiziellen, auch unter Corona leidenden Feierlichkeiten und Termine: Wie hat sich Klingenthal in dieser Zeit entwickelt, wohin geht die Reise? Thorald Meisel hat dazu einiges zu sagen: Denn Meisel ist ein gebürtiger Klingenthaler und ein erfahrener Journalist. Das Beobachten und Analysieren gehört bei ihm zum Berufsbild. Er hat diese Verbindung zwischen Neuenrade und Klingenthal ziemlich von Anfang mit begleitet. Er kennt die Stadt und die Region: Jenseits der sattsam berichteten offiziellen Kontakte. 

Thorald Meisel (links) mit Klaus Peter Sasse und Veit Henning Krönke bei vorbereitenden Gesprächen für die nächste Ausstellung

30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist durchaus Positives zu berichten: Gewerbeansiedlungen, die neue Schanze und es gibt wieder eine Oberschule. Das ist wichtig für die Industrie. Aber Meisel macht sich auch Sorgen: „In den 2030er-Jahren wird Klingenthal viele Einwohner verloren haben.“ Im Stadtrat wurde jüngst ein Entwicklungskonzept verabschiedet. Darin sind Prognosen enthalten: „In den 30ern wird Klingenthal unter 8000 Einwohner haben“, heißt es darin. Und auch die Bevölkerungsstruktur wird sich ändern: „In zehn Jahren sind hier 40 Prozent Rentner“, ergänzt Meisel. Gleichwohl: Die Klingenthaler wollen ihre Stadt zukunftsfähig machen. Für den Umbau der Innenstadt – ein 70 Hektar großes Gebiet – sind wohl 70 Millionen Euro nötig. Man hofft auf EU-Geld. 

Musikindustrie führt nur noch ein Schattendasein

Klingenthal: Die Kleinstadt mit ihren Stadtteilen Klingenthal, Zwota und Mühlleithen hat noch Musikindustrie. Doch was „200 Jahre lang“ prägend für die Stadt gewesen sei, führe jetzt nur noch ein Schattendasein gemessen an früher, sagt Meisel. Der Akkordeonbau ist übrig geblieben. Und Musikfreunden sollte auch die Firma Seydel mit ihren Mundharmonikas ein Begriff sein. „2000 Mann haben früher einmal in dieser Branche gearbeitet, jetzt ist es noch ein Bruchteil,“ berichtet Meisel. Immerhin: Es gibt Injecta, einen Nadelhersteller, Maschinenbauer, Handwerker und Baufirmen. Etwas zum Vorzeigen ist die Vogtland-Arena mit der Schanze. Hier hatte man sich laut Meisel mehr erhoff „zu Zeiten von Sven Hannawald und Martin Schmitt“. Mit fünfstellige Besucherzahlen habe man gerechnet. Wenn jetzt 5000 Fans kommen, sei das schon gut, sagt Meisel. Und die Veranstaltungen drumherum seien wohl auch Zuschussgeschäfte. 

Die besten Skispringer und Nordisch-Kombinierer kommen alljährlich in den Weltcup-Standort Klingenthal. Hier geht mit dem Norweger Jarl Magnus Riiber der wohl momentan beste Kombinierer von der Schanze.

Euphorie kam in Klingenthal auf, als Tschechien zur EU kam. „Und heute kommen wir ohne die Tschechen nicht aus. Sie sind zur tragende Säule geworden.“ In der Tat wirbt man in der Region offen als das Tor zu Tschechien. Meisel betont, dass das Hauptthema jedoch der Verlust an Einwohnern sei. Es gebe „einen unheimlichen Leerstand“. Der Abrissbagger sei unterwegs, zumindest bei der öffentlichen Hand. „Private können sich das nicht unbedingt leisten.“ 

Rahmenbedingungen sind schwierig

Für Thorald Meisel ist jedenfalls klar: „Klingenthal ist am Scheideweg. Keiner weiß, in welche Richtung es gehen wird.“ Schwierig seien die Rahmenbedingungen, die Verkehrsanbindung sei bescheiden. Eine dreiviertel Stunde Fahrt benötige man zur nächsten Autobahn. Ein Gebirgskamm erschwere die Anbindung zusätzlich. Politisch bewege sich nicht viel, vor allem in der Corona-Zeit: „Kommunalpolitik findet ohne die Bürger statt.“ Mal kommen drei oder vier in die Ratssitzung. Das Interesse sei nicht da. Wohl aber werde gemeckert, ohne sich vorher sachkundig zu machen. 

Die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde am 31. August 1990 durch Neuenrades Bürgermeister Hans Schmerbeck, Klingenthals Bürgermeister Manfred Herold (l.) und Gunther Wetzel (r.), Präsident der Klingenthaler Stadtverordnetenversammlung.

Was die gesellschaftliche Entwicklung anbelangt, sieht der Journalist durchaus, dass sich die Gesellschaft auf dem Weg in eine Spaltung befinde. Es gebe durchaus radikale Kräfte, die von Rechts kommen würden. Schwierig sind die wirtschaftspolitischen und sozialen Rahmenbedingungen. „Viele Leute sind abgehängt, sind in der Zeit stehen geblieben und nicht unbedingt erreichbar. Deren Interessen reduzieren sich aufs Einkaufen. Und dabei muss es vor allem billig sein. Um die 70 Jahre alt ist dieses Klientel. Die Zustände interessieren sie nicht. Oder sie schimpften darüber“, sagt Meisel. 

Kann man junge Leute von außerhalb locken?

Ob man junge Leute von außerhalb in die Region locken könne? Thorald Meisel sagt, dass es wenig Arbeit gebe. „Wer kommt, muss sich einige Jahre auf Mindestlohn einstellen.“ Der Lebensstandard scheint nicht hoch. Ein Auto sei nötig zum Überleben. Wer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, der überlege schon, ob er mehrmals pro Woche zum Einkaufen fahre. Günstig könne man in Tschechien tanken, einkaufen auch. Aber umgekehrt würden auch die Tschechen in der Region einkaufen, vor allem wenn sie bei bestimmten Produkten Qualität haben wollten. 

Anlass zu Optimismus gibt die neue Oberschule, welche wieder ins Leben gerufen wurde. Von den Kindern, die die Schule besuchen und hier ihren Abschluss machen, davon erhoffe man sich Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit. Auf dass der eine oder andere seine Zukunft auch im Vogtland sieht. Denn Journalist Meisel weiß: „Früher gab es Abiturklassen, da sind 90 Prozent in die Ferne gegangen.“ 

Einzelpersonen halten Partnerschaft aufrecht

Und die Partnerschaft mit Neuenrade: Für Thorald Meisel sind es Einzelpersonen, die das aufrecht erhalten. Er habe das Gefühl, man müsse nach 30 Jahren die Partnerschaft auf eine neue Basis heben. Thorald Meisel, aber auch sein Freund Klaus Peter Sasse aus der Hönnestadt, gehören sicher zu diesem Personenkreis, die die Städtepartnerschaft mit Leben füllen. Demnächst kommt Meisel wieder nach Neuenrade – und er freut sich auf den Trip ins Sauerland.

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